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»Schade, dass die Visa nicht abgeschafft wurden«

Die Journalistin Elena Chernenko leitet das Ressort Außenpolitik der Tageszeitung Kommersant in Moskau. Sie ist zudem Mitglied des Netzwerks Munich Young Leaders, das die Körber-Stiftung zusammen mit der Münchner Sicherheitskonferenz ins Leben gerufen hat. Wir haben die Expertin für russische Außenpolitik und die Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn und zum Westen gefragt, wie sie die aktuelle Entwicklung in der Ukraine und in Syrien einschätzt und wie das Stimmungsbild dazu heute in Russland ist.

Russland steht aktuell aufgrund seines Eingreifens in Syrien und aufgrund der andauernden Konflikte in der Ukraine stark im Fokus internationaler Kritik. Welche Chancen sehen Sie aktuell für eine diplomatische Lösung beider Konflikte?

Ich bin von Natur aus eine Optimistin und hoffe sehr, dass es eine diplomatische Lösung geben wird, sowohl für Syrien, als auch für die Ukraine. Aber die heutige Situation in den beiden Ländern ernüchtert auch Optimisten wie mich. Es gab schon mehrere Versuche den Konflikt in Syrien mit diplomatischen Mitteln zu lösen, aber alle sind gescheitert. Schuld daran sind nicht nur die Terroristen, die sich an keine Regeln halten und keine Friedensverhandlungen anerkennen. Das mindestens genauso große Problem ist das Misstrauen zwischen den »Vermittlern« – Regionalkräften und Großmächten, die teilweise völlig verschiedene Ziele in Syrien verfolgen. Bis es eine diplomatische Lösung gibt, werden leider noch sehr viele Menschen sterben müssen.

In der Ukraine ist die Situation, Gott sei Dank, nicht so dramatisch, obwohl auch da fast täglich Menschen sterben. Und auch hier ist kein Durchbruch in Sicht. Von den 13 Punkten des Minsker Friedensabkommens ist noch kein einziger erfüllt worden. Momentan sieht es danach aus, dass wir es mit noch einem »eingefrorenen« Konflikt zu tun haben. Die Chancen für seine diplomatische Lösung würden sich drastisch vergrößern, wenn die Regierung in Kiew wieder auf den Kurs der Neutralität zurückkehren und ihre Hoffnung auf einen NATO-Eintritt aufgeben würde. Aber heute ist so eine Entwicklung nicht abzusehen. Und das bedeutet, dass Russland auch weiterhin alles tun wird, um die Ukraine von einer Integration in euro-atlantische Strukturen abzuhalten, wobei der Donbass als Haken dient.

Wie ist das Stimmungsbild in Russland, speziell in den russischen Medien, mit Blick auf die wachsende internationale Kritik?

Das hängt sehr davon ab, welche Medien es sind. Staatliche Medien überzeugen ihr Publikum davon, dass die Kritik an Moskau absolut unbegründet ist und meist von feindlich gesinnten Individuen/Ländern ausgeht. Die (mehr oder weniger) unabhängigen Medien versuchen ein objektiveres Bild zu vermitteln. Jedoch ist die Reichweite der unabhängigen Medien wesentlich geringer als die der Staatsmedien. Daher muss man sich nicht wundern, dass der Großteil der russischen Bürger glaubt, dass sie in einer von Feinden umzingelten Festung leben. Das heißt allerdings nicht, dass alle Kritik an Russland begründet ist. Die Berichterstattung vieler westlicher Kollegen über die Olympischen Spiele in Sotchi fand ich zum Beispiel ziemlich tendenziös und voreingenommen.

Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn derzeit ein?

Schlecht, wenn auch nicht so schlecht wie das Verhältnis zwischen Russland und den USA. Es ist hilfreich, dass es zwischen Russland und den EU-Staaten doch ein »Sicherungsnetz« gibt – umfangreiche Kontakte im Bereich Business, Bildung und Kultur, aber auch zwischen einfachen Menschen. Schade, dass – als die Beziehungen noch gut waren – die Visa nicht abgeschafft wurden. Dann wären diese Kontakte noch intensiver, vor allem unter jungen Menschen.

Wo sehen Sie Russland und Europa in 2025?

Das ist ein viel zu großer Zeitraum, um etwas vorhersagen zu können. Wer hätte noch im Jahr 2010 ahnen können, dass es in der Ukraine einen Krieg geben wird und die EU Sanktionen gegen Russland verhängt?

Elena Chernenko leitet das Ressort Außenpolitik der Tageszeitung Kommersant in Moskau. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat des Zentrums für Politische Studien (PIR-Center), der Arbeitsgruppe zur Zukunft der russischen-amerikanischen Beziehungen des Harvard Davies Center for Russian and Eurasian Studies sowie des Rats für Außen- und Sicherheitspolitik. Chernenko ist zudem Mitglied des Netzwerks Munich Young Leaders, das die Körber-Stiftung zusammen mit der Münchner Sicherheitskonferenz ins Leben gerufen hat.

Vor ihrer Tätigkeit bei Kommersant arbeitete sie bei der russischen Ausgabe des Newsweek Magazine, der deutschen Redaktion des Radiosenders »Stimme Russlands« und am Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik der Staatlichen Lomonossov Universität in Moskau. Chernenko erwarb ihre Promotion im Fach Geschichte. Ihre Themenschwerpunkte sind die russische Außenpolitik und die Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn und zum Westen.

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leiterin Fokusthema »Russland in Europa«
Programmleiterin
Körber History Forum

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E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Gabriele Woidelko auf Twitter

Bereich Bildung:
Sven Tetzlaff

Bereichsleiter

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Bereich Internationale Politik:
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Bereichsleiterin

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Lisa Schachner
Pressereferentin

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