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Zwei Schätze für eine Seele

Josef Stalin nannte die deutschstämmigen Russen Verräter und deportierte ab 1941 viele von ihnen in Arbeitslager. Auf Umwegen fanden sie in den 1990er Jahren eine neue Heimat in Deutschland, so auch in Hamburg. Trotzdem ringen sie immer noch um Anerkennung, wie Madeleine Janssen in ihrer Lokalreportage über Jakob Kronhard beschreibt.

Als Jakob Kronhard damals mit seiner Schaufel den Schnee von den Baumstämmen kratzte, bezweifelte er, ob er überleben würde. Die Wintertage im Ural waren hart. Mit der Axt trennte er die Äste vom Stamm, gemeinsam mit einem Mitgefangenen sägte er die sperrigen Teile auseinander, ein Lastwagen brachte das Holz weg. Die Bewacher standen mit Kalaschnikows und Hunden neben den deutschen Arbeitern, so erinnert sich Jakob Kronhard heute an diese Zeit.

»’Ihr müsst arbeiten, Faschisten’, haben sie gerufen«, sagt Kronhard. »Wir durften uns nicht am Feuer wärmen.« Der damals 18-Jährige, dessen deutschstämmige Familie im Süden der Ukraine lebte, wurde auf Befehl Josef Stalins ins Uralgebirge deportiert. Am 28. August 1941, nach dem Überfall der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion, entschied der Kreml-Chef, dass jene, die im Zarenreich besondere Privilegien genossen hatten, nun Zwangsarbeit leisten müssten. 75 Jahre nach dem Deportationsbefehl hört man noch immer Kränkung aus den Geschichten der Russlanddeutschen, wenn sie erzählen, wie sie als vermeintliche Kollaborateure der Nazis beschimpft wurden.

Jakob Kronhard hat vier Jahre in der sogenannten Trudarmee (Arbeiterarmee, von russisch »трудармия«) Holz gehackt und Bäume gefällt, manchen Kameraden musste er tot aus dem Lazarett tragen: »Es war eine schreckliche, schreckliche Zeit.«

 

Dort wurden mit dem Stalinschen Befehl zur Deportation die Familien auseinandergerissen: Während Jakob Kronhard im Ural Bäume fällen musste, wurden die Eltern nach Kasachstan verschleppt. Die Mutter und den älteren Bruder sah Kronhard nie wieder – sie starben, ehe er aus der Trudarmee entlassen wurde. 1948 heiratete Kronhard. Auch seine Frau ist eine Deutsche, die in den Wäldern des Urals arbeiten musste. »Wir Jungens mussten fünf Kilometer zu Fuß gehen zu den Mädchens«, erinnert sich Kronhard. »Wir haben uns dann bekannt gemacht.« Nach ihrer Freilassung zogen beide in die Sowjetrepublik Kasachstan, wo Kronhard sein Geld als Kraftfahrer verdiente. Sie bekamen vier Kinder, sie hatten es gut, trotz des Stempels im Ausweis, trotz gelegentlicher Beleidigungen. Aber dieser innere Wunsch, nach Deutschland zu kommen, der ging nie mehr weg.

Wie Jakob Kronhard empfanden viele Russlanddeutsche. Endlich geschätzt werden, endlich auf der Straße und im Supermarkt Deutsch sprechen dürfen, sich endlich in der Gesellschaft akzeptiert fühlen. Seit 1990 sind insgesamt rund 2,5 Millionen Spätaussiedler in die Bundesrepublik eingewandert, die meisten stammen aus der Russischen Föderation, Kasachstan und der Ukraine. In den Neunzigerjahren kamen jedes Jahr Zehntausende hierher. Inzwischen sind die Zahlen deutlich zurückgegangen, auch, weil jetzt nur noch jene als Spätaussiedler gelten, die bis einschließlich 1992 geboren wurden.

»Am Anfang lief das alles etwas chaotisch ab«, sagt Gottlieb Krune, Mitgründer und Vorsitzender des »Hamburger Vereins der Deutschen aus Russland«. »Als Gorbatschow die Grenzen geöffnet hat, haben sich die älteren Russlanddeutschen sofort auf den Weg gemacht.« Deutschland sei auf so viele Einwanderer nicht vorbereitet gewesen. Wo sollten sie wohnen, wie würden sie sich integrieren? Würden sie arbeiten oder von Sozialhilfe leben? Sind nicht viele von denen kriminell?

Diese Fragen bewegten die Deutschen damals, und tatsächlich war die Kriminalitätsrate junger Russlanddeutscher höher als die der jungen einheimischen Bevölkerung, tatsächlich entstanden Neubaugebiete, in denen die Spätaussiedler fast unter sich und in denen viele Menschen arbeits- und perspektivlos waren – teilweise bis heute. Gottlieb Krune ärgert es, dass die Russlanddeutschen vor allem auf diese Weise aufgefallen sind. »Wir haben immer gesagt, dass man Probleme nicht vermeiden kann: Die Kinder und Jugendlichen haben eben eine andere Erziehung und Mentalität mitbekommen«, sagt er. »Aber man muss doch bitte auch die positiven Beispiele sehen.« Damit meint er all jene, die schnell Deutsch gelernt und sich einen Job gesucht haben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gibt ihm Recht. In einer Studie von 2013 heißt es: »Spätaussiedler sind im Verhältnis zu der relativ kurzen Aufenthaltsdauer in Deutschland gut integriert.« Junge Russlanddeutsche begingen etwas häufiger Straftaten, aber auch das sei rückläufig, heißt es in dem Bericht. Gottlieb Krune sieht sich in seiner Vereinsarbeit bestärkt: Hier vermitteln sie Sprachkurse, organisieren Lesungen und vernetzen die Russlanddeutschen in Chören, Tanzgruppen und Gesprächskreisen.

