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»Neugierig auf die russischen Nachbarn«

Den Bürgern Kaliningrads kommt als Bewohnern der russischen Exklave eine Sonderrolle im russisch-polnischen Verhältnis zu. Paulina Siegień ist Grenzgängerin zwischen den beiden Welten, als Lokaljournalistin schreibt sie sowohl für Danziger als auch für Kaliningrader Medien. Jungen Europäern aus dem EUSTORY-Netzwerk berichtete sie kürzlich während eines History Camps in Polen darüber, wie sich die aktuellen russisch-polnischen Spannungen auf die Region auswirken.

Sie nennen sich selbst eine »transregionale Journalistin«. Was meinen Sie damit?

Das erste Mal bin ich im Rahmen einer Feldstudie für mein Ethnographie-Studium in Kaliningrad gewesen. Die Zeit dort habe ich sehr genossen, habe viele interessante Leute getroffen und außerdem Russisch gelernt. Im Jahr 2012 bin ich dann nach Gdansk gezogen, das war die Zeit, als die russisch-polnischen Vereinbarung über den lokalen grenzüberschreitenden Verkehr abgeschlossen wurde. Diese Vereinbarung bezieht im Prinzip die gesamte Region Kaliningrad mit ein. Wenn sich die Bewohner der Region für den lokalen grenzüberschreitenden Verkehr registrieren, ist es ihnen erlaubt, das Gebiet eines anderen Landes zu betreten und wieder zu verlassen. Diese Bewilligung war relativ einfach zu erhalten und wurde ursprünglich den Bewohnern in den Grenzregionen jeweils für die Dauer von zwei Jahren erteilt. Bis dahin war Kaliningrad für die meisten Menschen in Gdansk wie ein weißer Fleck auf der Landkarte. Sie sind aber neugierig auf ihre russischen Nachbarn geworden. Da ich die Stadt gut kenne, habe ich angefangen darüber für polnische Zeitungen zu schreiben. Während meiner regelmäßigen Besuche in Kaliningrad wurde ich von dortigen Lokalmedien angesprochen und sie fragten, ob ich auch etwas über die polnische Seite schreiben wolle. Plötzlich arbeitete ich für die Medien in Gdansk UND in Kaliningrad.

Was interessierte die Menschen auf beiden Seiten denn am meisten?

Im Allgemeinen ging es natürlich hauptsächlich um lokale Themen. Die zwei Städte sind sehr verschieden und das hat viele neugierig gemacht. Beispielsweise existieren in Gdansk gut entwickelte lokale und städtische Strukturen; zudem kann der Bürgermeister, wenn er Ideen hat, diese auch umsetzen, ohne vorher in Warschau um Erlaubnis zu bitten. Die Kaliningrader konnten das gar nicht glauben: Als Militärstützpunkt nimmt Kaliningrad eine strategisch wichtige Position ein und jede lokale Entscheidung muss immer von Moskau genehmigt werden.
Gleichzeitig interessieren natürlich Themen wie Sport meine Leser immer. Einer meiner ersten Artikel behandelte die Fußballweltmeisterschaft in Russland. Gdansk war während der Europameisterschaft einer der Austragungsorte gewesen und viele Polen haben sich dafür interessiert, wie Kaliningrad sich auf die Spiele dort vorbereitet. Die Menschen in Gdansk wollten wissen, was ihre Nachbarn über das bevorstehende Ereignis dachten und wie sie das Ganze organisierten.
Bestimmt gibt es auch einige, die einfach nur über die Grenze fahren, um Preise zu vergleichen und um zu erfahren, ob es sich lohnt einen netten, günstigen Einkaufstag »auf die andere Seite« zu unternehmen. Dennoch hatte ich immer den Eindruck, dass die Bewohner von Gdansk und Kaliningrad sich darüber hinaus miteinander verbunden gefühlt und die gegenseitige Nachbarschaft wertgeschätzt haben.

Sind diese gut entwickelten lokalen Bindungen stärker als die angespannte Beziehung zwischen Moskau und Warschau?

