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Putsch oder Revolution?

In dieser Woche jährt sich die russische Oktoberrevolution zum 99. Mal. Am 7. November 1917 stürzten die Bolschewiki unter ihren Anführern Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki die Regierung und übernahmen gewaltsam die Macht. Ein blutiger Bürgerkrieg folgte, und bis heute streiten Historiker, Autoren und Politikwissenschaftler darüber, wie diese Ereignisse tatsächlich zu bewerten sind. War es eine echte Revolution, angetrieben von den Arbeitern? Oder handelte es sich um einen Putsch machtbewusster Männer?

Eines steht fest: Die Oktoberrevolution markiert den Beginn eines neuen Zeitalters in Russland. Die Geburtsstunde der Sowjetunion liegt in naher Zukunft. Die Kommunisten haben mit der Oktoberrevolution endgültig die Macht übernommen und in großem Stil ihre politischen Widersacher ausgeschaltet. Ob man aber wirklich von einer Revolution sprechen kann, angeschoben von einem frustrierten und gebeutelten Arbeiter- und Bauernvolk, das ist bis heute umstritten. Denn Wladimir Iljitsch Lenin, Anführer der Bolschewiki, setzte den Führungsanspruch seiner Bewegung mit roher Gewalt um. Wer nicht folgte und sich nicht anpasste, wurde hingerichtet. Dafür sorgte in den Jahren nach der Machtübernahme die Tscheka, die Staatssicherheit. Sie vereitelte Sabotage und Konterrevolution. Hunderttausende kamen in Straflager oder wurden erschossen.

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Ist das nun eine Revolution oder schlichtweg ein Putsch?

Darüber diskutieren Forscher bis heute. Einerseits hatten die Bolschewiki viele Menschen auf ihrer Seite. Die Russen litten unter dem Mangel an Lebensmitteln, unter der Inflation und den Verlusten im Ersten Weltkrieg. Als der moderatere Flügel der russischen Sozialdemokraten, die Menschewiki, sich dafür aussprach, den Krieg fortzusetzen, brachen Unruhen aus, zunächst in der Hauptstadt Petrograd (St. Petersburg). Die Menschen suchten nach politischen Alternativen und fanden sie bei den Bolschewiki, die innerhalb der Partei der russischen Sozialdemokraten noch weiter links standen. In den Arbeiterräten erstarkten sie jetzt, die Zeichen standen auf Umschwung.

Andererseits überzeugten die Bolschewiki nicht langfristig. Ihre Ideen überzeugten, doch als die Menschen feststellten, dass die Dekrete über den Frieden, über den Boden und die Eigenständigkeit der Völker nicht dazu führten, dass es ihnen im Alltag besser ging, wandten sie sich von den kommunistischen Visionen ab. Was folgte, war ein mehrjähriger erbitterter Bürgerkrieg. Die Bolschewiki versuchten mit aller Kraft, die Macht an sich zu binden. Sie setzten dabei nicht auf politische Überzeugungsarbeit, sondern auf Terror und Unterdrückung. Weil sie rücksichtsloser und brutaler vorgingen als ihre Gegner, konnten sie sich durchsetzen.

Putsch oder Revolution? Diese Frage wird bis heute debattiert wird, weil die Antwort darauf auch über die Legitimität der Sowjetunion entscheidet. Sind die Arbeiter auf die Barrikaden gegangen? Hat das Proletariat sich gegen die Kapitalisten aufgelehnt? Wer das so sieht, teilt den Gründungsmythos der Sowjetunion als Arbeiter- und Bauernstaat. In dieser Lesart ist die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« glorreicher Anfang der Macht des Sozialismus – der ohne den Staatsstreich nicht auskommen konnte. Erst Putsch, dann Revolution, so lautet die wahrscheinlichere Antwort: Lenin glaubte, man müsse schnell einen Putsch durchführen, ehe der Kapitalismus wieder zu Kräften komme. Anschließend könne man sich der eigentlichen sozialen Revolutionsarbeit widmen.

So ist es schließlich auch gekommen. Nur das »Soziale« in der Revolutionsarbeit wurde in der sozialistischen Diktatur links liegen gelassen, die Menschen litten weiter unter der darbenden Wirtschaft und dem Terror der neuen Führung. Die zarten demokratischen Pflanzen, die nach der Abdankung des Zaren im Februar zu sprießen begonnen hatten, wie zum Beispiel die Provisorische Regierung, wurden durch die Gewalt der Bolschewiki zunichte gemacht. Die Ereignisse im Oktober könnte man für sich genommen als Putsch bezeichnen, als heimlich geplante, gewaltsame Machtübernahme durch eine Minderheit und Teile des Militärs.

Wie wird die Oktoberrevolution wohl im Jubiläumsjahr 2017 in Russland betrachtet? Der britische Historiker Orlando Figes sagt: Das Russland von heute leugnet nicht die Geschichte – es sucht aber gezielt nach Aspekten darin, auf die es stolz sein kann. Natürlich ist bekannt, dass im stalinistischen Terrorsystem 10 bis 30 Millionen Menschen umgekommen sind. Und trotzdem akzeptieren viele in Russland auch heute den bolschewistischen Gedanken, dass massive staatliche Gewalt dann gerechtfertigt sei, wenn sie einem hehren Ziel dient, nämlich der Revolution. Unter dem Eindruck einer solchen Differenzierung werden vermutlich auch die Gedenkfeiern im nächsten Jahr stehen.

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