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Russlands Schwenk nach Osten: Hinwendung nach Asien oder Abkehr von Europa?

Von Anton Tsvetov

Seit Beginn der Ukraine-Krise reißen Russlands Beziehungen zum Westen immer weiter ab und Moskau baut die östliche Dimension seiner Außenpolitik aus – es arbeitet an einer engeren Partnerschaft mit China und zeigt verstärkt Interesse an asiatischen Angelegenheiten. Dies hat Besorgnis in Europa ausgelöst, denn Politiker und Beobachter fragen sich, wie langfristig und endgültig dieser Schwenk sein wird und was die europäischen Staats- und Regierungschefs daraus schlussfolgern sollen. Auch in Asien stellt man sich diese Fragen und überlegt, ob Russlands derzeitige Strategie von Dauer ist.

Mit demselben Begriff ‚Schwenk’ (im Amerikanischen »pivot«, Anm. d. Red.) bezeichnete die Obama-Administration die von ihr beschlossene Verlagerung diplomatischer und militärischer Mittel vom Nahen Osten und anderen Gebieten hin zum asiatisch-pazifischen Raum. Später wurde der Begriff des ‚Schwenks’ durch ‚Umverteilung’ (im Amerikanischen »rebalance«, Anm. d. Red.) ersetzt, weil der ursprüngliche Terminus zu negativ klang in Bezug auf die traditionellen Interessengebiete der USA. Beim Wort ‚Schwenk’ ging es zu sehr um das »weg von« und weniger um das »hin zu«, während der Begriff ‚Umverteilung’ rhetorisch geeigneter scheint.

Diesen Unterschied sollten wir deutlich sehen, da Russlands neue Asien-Strategie ebenfalls mehr einer ‚Umverteilung’ als einem ‚Schwenk’ entspricht. Man kann nur schwerlich argumentieren, dass Russlands verschlechterte Beziehungen zu Europa seine Ost-Ausrichtung ausgelöst hätten. Politische Differenzen übertrugen sich auf Handel und Investitionen. Es stellte sich heraus, dass eine wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit kein stabiles politisches Verhältnis garantiert und dass eine Krise umgekehrt zweifelsfrei auch gute Geschäftsbeziehungen stören kann. Da jegliche Anpassung der geopolitischen und ideologischen Ansichten mit dem Westen außer Reichweite ist, scheint es nur pragmatisch, dass Russland seine Interessen in andere Gebiete verlagert und sein »internationales Portfolio« erweitert.

Ostasien ist dabei die erste Wahl für solch eine Sicherungsstrategie. Sie geht einher mit einer qualitativ neuen wirtschaftlichen Entwicklung in Sibirien und dem fernen Osten des Landes – eine riesige, aber dünn besiedelte Region, die hinter dem Uralgebirge liegt und an Asien-Pazifik angrenzt. Die russische Führung hofft, dass ein diplomatischer Vorstoß gegenüber China und anderen ostasiatischen Staaten günstige Bedingungen schafft für eine ganze Welle an Investitionen, die sich über die hinterherhinkenden östlichen Ausläufer des Landes ergießt.

Ob diese Strategie von Erfolg gekrönt sein wird, ist eine andere Frage. Die bloße Tatsache, dass Sie diesen Artikel lesen, ist ein Beleg dafür, dass dieser Schwenk tatsächlich sichtbare Auswirkungen hat. Zu den beeindruckenden Zeichen für Russlands Erfolge in Asien gehören die Siegesparaden zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Moskau und Peking, an denen Wladimir Putin und Xi Jinping im vergangenen Jahr gemeinsam teilgenommen haben. Hinzu kommt eine Erklärung über die Annäherung zweier geo-ökonomischer Megaprojekte, an denen beide Staaten arbeiten: die Eurasische Wirtschaftsunion sowie die Seidenstraßen-Initiative. Zusammen mit einigen Erdöl- und Gasabkommen sowie Rüstungsgeschäften führten all diese großen Gesten dazu, dass manche Europäer schlussfolgerten: Russland wendet sich endgültig von Europa ab.

Langfristig wird Russland Europa weniger diplomatische Aufmerksamkeit schenken. Da das Land sich ökonomisch weiterentwickelt (und ich gebe die Hoffnung dafür noch nicht auf), wird es sicherlich eine breiter aufgestellte Außenpolitik hervorbringen. Diese Außenpolitik wird das Ziel haben den Fernen Osten zu fördern und der wachsenden Bedeutung der Asien-Pazifik-Region für das Weltgeschehen Rechnung tragen.

Europa wird auch weiterhin aufgrund der gemeinsamen Geografie auf der russischen Prioritätenliste ganz weit oben stehen. Europa ist ein wesentlicher Partner für das russische Wirtschaftswachstum, und ohne die Arbeitsbeziehungen mit der EU könnte die Eurasische Union nicht funktionieren. Gleichzeitig ist Russland, strategisch betrachtet, unverzichtbar für die europäische Sicherheit. Ohne eine konstruktive Auseinandersetzung mit Russland ist jegliches Gleichgewicht der Mächte in Europa einfach nicht überlebensfähig, wie etwa die Ukraine-Krise gezeigt hat. In Asien dagegen ist Russland zumindest im Moment nicht derart unverzichtbar.

Ganz praktisch bedeutet das: Russland wird sich immer mehr aus den europäischen Angelegenheiten herausziehen, allerdings um seine Entwicklungsstrategie zu stärken.

Während die Europäische Union sich bemüht, ihre Energieversorgung zu diversifizieren,, will Russland seine Exportmärkte erweitern. Doch auch diese Absichten werden in der Konsequenz lediglich bedeuten dass Moskau dann ungefähr 30 Prozent seiner Öl- und Gasproduktion nach Asien exportiert. 30 Prozent – nicht 70.

Solange im angespannten Verhältnis Moskaus zum Westen ein erhöhtes Risiko für die Geldgeber liegt, werden die asiatischen Investoren nicht allzu sehr drängen, Geld in russische Projekte zu investieren,. Zudem wird der russische Ferne Osten mit anderen Märkten wie Südostasien um chinesische, japanische und südkoreanische Unternehmen konkurrieren müssen. Diese sind im Umgang mit Russland kaum geübt, da russisches Engagement in der Region jahrzehntelang nicht vorhanden war. Deshalb ist es kaum überraschend, dass die Niederlande – und nicht China – derzeit die Nummer eins der Investoren in Russlands Fernem Osten sind.

All das heißt natürlich nicht, dass sich Russlands Beziehungen zum Westen nicht bessern können und sollten. Der derzeitige Zustand ist schrecklich und unnatürlich. Doch die Möglichkeiten, die sich in Asien bieten, nicht zu nutzen, wäre für Russland ebenso unnatürlich. Im Idealfall startet Russland ein nationales Programm zur wirtschaftlichen Modernisierung, zusammen mit internationalen Maßnahmen zur Vertrauensbildung. Das würde das Land zu einem attraktiven Partner sowohl für Asien als auch für Europa machen. Letzteres profitiert dabei immer von der gemeinsamen Kultur und Geschichte.

Anton Tsvetov arbeitet als Media and Government Relations Manager beim Russian International Affairs Council (RIAC), ein Moskauer Think Tank für Außenpolitik. Er ist Mitglied der Munich Young Leaders, einer gemeinsamen Initiative der Körber-Stiftung und der Münchner Sicherheitskonferenz. Tsvetov twittert über russische Außenpolitik und Asien unter @antsvetov. Die hier dargelegten Ansichten sind Meinung des Autors; sie geben keine offiziellen Positionen wieder.

 

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