 

Neben dem Hamburger Stadtteil Osdorfer Born haben vor allem in Billstedt, Neugraben-Fischbek und Harburg viele von ihnen ein Zuhause gefunden. Aber der bekannteste Stadtteil dürfte Neu-Allermöhe sein, ein Wohngebiet aus den Neunzigerjahren im ländlichen Südosten der Stadt, manche nennen es »Klein-Moskau«. Hier spricht die Apothekerin bei Bedarf Russisch, auch die Frau am Postschalter erklärt zur Not auf Russisch, welches Porto man braucht. Im Edeka-Supermarkt liegen Pelmeni, grobkörniger Quark und geräucherte Wurst im Regal, zum Teil Original-Importe, darüber an der Wand ein Schriftzug für die Themenecke: »Osteuropa«. Denn auch wenn sie sich als Deutsche fühlen: Die russische Küche lieben die Spätaussiedler noch immer.

Soljanka oder Teigtaschen kommen auch bei den Kronhards regelmäßig auf den Tisch, russische Rotkäppchen-Schokolade steht in einer Glasschale im Wohnzimmer, auf dem Fensterbrett thront eine Matrjoschka-Puppe – feine Zeichen einer gar nicht so fernen Vergangenheit. 1990 besuchten Jakob und Alma Kronhard zusammen mit ihrem Sohn Waldemar per Visum eine Cousine in Bienenbüttel bei Hamburg und wollten direkt bleiben. Nach einigen Wochen im Durchgangslager Friedland und auf einem Altonaer Flüchtlingsschiff zogen sie in die Harburger Wohnung, die drei Töchter holten sie später nach. Dass sie mental alle in Deutschland angekommen sind, wundert Jakob Kronhard im Rückblick kaum. Mit den Kindern hat er schon in Kasachstan immer Deutsch gesprochen, er glaubt, dass sie deswegen in ihrem neuen Alltag gut zurechtkamen.

Herr Kronhard, haben Sie jemals darüber nachgedacht, wieder zurück nach Russland zu gehen? »Nein. Wir sind nach Deutschland gekommen, wir sind Deutsche, wir haben uns angestellt, wir haben alles in Ordnung gebracht, wir sind Deutsche und bleiben Deutsche. Das kann mir keiner wegnehmen, dass ich Deutscher bin.«

Da ist der Schatz, von dem Pastor Mathias Dahnke sprach: Die Russlanddeutschen tragen zwei Welten in sich, die deutsche und die russische. Aber das zu sehen und es zu mögen, fällt ihnen schwer. Manche mühen sich nach Kräften, das Russische abzustreifen. Vielleicht rührt der extreme Nationalstolz auch von der Angst, dass man ihnen wieder ein Stück Heimat aberkennen könnte. Vielleicht sehnen sie sich danach, mehr für ihre Integrationsleistung gelobt zu werden.

 

Ihre Verunsicherung macht sie auch zum Spielball zwischen Deutschland und Russland. Zuletzt zeigte sich das Anfang des Jahres, als die 13-jährige Russlanddeutsche Lisa F. in Berlin-Marzahn angeblich von Flüchtlingen sexuell missbraucht wurde. Die Geschichte entpuppte sich als Lüge, dennoch kursierte sie lange in rechtsextremen Foren und in der Spätaussiedler-Community. Schließlich warf der russische Außenminister Sergej Lawrow den deutschen Behörden vor, etwas zu vertuschen.

Dass sie sich nach Wertschätzung sehnen, kann man verstehen – aber genau das treibt die Russlanddeutschen auch in die Arme einer Partei wie der »Alternative für Deutschland« (AfD). In Mecklenburg-Vorpommern wählen die Menschen bald einen neuen Landtag. Auffällig viele Spätaussiedler sympathisieren mit der AfD. Und die Partei kokettiert damit: In Brandenburg hat sie vor zwei Jahren ihr Wahlprogramm auch auf Russisch verbreitet, in Thüringen begrüßen AfD-Redner die Zuhörer schon mal auf Russisch.

Die Schnittmengen sind offensichtlich: Sehnsucht nach einem rigorosen politischen Anführer, ein konservatives Wertesystem und nicht zuletzt die Ablehnung muslimischer Flüchtlinge. Letzteres war es wohl auch, was den Bruch der Russlanddeutschen mit ihrem traditionellen politischen Unterstützerlager CDU/CSU besiegelt hat: Nicht nur, dass die streng christlichen Spätaussiedler den Islam skeptisch beäugen – ihnen hat in den 1990ern niemand einen Empfang an den deutschen Bahnhöfen bereitet wie im Sommer 2015. Eine Merkelsche »Willkommenskultur« haben sie nicht erfahren, zumindest sehen sie das im Rückblick so und wenden sich deshalb denen zu, die sie ihnen nun – mit Verspätung – versprechen.

Lebenswegen von Deutschen, die aus Russland kommen, folgt die Körber-Stiftung auch in dem Buch »Heimat finden«, erschienen in der edition Körber-Stiftung.

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