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Die Russische Revolution in Berlin

Was ist übrig von der Russischen Revolution im heutigen Berlin? Dieser Frage ging der Journalist Nikolai Klimeniouk beim EUSTORY Next Generation Summit 2017 mit einer Gruppe junger Preisträgerinnen und Preisträger von Geschichtswettbewerben unter anderem aus Russland, Deutschland, Spanien, Estland und Bulgarien nach. In seinem Beitrag beschreibt er eine schwierige Spurensuche.

Wenn man in Berlin nach den Spuren der russischen Revolution sucht, wird man nicht so leicht fündig. Die Gedenktafel an einem unspektakulären Wohnhaus im Ostberliner Bezirk Friedrichshain verkündet: In diesem Gebäude nahm W. l. Lenin im August 1895 an einer Arbeiterversammlung teil«. Der knappe Text stammt aus der Zeit, in der der Name des russischen Revolutionsführers noch keiner Erläuterung bedurfte, und erinnert weniger an die Wirren der russischen Geschichte, wie an die Teilung Deutschlands. Berlin war keine Stätte der russischen Revolution, dennoch hat Deutschland wie kein anderes Land mit seiner Politik zum Erfolg dieser Revolution beigetragen und wurde wie wohl kein anderes europäisches Land außerhalb der Grenzen des zusammengebrochenen Russischen Reichs von deren verheerenden Folgen getroffen.

Im Revolutionsjahr 1917 hielt sich Wladimir Lenin nur einen knappen Tag in Berlin auf, dabei verließ er am 10. April nicht für einen Augenblick den verplombten Eisenbahnwaggon, in dem er mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja, seiner Geliebten Inès Armand und etwa 30 anderen Genossen aus dem Schweizer Exil über Schweden und Finnland, das damals ein Teil des russischen Reichs war, nach Petrograd reiste. Die Idee von Lenins Rückkehr kam von Alexander Parvus, einer der schillerndsten Gestallten der russischen und deutschen Sozialdemokratie.

Parvus entwickelte und propagierte die Idee der Permanenten Revolution, für die er seinen Protegé Leon Trotsky begeisterte und die er nun mit Lenins Hilfe umzusetzen versuchte: Nach dem Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung im konservativen und rückständigen Russland sollte sich die Revolution auf andere Länder ausbreiten. Die revolutionäre Regierung würde aber als erstes separaten Frieden mit Deutschland schließen: Um ihre Macht zu sichern und weil die radikale europäische Linke nicht in nationalstaatlichen Kategorien dachte und deswegen diesen Krieg grundsätzlich ablehnte. Parvus wandte sich mit der Idee, russische Revolutionsführer mit deutscher Hilfe aus der neutralen Schweiz nach Russland zu bringen, an die deutsche Regierung bereits im Jahr 1915 und erhielt schon damals vom Auswärtigen Amt erhebliche Mittel für die Umsetzung seiner Pläne. Er organisierte Lenins Rückreise gemeinsam mit dem deutschen Geheimdienst, was einer der Gründe dafür war, warum sich Lenin demonstrativ von Parvus distanzierte und warum er später in das sowjetische Heldenpantheon nicht aufgenommen wurde.

Der Plan war auf den ersten Blick ein voller Erfolg sowohl für die kaiserliche Regierung, als auch für Parvus: Lenins Regierung schloss wie erwartet mit Deutschland einen Friedensvertrag, der aber weder Deutschland vor der Niederlage im Krieg noch die deutsche Monarchie vorm Sturz retten konnte. Die scheinbar pragmagmatische taktische Entscheidung, den Kriegsgegner zu schwächen, stärkte vor allem die radikale Linke im eigenen Land: Sowjetrussland war für sie ein inspirierendes Beispiel und ein mächtiger Unterstützer.

Denkt man an die unmittelbaren Folgen der russischen Revolution für Deutschland, kommt einem wahrscheinlich als Erstes die gewaltige Flüchtlingswelle in den Sinn, mit der Hunderttausende von Russen nach Deutschland kamen und vor allem im Westen Berlins, in der Gegend um den Zoologischen Garten eine Art paralleles Russland mit Dutzenden von Hilfsorganisationen und politischen Vereinen, Think-Tanks und Zeitungen, Arztpraxen und Anwaltskanzleien, Restaurants und Theatern aufbauten. Die 86 russischsprachigen Berliner Verlage veröffentlichten zwischen 1918 und 1923 über 2200 Titel, mehr als alle Verlage in Moskau und Petrograd zusammen. Der typische Berliner Taxifahrer war ein ehemaliger russischer Offizier oder Beamter. Auf dem Höhepunkt jener »Flüchtlingskriese« nahm Deutschland über 600.000 Russen auf, mehr als die Hälfte von ihnen wohnten in Berlin. Die meisten betrachteten ihre Situation als ein Provisorium und hatten gar nicht vor, sich in Deutschland niederzulassen: Früher oder später werde die bolschewistische Macht fallen und man selbst nach Russland in die Normalität zurückkehren können.

