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Was ist die »russische Seele«?

»Ich merke schon, dass ich in manchen Dingen russisch geprägt bin.« Die Schriftstellerin Alina Bronsky, Jahrgang 1978, wurde in Jekaterinburg geboren und lebt in Berlin. 2008 erschien ihr Debütroman »Scherbenpark«, in dem sie mit einem Familiendrama unter russischen Spätaussiedlern beschreibt, wie ein Mädchen seine Identität findet. Auch Bronsky musste selbst erst ihren Frieden mit ihrem, wie sie sagt, aufgeteilten Leben machen. Im Gespräch mit der Körber-Stiftung spricht sie über die »russische Seele«, kritisiert Pauschal-Urteile über Russen und erzählt, woran man eine russische Mutter auf dem Spielplatz erkennt.

Frau Bronsky, sind die Russen ein trauriges Volk?

Das wohl kaum: Wie kann man ein Land auf eine Emotion reduzieren? Schon »die Russen« ist schwierig, wenn man über eine Vielzahl von Individuen spricht. Ja, sie stehen im Verdacht, melancholisch zu sein. Das findet sich auch in russischer Kunst und Literatur wieder. Aber sie kennen genau wie alle anderen Menschen die gesamte Gefühlspalette.

Handelt es sich bei der vielbeschriebenen »russischen Seele« ebenfalls um eine solche Pauschalisierung?

Jeder Mensch wird natürlich von seinem Umfeld geprägt, erlernt bestimmte Codes, stellt fest: Das verbindet mich mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das lässt sich nicht leugnen. Aber was ist eine russische Seele? Wenn wir über Mentalitäten reden, müssen wir offen sein für Vielfalt und Nuancen – und ein geradezu mystisch-religiöser Begriff wie die »Seele« ist da in meinen Augen eher deplatziert, weil er menschliche Eigenarten als angeboren und kaum veränderbar darstellt.

Woher kommt es, dass man den Russen eine besondere Melancholie nachsagt?

Vulgärpsychologisch kann man das vielleicht so erklären: Russland blickt auf eine lange blutige Geschichte zurück, es kennt im Gegensatz zu seinen europäischen Nachbarn kaum Zeiten der Stabilität im westlichen, rechtsstaatlichen Sinne. Das hat auch mit der Größe des Landes zu tun, mit seinen Widersprüchen, mit der fehlenden Erfahrung, dass die Bürgerrechte ein hohes und schützenswertes Gut sind. Das könnte die Haltung nähren, sich der düsteren Seiten des Lebens stets bewusst zu sein.

Sind die Russen bereit, mehr zu erdulden als andere Nationen?

Einen gewissen Fatalismus könnte ich bestätigen, weil es eben keine Erfahrungen gibt mit einem zuverlässigen und starken Rechtsstaat. Ein Rechtsstaat, in dem der Einzelne weiß, dass er Rechte hat und sie auf dem Rechtswege durchsetzen kann. In Russland haben die Menschen deutlich weniger Vertrauen in die Institutionen. Aber ob sie deswegen masochistischer und leidensfähiger sind als andere? Das möchte ich nicht unterschreiben. Tatsache ist, dass andere Bindungen, etwa die familiären, wichtiger werden, wenn die staatlichen Strukturen versagen.

In Polen ist es ein verbreiteter Glaube, dass das Land sich als »Christus der Nationen« jahrhundertelang aufgeopfert habe, damit die anderen Völker es besser haben würden. Betrachtet man sich auch in Russland als Märtyrer-Nation?

Ich lebe schon lange in Deutschland und habe damit so eine Zwischenposition. Russland hat mich geprägt, aber ich fühle mich nicht als Expertin für die aktuelle Situation. Wenn es solche Strömungen geben sollte, weiß ich nichts davon.

Hat die Unterdrückung durch Zaren, Kirche und Kommunisten aus den Russen ein optimistisches oder ein pessimistisches Volk gemacht?

Mit Blick auf die staatlichen Strukturen muss man schon sagen: Da ist nicht viel Optimismus vorhanden. Wie optimistisch oder pessimistisch ein Mensch ansonsten ist, ist individuell sehr verschieden, hängt sicher auch von seinen eigenen Ressourcen und Erfahrungen ab. Wer wirtschaftlich besser da steht, der ist auch optimistischer. Wenn sich die Lebensumstände spürbar verschlechtern, sorgt das natürlich für Frust und nährt den Fatalismus.

