X

»Coole Russen in Berlinograd«: Eine Blogseite gegen Klischees

Russen und russischsprachige Menschen sind eine der größten Bevölkerungsgruppen in Berlin. Doch Außenstehende bekommen vom russischen Leben in Berlin wenig mit. Mit ihrer Webseite Berlinograd will die Bloggerin Beatrice Grundheber das ändern.

Russisch studieren? In Russland leben? Die Grundhebers waren im ersten Augenblick entsetzt, als sie von den Plänen ihrer Tochter Beatrice erfuhren. Manfred Grundheber, von Beruf Maschinenbauingenieur, hatte von russischen Kollegen in seiner Firma gehört, dass Moskau unsicher, manchmal gefährlich sei. Er fragte seine Tochter, ob sie sich für ein Sprachstudium nicht lieber ein mediterranes Land aussuchen wolle. Doch die 23jährige blieb stur. Also schenkten ihr die Eltern eine kurze Städtereise nach Russland, vier Tage Moskau, vier Tage St. Petersburg. »Beatrice sollte sich einen Eindruck verschaffen«, erinnert sich Manfred Grundheber. »Wir dachten, vielleicht überlegt sie es sich ja nochmal.«

Das war im Frühjahr 2005, Beatrice Grundheber war 23 Jahre alt. Die Reisegruppe bestand fast nur aus Senioren. Tagsüber schauten sich alle die großen Sehenswürdigkeiten Moskaus und St. Petersburgs an. Abends zog Beatrice Grundheber auf eigene Faust los und entdeckte das Nachtleben der beiden Metropolen. In St. Petersburg zum Beispiel die Bars und Musikklubs auf der Dumskaja-Straße, einer damals wie heute unter jungen Leuten beliebten Partymeile.

Nach der Reise stand ihr Entschluss, Russisch zu studieren, endgültig fest. »Russland war anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte«, erzählt Beatrice Grundheber. »Die jungen Leute strahlten so viel Lust auf Musik, Kunst und Kultur aus, das hat mich sofort unglaublich mitgerissen. Ich wollte das unbedingt näher kennenlernen.«

Beatrice Grundheber erzählt von ihrer ersten Russland-Reise mit einer so gegenwärtigen Leidenschaft, als sei sie gerade erst zurückgekehrt. Inzwischen sind zwölf Jahre vergangen, sie ist 35 Jahre alt, hat längst ihren Abschluss in Russistik und osteuropäischer Geschichte gemacht und während ihrer Studienzeit immer wieder einige Monate lang in Russland gelebt. Sie wohnt seit vier Jahren in Berlin und arbeitet hauptberuflich im Projekt- und Eventmanagement. Daneben betreibt sie privat die unabhängige, nicht-kommerzielle Plattform und Blogseite Berlinograd – eine Art Reiseführer durch das moderne, unkonventionelle russischsprachige Berlin mit Tipps für Restaurants, Bars, Klubs und Kulturveranstaltungen und mit Porträts junger russischer oder russischsprachiger Menschen und ihrer Kunst- und Kulturprojekte. Es ist eines der außergewöhnlichsten digitalen Projekte zu russischem Leben in Berlin.

In und um Berlin leben nach inoffiziellen Schätzungen etwa zweihunderttausend Menschen mit russischsprachigem Hintergrund. Es gibt eine große und nahezu vollständige russischsprachige Infrastruktur, angefangen von Geschäften über alle Arten von Dienstleistungen bis hin zu Bildungs- und Kultureinrichtungen. Doch im Internet finden sich außer einigen wenigen, überwiegend russischsprachigen Seiten mit Veranstaltungshinweisen und Branchentipps kaum digitale Inhalte über gegenwärtiges russisches Leben in Berlin.

