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Wo komm ich her, wo geh ich hin?

Filipp Piatov ist einer, der viel zweifelt und hinterfragt. Einer mit einer bunten Herkunft: Er ist Jude, Russe, Deutscher, Digital Native. In seinem Buch »Russland meschugge« setzt er sich mit seiner Familiengeschichte auseinander und bereist Russland mit der Transsibirischen Eisenbahn. Jetzt lebt er in Berlin und fühlt sich noch immer »zwischen den Welten«.

Wenn sich jemand mit Schwermut trägt und viel nachdenkt und dann auch noch aus Russland stammt, wird ihm schnell die berühmte »russische Seele« angedichtet. Filipp Piatov kann das nicht leiden. Zu viel Klischee steckt darin, zu wenig wird es der Vielfalt Russlands gerecht – und der individuellen Person schon gar nicht.

Wer sich mit Filipp Piatov unterhält, erfährt etwas darüber, wie viele verschiedene Wurzeln ein Mensch haben kann – und wie das gleichzeitig zur Entwurzelung beitragen kann. Piatov, 25 Jahre alt, lebt in Berlin. Einer wie er passt perfekt in dieses Potpourri der Kulturen und Identitäten in der Hauptstadt. Jude, gebürtiger St. Petersburger (Leningrader, wenn man es ganz genau nimmt), Digital Native.

Filipp Piatov, sind Sie mit sich selbst im Reinen?

»Nein«, und das sagt er ganz schnell, ohne nachzudenken. »Nein, ich weiß auch gar nicht, ob das möglich ist. Ich denke sehr viel, ich zweifle sehr viel. Ich bin noch dabei, meinen Weg zu gehen.«

Ein Teil seines Weges ist das Schreiben. Im Herbst 2015 erschien sein Buch »Russland meschugge. Putin, meine Familie und andere Außenseiter«. Darin erzählt Piatov, wie er 2013 mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland gefahren ist, um das Land seiner Eltern kennenzulernen. Erzählt vom heutigen Russland, vom Luxus in den Städten und der Armut auf den Dörfern, vom russischen Hang zum Ertragen der Dinge. Als die rostige Sowjetunion endlich zusammengebrochen war, hatten seine Eltern genug vom Ertragen. »Wir waren unter den ersten, die gegangen sind«, sagt Filipp Piatov, dessen Vater die Kommunisten verabscheut. Auch davon erzählt er in seinem Buch: Wie die Eltern 1992 St. Petersburg hinter sich ließen, um in einem kleinen Ort in Süddeutschland ein neues Leben anzufangen. Dass es kein so neues Leben wurde, weil das alte fester in ihnen saß als gedacht, das konnte keiner ahnen.

Trafen die Eltern deutsche Bekannte auf der Straße, verkrampften sie, fühlten sich fremd, litten unter der Sprachbarriere. Besser sei es mit den Jahren geworden, das schon. »Aber das geht nicht mehr weg«, sagt Filipp Piatov, dem solche Momente schrecklich unangenehm waren. Das Selbstbewusstsein des kleinen Filipps ist schier grenzenlos, für seine Eltern will er stark sein und bestreitet diese alltäglichen Smalltalk-Herausforderungen als Alleinunterhalter. Dass eine Mitschülerin ihm in der Grundschule immer gehässig »Russe, Russe!« nachrief – pfff. Das hat er an sich abprallen lassen.

Heute arbeitet Piatov als Marketingexperte und Storyteller für ein Berliner Start-Up, das eine App für das Geldverschicken via Smartphone entwickelt hat. Storyteller entwerfen Geschichten rund um Produkte, um sie für die Nutzer erlebbarer zu machen. Nebenher schreibt Piatov Texte für die WELT, über seine russischen Wurzeln, über die politische Situation in Russland und der Ukraine. Manchmal thematisiert er auch seine jüdische Herkunft.

