X

»Russland war immer ein schwieriger Nachbar für die baltischen Staaten«

Drei Fragen an – Mall Hellam

Wie würden Sie Russlands derzeitiges Vorgehen gegenüber den baltischen Staaten beschreiben?

Wenn wir die Geschichte betrachten, war Russland nie ein guter und bequemer Nachbar für die baltischen Staaten – mit Ausnahme der Jelzin-Ära zu Beginn der 1990er Jahre. Putin dagegen hat während seiner 15-jährigen Regierung jede aufkommende Demokratiebestrebung in Russland im Keim erstickt, indem er die Medien zensierte, Wahlen manipulierte, politische Gegner einsperren ließ, Nichtregierungsorganisationen schikanierte und so weiter. In seiner Außenpolitik konzentriert er sich sehr stark auf die unmittelbaren Nachbarn und damit auch auf die baltischen Staaten. Russlands außenpolitische Ziele haben nichts mit seinen deklarierten Zielen wie »kulturelle Werte« oder »der Schutz von Russen im Ausland« zu tun. Die Mittel der Einflussnahme durch den Kreml sind die Einschüchterung der Nachbarn durch militärische Aktionen, die Unterstützung kremltreuer Organisationen und der orthodoxen Kirche sowie pro-russische Propaganda. Russlands hauptsächliche Zielgruppe in den baltischen Staaten ist die russischsprachige Bevölkerung. Im öffentlichen Diskurs und in den Medien achtet man sehr genau auf die Absichten des Kremls und auf seine Politik. Die Angriffe auf Georgien 2008, die Annexion der Krim 2014 und der Krieg in der Ostukraine sind allen sehr gut im Gedächtnis.

Inwieweit beeinflussen unterschiedliche Interpretationen der Geschichte (etwa Besetzung oder Befreiung der baltischen Staaten durch die Rote Armee während und nach dem Zweiten Weltkrieg) die derzeitigen Beziehungen zwischen den baltischen Staaten und Russland, ihrem östlichen Nachbarn?

Die baltischen Staaten waren schon 1940 mit der Roten Armee und dem kommunistischen Regime konfrontiert, als sie von Stalin zum ersten Mal annektiert und besetzt worden waren. Zehntausende sogenannte Feinde des Volkes wurden damals nach Sibirien und in andere Teile der Sowjetunion deportiert. Als sich der Krieg dem Ende näherte, besetzte die Sowjetunion die baltischen Staaten zwischen 1944 und 1945 erneut. Vor der Ankunft der Roten Armee flohen die Menschen in großen Strömen gen Westen, sie hatten noch schreckliche Erinnerungen an die Invasion von 1940. Russland betrachtet die Aktionen der Roten Armee dagegen als Befreiung der osteuropäischen Länder. Das Narrativ des »Sieges« im Zweiten Weltkrieg ist das Rückgrat der russischen Identität.

Russlands Neubewertung der baltischen Unabhängigkeit liegt ebenso auf einer Linie mit der russischen Perspektive auf die baltische Geschichte. Üblicherweise leugnet Moskau die sowjetische Besatzung der baltischen Staaten. Nur in den frühen Jahren der Präsidentschaft Boris Jelzins gab es eine historisch einmalige Einigkeit in den baltisch-russischen Beziehungen. Am 29. Juli 1991 räumte Russland in einer offiziellen Erklärung ein, dass Litauen von den Sowjets annektiert worden war (wobei Moskau das Wort »Besatzung« vermied). Mitte der 1990er Jahre begann die russische Regierung allerdings, wieder von der Anerkennung einer sowjetischen Annexion abzurücken. Mit Beginn von Wladimir Putins Präsidentschaft 1999 nahmen die Spannungen über die Auslegung der Geschichte zu. Das neue Regime begann, die Erinnerungen an die Sowjetzeit wiederzubeleben und die Besatzung der baltischen Staaten zu leugnen. Seit den 2000er Jahren behaupten viele russische Regierungsmitglieder, die Unabhängigkeit und Souveränität der baltischen Staaten sei eine »Abnormalität«. Die Interpretationen der Geschichte aus Sicht der baltischen Staaten und Russlands bleibt umstritten und beeinflusst sicherlich deren künftige Beziehungen.

Es ist offensichtlich, dass die politischen Beziehungen zwischen Russland und den baltischen Staaten seit Beginn der Ukraine-Krise stark belastet sind. Wie steht es aber um die Beziehungen zwischen der russischsprachigen Minderheit und der Gesamtbevölkerung im Alltag? Beispielsweise in Städten wie der estnischen Hauptstadt Tallinn, in denen die russischsprachige Bevölkerung nahezu 40 Prozent der Einwohner ausmacht?

Die russische Bevölkerung in den baltischen Staaten ist sehr vielfältig und keinesfalls homogen. Auch sie vertreten unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschichte und die Gegenwart. Die Mehrheit, besonders die junge Generation der estnischen Russen, ist gut in die estnische Gesellschaft integriert: Sie sprechen Estnisch und andere Sprachen, haben die estnische Staatsbürgerschaft und haben für sich selbst eine europäische Identität angenommen. Die junge Generation im Nordosten Estlands sieht für sich allerdings keine langfristige Zukunft in ihrer Region und hofft auf bessere Möglichkeiten in Tallinn oder Westeuropa. Obwohl die russischen Medien noch immer einen erheblichen Einfluss auf die russischsprachige Bevölkerung haben, sind die Leute beispielsweise in Narva (Anm. d. Red.: Zentrum der russischsprachigen Minderheit in Estland) es leid, immer wieder Geschichten davon zu hören, dass ihre Stadt »die nächste Krim« sein könnte. Sie betrachten Estland als ihr Zuhause.

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leitung Bereich Geschichte und Politik
Leitung Fokusthema »Russland in Europa«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 160
E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Twitter Woidelko

Russland in Europa auf Twitter

Nora Müller
Leitung Bereich Internationale Politik
Leitung Hauptstadtbüro Berlin

Telefon +49 • 30 • 206 267 - 60
E-Mail mueller@koerber-stiftung.de
Twitter muellernora

Presse

Lisa Schachner
Pressereferentin

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 175
E-Mail schachner@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top