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Zwangsarbeiter: Die doppelten Opfer

Nach der Rückkehr in ihre Heimat wurden NS-Zwangsarbeiter in der Sowjetunion als Vaterlandsverräter wahrgenommen – und damit zu »doppelten Opfern«. Mit der Soziologin Elena Rozhdestvenskaya sprach Bernd Vogenbeck über die schwierige Erinnerung an Zwangsarbeit in Russland.

Frau Rozhdestvenskaya, es wird oft übersehen, dass die so genannten »Ostarbeiter« in doppelter Hinsicht zu Opfern wurden: Nachdem sie Zwangsarbeit im Deutschen Reich leisten mussten, galten sie in der Sowjetunion als Vaterlandsverräter. Was erwartete ehemalige Zwangsarbeiter, als sie in die Sowjetunion zurückkehrten?

Bereits zu Kriegsende wurde den Zwangsarbeitern in den Sammel- und Filtrationslagern klar, dass ihr weiteres Schicksal in der Sowjetunion ein schweres sein würde. Sie kamen hier erstmals in Kontakt mit den sowjetischen Behörden und begriffen: Es erwartete sie nicht nur Skepsis und der Verdacht, ein vergleichsweise entbehrungsfreies Leben geführt und durch ihre Arbeit den Feind unterstützt zu haben, sondern auch offene Ablehnung, Ausgrenzung und – ganz konkret – der Ausschluss von elementaren Bürgerrechten und Arbeitsverbote.

Wie reagierten Menschen darauf, dass sie als ehemalige Zwangsarbeiter mit Repressalien zu rechnen hatten?

Sie reagierten auf die Verdächtigungen und spürbare Ablehnung mit unterschiedlichen Strategien, vor allem durch die Vertuschung der erzwungenen Arbeit für das Deutsche Reich oder das Fälschen von Dokumenten. Dokumente, das muss man unterstreichen, hatten in der Sowjetunion eine unvorstellbare Macht über das weitere Leben dieser Menschen: diese Macht bestand in der Kategorisierung, die durch sie erreicht wurde, und dies wiederum entschied über die Aussichten der Reintegration in die Gesellschaft allgemein und insbesondere auch über Berufschancen. Neben dem »Verlieren« ihrer Dokumente versuchten ehemalige Zwangsarbeiter oft auch andere, neue Dokumente zu erhalten. Eine bemerkenswerte und wiederkehrende Strategie bestand hier etwa im Eingehen einer Ehe – nicht nur Frauen, auch Männer wechselten dabei ihren Namen und konnten so andere Dokumente erhalten, gleichsam ihre Identität ändern. Das Schicksal der ehemaligen NS-Zwangsarbeiter ist aber auch oft gekennzeichnet von regelmäßigen Ortswechseln: Sie versuchten natürlich in ihre Dörfer zurückzukehren, wurden dort allerdings mit Skepsis und Ablehnung konfrontiert. Um dem Stigma, das an ihnen haftete, aber auch um behördlicher Überwachung zu entgehen, suchten sie an anderen Orten einen Neuanfang – in einem gewissen Sinne setzt sich ihr Schicksal der erzwungenen Migration also auch nach dem Krieg fort. Die Zeit hoher Ungewissheit, erzwungener Mobilität und versuchter Kaschierung der eigenen Identität dauerte viele Jahre und machte aus den Zwangsarbeitern eine Gruppe, die gleichsam unsichtbar wurde.

Sie haben die Zwangsarbeiter auch als »Gemeinschaft des Schweigens« bezeichnet…

Ehemalige Zwangsarbeiter schwiegen selbst gegenüber der eigenen Familie – gegenüber dem Ehemann, den Kindern – über ihre Vergangenheit. Sie konnten ihre Erfahrungen nicht kommunizieren. Das zeigt sich bis heute in den Interviews, die ich führe: Das Reden über das eigene Schicksal von Zwangsarbeit ist oft begleitet von ungefähren und ausweichenden Formulierungen, weil die individuellen Opfer in der Regel über kein Vokabular verfügen, um diese Erfahrung öffentlich auszudrücken. Es gibt auch innerhalb der Gruppe der ehemaligen NS-Zwangsarbeiter kein verbindendes und zugleich positiv besetztes Narrativ. So können diese die eigene Erfahrung auch nicht mit den Erfahrungen anderer Weltkriegsteilnehmer teilen: Das zeigt sich etwa darin, dass Opferverbände und Veteranenverbände nicht mit einander sprechen und den »Tag des Sieges« am 9. Mai auch stets getrennt begehen.