Berlinograd ist der Versuch, das zu ändern – und auch Außenstehenden einen Einblick zu ermöglichen. Den Namen der 2014 gegründeten Blogseite hat Beatrice Grundheber als Referenz an die russische Emigration in Berlin in den 1920ern gewählt, als sich in der deutschen Hauptstadt zeitweise 400.000 Sowjetflüchtlinge aufhielten. »Damals wie heute gab es durch die Russen in Berlin sehr viel Kultur und Kreativität in der Stadt«, sagt Beatrice Grundheber. »Mit meinem Blog möchte ich zeigen, dass die Russen ganz anders sind als die Klischees von Balalaika, Matrjoschka und Wodka.« Feste Auswahlkriterien für die Porträtierten gibt es dabei außer dem Bezug zur russischen Sprache oder zu Russland nicht. »Ich schreibe über Leute, von denen ich denke, dass sie Berlin schöner machen.«

Wie zum Beispiel die Animationsfilmkünstlerin und Sängerin Julia Grauberger, deren Musik eine einzigartige Mischung aus anspruchsvollem Rock-Pop, Folk und Chanson mit osteuropäischer Note ist. Oder wie der Besitzer der illustren Neuköllner »Vater Bar« Artem Hein, in der man originelle russische Cocktails trinken kann und in der zweimal jährlich auch »Berlinograd-Partys« stattfinden. Oder wie der Illustrator Anatolij Pickmann, der das Logo für Berlinograd schuf – einen Berliner Bären, der den Kopf erhebt und zu brüllen scheint, was Beatrice Grundheber als »Symbol für die leidenschaftliche Kreativität vieler Russen in Berlin« verstanden wissen will.


Ihre Webseite wird im Monat durchschnittlich 2.000 Mal angeklickt, auf Facebook erreichen einzelne Porträts bis zu 11.000 Leser. Das ist recht ordentlich für eine Nische, wie Berlinograd sie bedient. Dazu trägt auch bei, dass alle Texte auf Englisch geschrieben sind – was Beatrice Grundheber damit begründet, dass sie auch die vielen Besucher aus aller Welt erreichen möchte, die nach Berlin kommen.

Gerade von solchen Außenstehenden erhält sie oft Resonanz. »Ein Frau aus Südafrika sagte mir, sie habe mit Russland nichts am Hut, fände aber den Blog toll«, erzählt Beatrice Grundheber. »Eine norwegische Bekannte schrieb mir, dass sie alle Stationen des Reiseführers abgeklappert habe. Manche Russen finden es verrückt, dass es da so eine Deutsche gibt, die sich die Mühe macht, Russen in Berlin vorzustellen. Das schönste Kompliment ist immer, wenn Leute sagen: `Oh, ich wusste gar nicht, dass es so viele coole Russen gibt.´«

Beatrice Grundheber hätte nicht gedacht, dass sie mit ihrer Blogseite einmal zur Kulturmittlerin und Völkerverständigerin wird. Sie selbst stutzt, wenn sie diese Worte hört. Sie klingen in ihren Ohren zu missionarisch. Sie will sich nicht auf derartige Rollen und Kategorien festlegen lassen. Es liegt vielleicht auch daran, dass auch ihr Lebensweg in keine Schubladen passt.

Sie wuchs in Trier auf und wollte ursprünglich ein Handwerk lernen, ihr schwebte Fotografie oder Visagistik vor. Sie machte einen Zehn-Klassen-Abschluss, ging dann zunächst für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach New York, anschließend holte sie in Trier das Abitur nach. Auf dem Gymnasium freundete sie sich mit Russen und Russlanddeutschen an. Schnell war sie fasziniert von der russischen Sprache und wurde neugierig auf Russland. Von da an war es bis zum Russistik-Studium nicht mehr weit.

Sie schrieb sich an der Universität in Mainz ein. Die Sommermonate zwischen den Semestern verbrachte sie immer wieder in Russland, meistens in St. Petersburg. Sie wohnte zur Untermiete bei einer alten Dame, die sie wie ihr eigenes Enkelkind aufnahm. Neben ihren Kommilitonen hatte sie bald auch einen Freundeskreis außerhalb der Universität, »einfache, junge Russen«, wie sie sagt, Kinder von Arbeitern und Angestellten. Mit ihnen lernte sie die Welt der russischen Jugend-Subkultur kennen. Zusammen feierten sie Grillpartys auf Bahngleisen, verbrachten die Petersburger Weißen Nächte mit Dosenbier auf Hausdächern und hörten Trap-Musik, eine Art schneller Hip-Hop.

