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»Oh Gott – eine Russenparty!«

Tatjana Lidokhover und Alexander Mirimov sind in Sankt Petersburg aufgewachsen, kamen vor 20 Jahren nach Hamburg und haben 2001 gemeinsam mit vier Freunden das »Datscha-Projekt« gegründet. Die Gruppe organisiert unter anderem Konzerte mit osteuropäischen und russischen Bands; ihr Ziel: russische Musik zur Weltmusik machen und osteuropäische Lebensfreude in Deutschland verbreiten. Im Interview erzählt das Ehepaar von der Leidenschaft für gute russische Musik und warum aus der geplanten Datscha auf der Krim nichts wurde.

Wie kam es zur Gründung des Datscha-Projekts?

Tatjana Lidokhover: Ich habe mit meinem Zwillingsbruder in Eimsbüttel Ende der neunziger Jahre wilde Partys mit russischer Musik veranstaltet, allerdings noch ohne Hintergedanken. Wir haben einfach Freunde eingeladen. Da liefen dann Bands wie »Leningrad«, die haben damals einfach einen Nerv getroffen. Die Musik war sehr befreiend und unorthodox, aber trotzdem russisch, weil die Band sich zum Teil bei russischen Musikern bedient hat, die Jahrzehnte vorher gespielt wurde und lange Zeit verpönt waren. »Leningrad« hat ein ganz anderes russisches Lebensgefühl präsentiert, frei und locker, das entspricht eher meinen Erlebnissen in den neunziger Jahren in Russland. Die westlichen Medien haben immer nur berichtet, als wäre das ganze Land ein Ruinenfeld.

Alexander Mirimov: Die russische Kultur bietet mehr als das klassische Ballett und den Kalinka Chor, das wollten wir zeigen. Die Kalinkas darf es natürlich weiterhin geben, aber damals waren ganze Welten nicht erschlossen und diese Nische haben wir für uns entdeckt. Wir wollten unsere Begeisterung und Leidenschaft für russische Musik mit anderen teilen und eine Alternative zeigen zum Klischeebild von Russland. Damit bedienen wir nicht den Mainstream und sind auch nicht festgelegt, wir suchen nach Verbindungen zwischen scheinbar unterschiedlichen Musikrichtungen und Sprachen. Etwa dem Übergang von russischer Musik zu den Balkan Beats oder auch zu französischer Musik.

Ab wann haben Sie begonnen offizielle Partys und Konzerte zu organisieren?

Tatjana: Datscha ist jetzt 15 Jahre alt. Die erste Party war im Monsun Theater in Altona. Damals hieß das Ganze noch Gagarin-Party. Das lief so gut, dass wir uns zu fünft zusammen getan und einen Grafikdesigner gebeten haben unsere Flyer zu entwerfen. An seinem Niveau haben wir uns dann auch für die Partys orientiert. Er war der einzig Professionelle unter uns. Wir waren alle noch Studenten und hatten keine Erfahrung im Job. Das erste Konzert gab es dann zwei »Datschas« später mit der Band »NOM«, die gerade durch Deutschland tourte. Die waren echte Pioniere in den achtziger Jahren in Russland.

Alexander: Dann hat sich alles so entwickelt, dass wir die ersten neun Jahre im Fundbüro Partys und Konzerte veranstaltet haben, aber auch Festivals und Filmabende an anderen Orten. Auf den »Datscha Partys« gab es lange auch einen Life-VJ, der unsere Musik mit Videos unterlegt hat, Ausschnitten aus alten russischen Filmen der 60er und 70er Jahre.

Warum trägt Ihr Projekt den Namen »Datscha«?

Tatjana: In Russland gibt es »Datschniki« und Menschen, die eben keine sind. Zunächst ist die Datscha ein Ort, aber gleichzeitig stellt sie für jeden Russen eine Herzensangelegenheit dar. Dort fühlt man sich wohl, aber vor allem ist sie etwas sehr Individuelles. Jede Datscha in Russland wird so gebaut, wie man möchte. Gerade in der Sowjetunion war das etwas Besonderes, Not macht erfinderisch und so hat sich jeder die Datscha mit dem gestaltet was gerade da war. Sie gab einem also die Möglichkeit aus der sehr gleichförmigen Welt auszubrechen und in gewisser Weise frei zu sein. Datscha ist bis heute ein Lebensgefühl, außerdem kennt man den Begriff durchaus auch in Deutschland, in der DDR gab es sie schließlich auch.

Alexander: Wir haben auf unserer Website das Ziel beschrieben mit den Konzerterlösen eine Datscha auf der Krim zu bauen und dann entspannt dem Weltuntergang entgegenzublicken. Das war allerdings vor der Annexion der Krim, deshalb haben wir auf Facebook auch gepostet, dass wir nun lieber darauf verzichten, und die Datscha an die Ostsee verlegt.

Das Datscha-Projekt ist also eine reine Herzensangelegenheit?