Hatten die Entschädigungsleistungen, die ab dem Jahr 2000 ausgezahlt wurden, einen Einfluss auf die Situation der Zwangsarbeiter in Russland?

Für die Position der Zwangsarbeiter in der Öffentlichkeit hatte die Geste der Entschädigung eine kaum zu unterschätzende Bedeutung, weil diese Opfergruppe dadurch in bisher unbekannter Deutlichkeit sichtbar wurde. Zwar zeigten sich die Zwangsarbeiter erstmals im Umfeld der gesellschaftlichen Öffnung der späten 1980er Jahre, der Glasnost: Damals schlossen sie sich der Interessenvertretung der Opfer des Nationalsozialismus an, die aber unter der Bezeichnung »Vereinigung der minderjährigen KZ-Häftlinge« in doppelter Hinsicht – mit Verweis auf sowohl »Häftlinge« als auch »Minderjährige« – zum einen die eigene Unschuld unterstrich und zum anderen das spezifische Schicksal der Zwangsarbeiter im Kontext der allgemeinen Opfergruppe verschleierte. Erst durch die Auszahlungen in den 2000er Jahren setzte ein Prozess ein, in dem die Zwangsarbeiter zu einer eigenständigen diskursiven Sprache fanden, mit der sie ihre Erfahrungen beschrieben konnten. Ich habe auf die verschlungenen, ja zerrissenen Lebenswege vieler Zwangsarbeiter im Umfeld von Kriegsende und Neuanfang in der sowjetischen Nachkriegsgesellschaft hingewiesen: Die Anerkennung von Entschädigung ermöglichte ihnen nun eine Thematisierung ihrer spezifischen Erfahrungen und eröffnete ihnen dadurch die Chance, ihre gebrochenen Biographien zu »reparieren«, ja zu einem sinnhaften Ganzen zusammenzufügen.

Welchen Platz können die persönlichen Opfernarrative im russischen Geschichtsbild einnehmen?

Es ist schwierig, das eindeutig zu beantworten, daher möchte ich es gerne in Perspektive rücken. Mit der Perestroika setzte in den 1980er Jahren ein Boom in der Erforschung der eigenen Geschichte ein – Archive wurden geöffnet, Informationen wurden zugänglicher. Damit ging auch einher, dass die Geschichte und die Erfahrungen von Opfern sichtbar wurden. Damals konnten wir unser Wissen von der Vergangenheit vervollständigen – doch diese Zeit scheint heute vorbei: Wenn auch die Fakten vorliegen, so werden diese im heutigen Geschichtsdiskurs nicht benötigt. Heute ist die Aufgabe der Geschichtsschreibung nicht, die Vergangenheit vollständig zu beschrieben, sondern eine Idee zu vermitteln: Eine vereinfachte Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges schafft Identifikation über die Abgrenzung von Feinden und die historische Größe des Sieges – und vermittelt dabei den Wert des Patriotismus. In einem solchen Weltbild sind Opfernarrative Marginalien.

Welchen Stellenwert kann die Erinnerung an Zwangsarbeit in Zukunft in Russland haben?

Mit der Zeit, so glaube ich, wird der Status der Opfer höher anerkannt werden. Ich hoffe hier auf eine aufklärerische Öffnung, die der öffentlichen Anerkennung ihrer Erfahrungen mehr Raum zugestehen wird. Es ist eine Aufgabe der Ethik und des Anstands, diesen Menschen eine Rehabilitation zu ermöglichen. Das ist auch wichtig, um ihren Kindern – als der nachfolgenden Generation – ein Angebot für eine positive Identifikation zu machen. Aber die unmittelbar Betroffenen werden davon nicht mehr profitieren: die »verspäteten Blumen« erhalten sie leider nicht rechtzeitig.

Elena Rozhdestvenskaya ist Soziologin an der Moskauer Higher School of Economics. Sie beschäftigt sich mit Biographieforschung und Erinnerungskulturen in Russland und im postsowjetischen Raum. Einen besonderen Fokus setzt sie auf die Bedeutung persönlicher Erinnerung im Kontext von offiziellen und alternativen Geschichtsnarrativen.

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