Für die politische Ebene würde ich das verneinen. Die lokalen Beziehungen sind von den Spannungen zwischen Polen und Russland beeinflusst, insbesondere in Kaliningrad.
Aber die geografische Nähe, nur etwa 150 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten, macht die Beziehungen auf der bürgerschaftlichen Ebene sehr wichtig für die Menschen. Natürlich gab es einige provokante Reaktionen, als Russland die Krim annektiert hat. Ich erinnere mich an einen Restaurantbesitzer in der polnischen Grenzregion, der ein Schild aufgehängt hat mit der Aufschrift: »Wir bedienen keine Russen«. Polen ist immer noch ein demokratisches und freies Land und man kann in seinem Geschäft keine Nationalität diskriminieren. Viele Polen fanden diese Diskriminierung unangemessen. Gleichzeitig wollten sie aber ihre Unterstützung für die Ukraine ausdrücken, am Ende wussten sie nur nicht genau wie.
Auf der anderen Seite gab es in Kaliningrad plötzlich Gerüchte, dass russische Bürger in Polen angegriffen worden seien. Ich glaube, das war ein Versuch der lokalen Behörden den Menschen dort Angst zu machen, sodass sie Kaliningrad nicht mehr verlassen – aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen, wer weiß.
Dennoch hat die Möglichkeit »auf die andere Seite« zu gehen sehr dabei geholfen, diese Spannungen zu überwinden, denn selbst wenn es nur um günstiges Benzin oder Ähnliches ging, die Menschen sind als Bürger in Kontakt gekommen, sie haben interagiert.
Deshalb ist es so problematisch, dass die Vereinbarung über den freien, lokalen grenzüberschreitenden Verkehr im Juli ausgesetzt wurde. Die polnische Regierung hat dies mit Sicherheitsbedenken während des Papstbesuchs und des NATO-Gipfels begründet. Die Aussetzung wurde sehr kurzfristig verkündet und umgesetzt, in nur drei Tagen, was für einen politischen Vorgang ziemlich überraschend und ungewöhnlich war. Russland hat dann das Abkommen ebenfalls ausgesetzt. Die Menschen in beiden Ländern waren bestürzt. Ich habe kritische Kommentare dazu geschrieben, weil es einfach schade ist! Das Abkommen hat perfekt funktioniert und die Bewohner der Region haben es ausgesprochen wertgeschätzt. Unglücklicherweise ist es bis heute weiterhin ausgesetzt.

Gibt es vorherrschende Stereotype auf der jeweils anderen Seite?

Wenn man Stereotype findet, dann eher auf polnischer Seite, würde ich sagen. Sie wussten nicht viel über ihre Nachbarn vor der Grenzvereinbarung und dachten, die Russen aus Kaliningrad würden zum Beispiel sehr unter Armut leiden und engstirnig sein. Das war aber tatsächlich etwas anders: Die Menschen aus Kaliningrad reisen durch Europa, viele von ihnen haben Schengen-Visa und es gab eine gute wirtschaftliche Entwicklung aufgrund der Entwicklung des Ölpreises.

Während des EUSTORY History Camps haben Sie junge Ukrainer, Polen und Russen getroffen, die zusammen für mehrere Tage gereist sind. Wie haben Sie das Verhältnis unter den Teilnehmern erlebt?

Tatsächlich wollten sie über die Themen sprechen, die in den Beziehungen zwischen ihren Ländern wichtig sind. Von Anfang an konnte man konnte fühlen, dass es ab einem bestimmten Punkt um diese Themen gehen musste, die Stimmung war angespannt. Beispielsweise ist es für Ukrainer wichtig zu hören, was die Polen über den Konflikt mit Russland denken. Was ich aber sehr schätze, war, dass die Studenten ihren Weg gefunden haben, respektvoll miteinander zu sprechen, sie sind verantwortungsvolle junge Bürger. Ich glaube, alles was bei einer Jugendbegegnung wie dem History Camp zählt, ist der Dialog. Das gilt sowohl für Treffen auf der »Graswurzel«-Ebene, als auch in internationalen Beziehungen allgemein.

Paulina Siegień ist Ethnographin, russische Philologin und Absolventin der Fakultät für Osteuropäische Studien an der Universität Warschau. Gegenwärtig promoviert sie an der Universität in Gdansk. Sie lebt zeitweise in Kaliningrad und berichtet darüber in ihrer Kolumne für die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza Trójmiasto.

Die jährlichen History Camps im Sommer und Herbst organisiert die Körber-Stiftung im Rahmen ihrer EUSTORY-Netzwerkaktivitäten zusammen mit internationalen Kooperationspartnern. Dort erhalten die Preisträger der nationalen EUSTORY-Geschichtswettbewerbe die Möglichkeit, ihr historisches Interesse mit anderen jungen Europäern während der Camps zu teilen und zu vertiefen sowie darüber hinaus auf dem History Campus weiterzuführen und weiter zu diskutieren. Im Rahmen des History Camps »Backpacking Visegrád with pen and camera« haben 20 junge Europäer aus 13 Ländern per Zug Ungarn, Tschechien und Polen bereist und unter anderem mit Paulina Siegień gesprochen.

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