Tatjana: Absolut! Aber wir wollten dennoch erfolgreich sein und ein bisschen was Verdienen. Wenn wir schon eine gute Band aus Russland holen, möchten wir auch entsprechend viele Besucher in den Klubs haben. Und die Marke »Datscha« hat einfach irgendwann so gut funktioniert, dass wir wirklich jede Band aus Russland einladen konnten. »Leningrad« etwa hat uns vertraut und direkt beim ersten Mal in Hamburg ein Konzert in der Fabrik in Altona gegeben.

Alexander: Wir hatten unseren Höhepunkt etwa um 2006 herum, da waren die Konzerte immer sehr gut besucht, mittlerweile ist man vielleicht etwas »markenmüde«. Wir bleiben aber gelassen, organisieren seltener und gezielter Konzerte. Hauptsache wir haben das richtige Gefühl bei der Sache. Momentan arbeiten wir eng mit der Fabrik zusammen und organisieren zwischen September und Mai etwa vier bis fünf Datscha-Partys. Das ist gemessen am Aufwand auch in Ordnung, insbesondere neben dem Job und der Familie.

Wer kommt zu Ihren Partys?

Tatjana: Von Anfang an kamen sehr viele Deutsche und etwa 30 Prozent Russen. Aber ansonsten würde ich sagen, es kommen »Hamburger«. Das Publikum ist international orientiert und offen für alles. Ich weiß noch, als wir das erste Mal ein Konzert in der Fabrik gemacht haben. Die Security dort hat wohl nur etwas von »Russenparty« gehört, dachte sich »Oh Gott« und hat sich schon auf das Schlimmste gefasst gemacht. Die hatten Klischees im Kopf und erwarteten russische Halbstarke. Sie waren erstaunt, dass sich am Ende alle im Arm lagen und einen Kreis gebildet haben zum Tanzen.

Gibt es die Datscha-Partys auch an anderen Orten?

Tatjana: Ja, wir waren schon in vielen Städten unterwegs und haben eine Art »Satellit« in Lübeck im Klub Treibsand, dort kommen manchmal bis zu 500 Gäste zur Party. Das ist viel für so eine kleine Stadt. Im Jahr 2006 waren wir auch einmal in Russland, in Sankt Petersburg, und haben dort ein Konzert mit der Band »Dva Samoleta« (Zwei Flugzeuge) organisiert.

Was hat Sie denn überhaupt nach Hamburg geführt?

Tatjana: Wir sind Kontingentflüchtlinge mit jüdischen Wurzeln, ich kam mit 19 Jahren nach Deutschland, weil sich meine Familie aus wirtschaftlichen Gründen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dafür entschieden hat. Die ersten Monate waren heftig, ich konnte kein Wort Deutsch und Hamburg war für mich wie ein anderer Planet. Aber nach einem halben Jahr habe ich die ersten Freundschaften geschlossen und angefangen Soziologie und Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Alexander: Bei mir war es etwas anders, ich habe schon in Russland Germanistik, Romanistik und audiovisuelles Übersetzen studiert. Dann kam ich für ein Aufbaustudium nach Straßburg und danach nach Hamburg, in ein Flüchtlingsheim auf der Reeperbahn, ein ehemaliges Bordell. Dort habe ich ein Jahr gelebt, zusammen mit Menschen aus der ganzen ehemaligen Sowjetunion, wir sprachen zwar alle Russisch, hatten aber völlig verschiedene Hintergründe und Denkweisen. Das Zusammenleben dort war sehr spannend, aber auch ein bisschen gefährlich. Schließlich war ich froh, als ich Tatjana und ihre Freunde getroffen habe.

Sie haben eben die Annexion der Krim angesprochen, verbinden Sie mit ihrem Projekt auch eine politische Botschaft?

Alexander: Der Scherz mit der Krim war darauf bezogen, dass ich im Sommer als Jugendlicher mit meiner Mutter immer dorthin gefahren bin. Die Krim, die ich kenne, war ein bisschen wie Kalifornien. Klar gab es auch Schickimicki, aber vor allem trafen sich dort Hippies, Alternative, Künstler, Schriftsteller und Dissidenten. Meine ganzen Kindheitserinnerungen werden jedoch gerade von der russischen Regierung - ihrem aggressiven Handeln und ihrem patriotischen Kitsch rund um das Thema Krim - verdorben. Wir haben keine politische Botschaft per se. Aber wir verfolgen immer eine klare Linie, ob musikalisch oder mit unseren Filmreihen und Festivals. Es muss originell sein und natürlich unseren Geschmack treffen. Russische Bands, die durch Deutschland touren, womöglich noch mit Kreml-Verbindungen, und die ganze russische Diaspora anziehen, die laden wir nicht ein.

Das nächste Konzert mit der Gruppe »Dunkelbunt« und anschließender Datscha Party findet am 2. Dezember 2016 in der Fabrik in Altona statt.

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