Diesem Traum wurde im April 1922 ein abruptes Ende gesetzt: Die Weimarer Republik und Sowjetrussland, die schwer unter internationalen Sanktionen gelitten hatten, schlossen in der italienischen Stadt Rapallo einen Vertrag, mit dem sie sich gegenseitig anerkannten, auf alle Raparations- und Entschädigungsforderungen verzichteten und sich auf wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit einigten. Die ehemaligen Bürger des Russischen Reichs mussten sich nun entscheiden, ob sie Sowjetbürger oder Staatenlose werden wollten. In den darauffolgenden Jahren zogen die meisten von ihnen fort: zurück nach Russland, nach Frankreich oder in die USA. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war von der einstigen »Stiefmutter der russischen Städte« in Berlin nicht mehr viel übrig.

Im gewissen Sinne bedeutete der Vertrag von Rapallo den endgültigen Sieg der Oktoberrevolution: Die neue Macht hatte ihre Isolation durchbrochen und konnte sich international etablieren. Was aus damaliger Perspektive wie Realpolitik wirkte, erscheint nachträglich als fatale und selbstzerstörerische Verantwortungslosigkeit, die das baldige Ende der Weimarer Republik und der europäischen Nachkriegsordnung besiegelte.  Deutschland versorgte Sowjetrussland mit militärischen Technologien und Know-How, Sowjetrussland stellte der Reichswehr Übungsgelände und Ausbildungsstätten zur Verfügung, somit wurde die Grundlage geschaffen sowohl für den Aufstieg der UdSSR zu einer militärischen Großmacht, als auch für den schnellen Aufbau des deutschen Militärs durch die Nazis. Nach der Pause in den ersten Jahren der NS-Diktatur wurde diese Zusammenarbeit 1939 wiederaufgenommen, es folgten der gemeinsame Überfall auf Polen, die Siegesparade der Wehrmacht und der Roten Armee in Brest-Litowsk sowie sowjetische Treibstoff- und Munitionslieferungen an Deutschland. Sie endeten erst mit dem deutschen Überfall, den Hitler nicht zuletzt deswegen wagte, weil sich die deutschen Offiziere mit den Bedingungen und dem Militär der UdSSR bestens auskannten.

Die russische Revolution siegte zweimal mit deutscher Hilfe, beide Male trug sie zum Sturz der Staatsform bei, die diese Hilfe leistete. Erst als sich die durch die Revolution gegründete Staatsform in Russland aufgelöst hatte, konnte sich Deutschland wiedervereinigen. Daran sollte man denken, wenn man in Berlin nach historischen Stätten der russischen Revolution sucht und sie nicht findet, weil sie deren direkte und indirekte Folgen nicht überlebten.

Und was haben die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des EUSTORY Next Generation Summit 2017 zur russischen Revolution gelernt? Das berichten Sie im Video:

Nikolai Klimeniouk, geboren 1970 in Sewastopol auf der Krim, studierte in Berlin Anglistik, Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität und Slawistik an der Humboldt-Universität. Seit 1996 schreibt er über Kultur und Politik. Er war Redakteur bei Forbes Russia, bei Moskaus Stadtmagazin Bolschoj Gorod, beim unabhängigen regierungskritischen Online-Magazin PublicPost.ru, das 2013 unter politischem Druck geschlossen und vom Netz genommen wurde. Seit 2014 lebt er als freier Autor in Berlin und schreibet regelmäßig für Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Neue Zürcher Zeitung und andere deutsche und europäische Medien. Im Oktober 2017 war er Referent beim EUSTORY Summit Workshop »Legacies of the Russian Revolution«, der in Kooperation mit der Memorial Society Moskau ausgerichtet wurde.

Weitere Informationen zum EUSTORY Next Generation Summit 2017

Ein Beitrag zur Reihe »1917-2017« über das Jubiläumsjahr der Russischen Revolution

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