Der Kommunismus liegt jetzt 25 Jahre zurück. Wie hat sich der russische Gemütszustand in dieser Zeit verändert?

Das Land hat sich komplett gewandelt. Der Horizont der Menschen hat sich massiv erweitert, von den Reisemöglichkeiten über den Konsum bis hin zu neuen Wahlmöglichkeiten in der Bildung und der Medizin. Gerade die Metropolen wandeln sich rasant. Auf dem Land ticken die Uhren deutlich langsamer. Ein Teil meiner Familie lebt in Jekaterinburg und Umgebung. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut.

Sie selbst wurden in Jekaterinburg geboren. Merken Sie manchmal noch an sich selbst eine »russische Seele«?

Ich merke schon, dass ich in manchen Dingen russisch geprägt bin. Ich lebe sehr lange in Deutschland, aber einen wesentlichen Teil meiner Kindheit und Jugend habe ich in der Sowjetunion verbracht. Schön ist es, Menschen zu treffen, die auch eine Migrationserfahrung in der späten Kindheit kennen, wo einem schon vieles bewusst ist. Man spürt sein Anderssein auch an Kleinigkeiten: dass man Pumuckl nicht geschaut hat, dass die Eltern einen anders erzogen haben. Gerade unter Osteuropäern gibt es witzige Gemeinsamkeiten. Neulich fragten mich meine Kinder: Erkennt man einen Russen daran, dass er sich ständig die Hände wäscht? Hm, tatsächlich! Wenn ich auf dem Spielplatz eine Mutter sehe, die die sandverklebten Hände ihres Kindes mit einem Desinfektionstuch abreibt, bevor sie ihm einen – natürlich gewaschenen und geschälten! – Pfirsich reicht, dann kommt sie mit größerer Wahrscheinlichkeit aus Russland. Die Angst vor Krankheiten und Keimen habe ich bei Menschen, die aus Russland oder der Sowjetunion stammen, deutlich häufiger angetroffen.

Wie findet man seine Identität, wenn man eine kulturelle Seele in sich trägt und dann in ein ganz anderes Land zieht?

Als ich nach Deutschland kam, wollte ich unbedingt ein Teil davon werden und mit Russland erstmal nichts zu tun haben. Ich habe es als Teenager negiert und geleugnet. Irgendwann kam das Interesse an der Herkunft aber verstärkt zurück. Es hat mir geholfen, dabei nicht eine bestimmte Rolle erfüllen zu wollen, sondern diese innere Vielfalt zu akzeptieren. Wenn man in einem homogenen Umfeld lebt, ist das natürlich schwerer als in der sehr internationalen Hauptstadt. Am Anfang habe ich in Hessen gelebt und sprach überhaupt kein Deutsch. Da war mein Fremdheitsgefühl schon groß.

In Ihrem Debütroman »Scherbenpark« von 2008 geht es um ein Familiendrama und die Identitätsfindung unter russischen Spätaussiedlern.

‚Scherbenpark’ basiert auf einem realen Mordfall unter Russlanddeutschen. Ich kannte einige Menschen aus diesem Umfeld. Dass ich einen besseren Zugang zu ihnen hatte, lag sicherlich auch an meiner Herkunft. Aber ‚Scherbenpark’ ist ein Roman und kein Integrationsbericht. Es geht darin um Menschen, die unter schwierigen Umständen leben. Als Autorin habe ich natürlich ein ganz anderes Interesse, eine spannende und emotionale Geschichte zu erzählen, als etwa ein russlanddeutscher Verbandsvorsitzender, der die Integrationserfolge seiner Gruppe hervorhebt.

In der Reihe »Gebundenes Leben« war Alina Bronsky am 24. Mai 2016 zu Gast im KörberForum. Sie sprach über ihr Buch »Baba Dunjas letzte Liebe«, das von einer alten Frau erzählt, die viele Jahre nach dem Reaktorunglück in ihre Heimat Tschernobyl zurückkehrt, um dort selbstbestimmt zu leben.

                                                                                                                  Interview: Madeleine Janssen

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