Sein Großvater Gennadi Piatov arbeitete in leitender Position in einer Petersburger Waffenfabrik, seine Großmutter Sonja war eine angesehene Kinderärztin. Seine Eltern besaßen mehrere Wohnungen in der Stadt. Ob sein Selbstbewusstsein mit dem Status der Familie zusammenhängt? Da wehrt er ab. »Mein Großvater war sehr erfolgreich, aber du konntest in Russland sehr wenig damit anfangen.« Was bringt einem der Status, wenn man ihn verstecken muss, fragt er. Seine Oma Sonja, eine Jüdin, die sich im Zweiten Weltkrieg den Partisanen angeschlossen hat und die er sehr bewundert, hat später zwar als Kinderärztin gearbeitet. »Klar konnte sie was, aber der Bauarbeiter, der sich zusäuft und ein Haus baut, der ist das Erfolgsexempel.«

Filipp Piatov musste dieses kommunistische Bild von Erfolg gar nicht selbst kennenlernen, um sich davon zu emanzipieren. Freiheit, sagt er, ist der allerwichtigste Wert für ihn. Freiheit, zu tun, was man mag. Freiheit, an Orte zu reisen, die einen reizen. Seine Tour mit der Transsibirischen Eisenbahn entsprang dieser Freiheit und führte ihm vor Augen, dass er es ganz gut hat. Denn das Russland von heute, mit Putin und Propaganda, mit Schwulenfeindlichkeit und Bezichtigungen ausländischer »Agenten«, das gefällt ihm nicht. Seit der Reise ist er nicht mehr dort gewesen. »Bis das Land sich nicht verändert, will ich da nicht hin.«

Der Versuch, seine Wurzeln zu entdecken, hat die gleiche Widersprüchlichkeit zutage gefördert, die auch seine Eltern gespürt haben müssen: Einerseits haben sie sich in Russland zuhause gefühlt, waren mit den gesellschaftlichen Regeln und der Sprache vertraut. Andererseits haben sie sich eingeschränkt gefühlt. Auch der Sohn spürte in St. Petersburg, dass ihn etwas mit dieser Stadt verbindet. »Ich merke, daher kommen meine Eltern. Diese Liebe zur Kultur, zur Literatur, das ist vorhanden«, sagt Piatov. Anderswo auf seiner Reise ist er angewidert, etwa von seinem Cousin und dessen Kumpel, die über Homosexuelle herziehen und nicht »von denen belästigt werden möchten«. Russland ist nicht schwarz-weiß. Aber was ist das schon?

Zum Gespräch kommt er ins Restaurant »Pasternak« im Prenzlauer Berg, in der Knaackstraße wimmelt es von jüdischen Restaurants und kleinen Bistros mit russischen Speisen. Ganz in der Nähe liegt die Synagoge Rykestraße im Kollwitzkiez. Nicht weit von hier befindet sich auch das Café, in dem Piatov Stunde um Stunde saß, seine Gedanken geordnet und an seinem Buch geschrieben hat. Filipp Piatov ist ein bisschen wie Berlin selbst: zwischen den Welten, immer ein bisschen hin- und hergerissen. Er ist russisch, deutsch, jüdisch, alles zugleich. Berlin ist Glamour wie in Mitte oder am Potsdamer Platz, es ist aber auch ranzig und bettelarm in manchen Teilen von Lichtenberg, Wedding oder Marzahn. »Es fällt mir schwer, mich irgendwo einzufügen«, sagt Piatov, der sich weder in der russischen Community noch in der Journalisten- oder Start-Up-Szene bewegt. Viele Wurzeln zu haben, bedeutet eben noch nicht, fest verwurzelt zu sein.

Versucht hat er es auch mit dem Judentum. Er, der unruhige Denker und Zweifler, ging nach dem Abitur für ein Jahr nach Israel. »Es wäre doch super«, dachte er damals, »so einen Halt zu haben und immer zu wissen, wieso etwas passiert, zu wem man gehen und was man lesen muss.« Es hat nicht funktioniert. Piatov, der Rationale, hat gewonnen gegen Piatov, den im Talmud Haltsuchenden. »Ich kann nicht ein 5000 Jahre altes Buch lesen und komische Rituale durchführen und mir einreden, dass das tatsächlich einen Sinn macht.« Dennoch spielt das Jüdischsein eine große Rolle für ihn, dessen Familie Dutzende Angehörige im Holocaust verloren hat. Irgendwann will er wieder in Israel leben.

Für Russland, diesen anderen Teil seiner Wurzeln, sieht er indessen schwarz.

Filipp Piatov las am Mittwoch, 14. September 2016 im Hamburger Körber Forum aus seinem Buch »Russland meschugge. Putin, meine Familie und andere Außenseiter« und stellte sich den Fragen seiner Zuhörer.

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Filipp Piatov: Wo ist Berlin am russischsten? (Video)

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