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Neue Gesprächsbereitschaft gegenüber Russland

Der ukrainische Historiker und Publizist Yaroslav Hrytsak ist Professor an der Katholischen Universität in Lviv und Direktor des Instituts für Historische Forschung an der Ivan-Franko-Universität. Er gibt die Zeitschrift »Ukraina Moderna« heraus und ist Co-Direktor der Ukrainischen Historikerkommission. Beim Körber History Forum sprach er mit der Journalistin Gemma Pörzgen über Geschichte und Gegenwart der russisch-ukrainischen Beziehungen.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass der russische Präsident Wladimir Putin vielleicht in die Geschichte als derjenige eingeht, der die ukrainische Nation geeint hat. Was halten Sie von dieser These?

Ich stimme da gerne zu. Wenn man sich Umfragen anschaut, dann gab es einen erkennbaren Umschwung mit Blick auf Putin. Der russische Präsident hatte vor dem Euromaidan ein sehr gutes Image, und jetzt ist es sehr schlecht. Wenn man die Ukrainer einen will, muss man heute nur über Putin sprechen. Der Hass ist groß und das nicht nur in der West-, sondern auch in der Ostukraine. In der Ostukraine hassen sie Putin, denn er bedeutet für sie Krieg.

War der Krieg der Wendepunkt?

Nein, ich sehe den Krieg nicht als den Wendepunkt, sondern dieser Moment war früher, aber das haben nur wenige Leute bemerkt. Der echte Wendepunkt war Ende Januar 2014, während der dramatischsten Phase des Euromaidan, und es geschah in einer der größten Städte im Osten, Saporischje, wo zehntausend Leute auf die Straße gingen und die Behörden stürmten. Damals begann sich der Osten zu wandeln.

Wie sehen Sie die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine heute. Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, dass die beiden Nachbarstaaten ihr Verhältnis eines Tages wieder normalisieren könnten?

Es gab niemals so viele Gespräche über Versöhnung wie jetzt. Das nachbarschaftliche Verhältnis kann ja nicht für immer so bleiben.

Wo findet diese Debatte statt?

Überall, aber vor allem in der Gesellschaft. Ende Dezember gab es beispielsweise eine Konferenz in Charkiw an der ukrainisch-russischen Grenze. Organisiert wurde das von dem Schriftsteller Serjih Zhadan, der heute zu den führenden Stimmen der jüngeren Generation gehört. Er hat Schriftsteller aus dem Donbas eingeladen, die sehr anti-ukrainisch und pro-russisch waren. Sie sprachen über die Zukunft. Die Leute haben ja nicht unbedingt ein negatives Bild von Russland oder von der russischen Kultur, sondern vor allen Dingen vom Kreml und von Putin. Selbst Leute, die den Kreml und Putin hassen, haben zur russischen Kultur ein anderes Verhältnis. Hier kann man ansetzen, um weiter an der Versöhnung zu arbeiten.

Gibt es eine vergleichbare Entwicklung auch in der ukrainischen Politik?

Heute steht die ukrainische Gesellschaft besser da als der Staat. In der Gesellschaft gibt es mehr Gesprächsbereitschaft. Aber es gibt vereinzelte Politiker. Der erstaunlichste Fall ist die Kampfpilotin Nadija Savtschenko. Nachdem sie freigelassen wurde, hat sie begonnen, über Versöhnung zu sprechen. Sie sagte, sie sei bereit mit den Separatistenführern im Donbas zu reden. Savtschenkos Popularität hat das geschadet, aber es gibt ein paar Politiker, die diesen Weg gehen wollen. Weil immer noch Krieg herrscht, ziehen es bisher die meisten Politiker vor, mit gewisser Härte und anti-russischen Statements aufzutreten. Allerdings ist nicht der einzige Diskurs in der Ukraine.

Anders als viele Russen, die sich neuerdings von Europa abgrenzen, fühlen sich die Ukrainer Europa sehr stark verbunden. Wie würden Sie diese besondere Beziehung beschreiben?

Die pro-europäische Haltung dominiert überall in der Ukraine. Da gibt es nur Unterschiede in Nuancen. Wenn es heute ein Referendum gäbe, würden die Leute immer für die EU stimmen und gegen die Eurasische Wirtschaftsunion mit Russland – ganz unabhängig vom Krieg. Putin hat den dümmsten Fehler begangen. Selbst die Ostukraine möchte sich jetzt lieber Europa anschließen.

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