Eigentlich wollte Beatrice Grundheber nach dem Studium ganz nach St. Petersburg ziehen und dort arbeiten. Doch dann ergab sich Berufliches und Privates so, dass sie 2013 nach Berlin ging und dort blieb. Sie habe sich beim Umzug von Mainz darauf gefreut, erzählt Beatrice Grundheber, in Berlin eine digital gut vernetzte Szene junger Russen kennenzulernen. »Aber so etwas gab es nicht. Also hatte ich die Idee, selbst eine Plattform für junge kreative Russen zu gründen.«

Mit manchen der fast 60 Menschen, die sie auf Berlinograd porträtiert hat, ist sie inzwischen befreundet. Viele sprechen mit aufrichtiger Anerkennung von Berlinograd. »Die meisten Initiativen der russischen Community in Berlin bewegen sich nicht über die eigenen Grenzen hinaus«, sagt der Schriftsteller und Journalist Dmitrij Vachedin. »Beatrice hatte die Idee, mehrere Welten zusammenzubringen, das ist sehr schön und spannend.« Die Spielzeugdesignerin Lera Nicoletti sagt: »Berlinograd ist eine der wenigen Webseiten zu russischem Leben in Berlin, die persönlich sind. Es ist eine Seite mit einer Seele.«

Beatrice Grundheber legt Wert auf die Feststellung, dass Berlinograd eine politikfreie Plattform sei. Es ist nicht so, dass sie sich persönlich keine Gedanken über die politische Entwicklung in Russland macht. Aber sie möchte sie nicht öffentlich ausbreiten. »Fast jeder in Deutschland hat inzwischen eine Meinung zu Russland, meistens eine sehr kritische, meistens ohne Russland wirklich zu kennen«, sagt Beatrice Grundheber. »Ich persönlich empfinde Russland als sehr groß und sehr komplex und deshalb halte ich mich lieber zurück, anstatt mir auf der Grundlage von Halbwissen eine Meinung anzumaßen.« Eine ausgesprochen mutige Haltung angesichts einer digitalen Kultur, die auch in Bezug auf Russland durch immer mehr Meinung und immer weniger Wissen auffällt.

Vielleicht käme es Beatrice Grundheber es auch wie persönliche Undankbarkeit vor, auf Russland einzudreschen. Sie sagt das nicht so. Sie sagt: »Ich habe schon in vielen Städten gelebt, aber nur in Russland wurde ich wie eine Gleichwertige aufgenommen. Ich war nichts Besseres und nichts Schlechteres, ich war eine von ihnen. Manchmal ist das Gesicht etwas finster in Russland, aber die Arme sind immer offen. Sie haben nichts, aber sie stellen alles auf den Tisch für dich und du gehörst dazu. Mit meinem Blog möchte ich mich ein bisschen revanchieren für das, was ich in Russland bekommen habe.«

von Keno Verseck

Grenzgänger

Dieses Porträt von Beatrice Grundheber erscheint in unserer Reihe »Grenzgänger«, in der regelmäßig Menschen vorstellen, die sich von Trennenden nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.
 
Weitere Porträts der Reihe »Grenzgänger«

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leitung Bereich Geschichte und Politik
Leitung Fokusthema »Russland in Europa«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 160
E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Twitter Woidelko

Russland in Europa auf Twitter

Nora Müller
Leitung Bereich Internationale Politik
Leitung Hauptstadtbüro Berlin

Telefon +49 • 30 • 206 267 - 60
E-Mail mueller@koerber-stiftung.de
Twitter muellernora

Presse

Lisa Schachner
Pressereferentin

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 175
E-Mail schachner@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top