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György Dalos: Ein Ungar erklärt den Deutschen Russland

Der ungarische Schriftsteller György Dalos hat nicht nur viele Bücher über seine Heimat Ungarn geschrieben, sondern auch über Russland und die russische Kultur. Seit seiner Studienzeit in Moskau ist er dem Land als Grenzgänger in besonderer Weise verbunden.

An einem heißen Augusttag des Jahres 1962 hat der junge ungarische Kommunist zum ersten Mal Zeit, Moskau zu erkunden. Vor wenigen Tagen ist er angekommen, hat sich im Studentenwohnheim eingerichtet. Nun spaziert er neugierig und aufgeregt über den »Prospekt der Komsomolzen«. Moskau, das Zentrum des Weltkommunismus! Er ist voller Euphorie. Er wird hier studieren. Und den Aufbau des Kommunismus miterleben.

Als er in sein Zimmer im Studentenwohnheim zurückkehrt, ist sein Kleiderschrank vollständig ausgeräumt. Er erleidet einen Schock. Nicht wegen der gestohlenen Sachen. Sondern weil er geglaubt hat, dass im »Heimatland des Sozialismus« jeder genug Kleidung und bereits das richtige Klassenbewusstsein besitzen würde. Sein russischer Zimmerkamerad sagt ihm später, dass er ein Trottel sei. Und tröstet ihn fürsorglich.

Mit halb liebevoller, halb schonungsloser Ironie erzählt der ungarische Schriftsteller, Dichter und Historiker György Dalos, 73, solche Episoden – von seinem Studium in der Sowjetunion, von seiner Ankunft und den ersten Wochen in Moskau. Davon, wie seine russischen Kommilitonen ihn Stück für Stück über die sowjetische Wirklichkeit aufklärten, wie ihm sein Glauben an das Sowjetsystem abhandenkam und wie die russischen Menschen und die russische Kultur bald zu einem untrennbaren Teil seines Lebens wurden.

Dalos ist in Deutschland seit langem als ungarischer Schriftsteller bekannt. Er lebt seit über dreißig Jahren überwiegend im deutschsprachigen Raum, seit 1995 in Berlin. Jenseits seiner autobiographisch inspirierten Romane und Erzählungen hat er den Deutschen in essayistischen Sachbüchern die ungarischen Verhältnisse so tiefgreifend erklärt wie sonst niemand.

Genauso gut aber könnte man Dalos auch als Russland-Erklärer bezeichnen. Er hat drei eigenwillige, halb literarische, halb dokumentarische Werke über die Dichterin Anna Achmatowa, über den Schriftsteller Anton Tschechow und über Boris Pasternaks Geliebte Olga Iwinskaja geschrieben, außerdem eine hochgelobte Gorbatschow-Biographie und eine Monographie über die Russlanddeutschen. Derzeit arbeitet er an einem Buch über das Ende der Romanows, der russischen Zarendynastie, 1917/18.

Dalos´ Beziehung zu Russland ist das Ergebnis mancher Zufälle. Doch in ihrer Summe haftet ihnen fast etwas von Zwangsläufigkeit an. Dalos, geboren 1943, ist Sohn ungarisch-jüdischer Eltern. Die Familie überlebt den Holocaust im Budapester Ghetto knapp – kurz vor dem Abtransport der Bewohner in deutsche Vernichtungslager wird es von der Roten Armee befreit. Der Vater stirbt nach Kriegsende, die Mutter ist schwerkrank, Dalos selbst wächst in jüdischen Kinderheimen auf.

Als Jugendlicher rebelliert er gegen seine religiöse Erziehung und ist doch ein »Gottsucher«, wie der Titel eines autobiografisch inspirierten Romans lautet. Ein Freund überzeugt ihn vom Heilsversprechen des Kommunismus. Er beginnt, Gedichte zu schreiben und tritt in den kommunistischen Jugendverband ein. »Die Sowjetunion war für mich bald das Musterland, das alle Probleme löst«, erinnert sich Dalos. »In diesen Zukunftsstaat wollte ich gehen.«

Nach dem Abitur wird er für ein Geschichtsstudium in Moskau ausgewählt, das er im Sommer 1962 an der Lomonossow-Universität in Moskau beginnt. Schon nach einigen Monaten verliert er alle Illusionen über das Leben im »Zukunftsstaat«. Er hört von dem blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstand im südrussischen Nowotscherkassk im Juni 1962. Chruschtschows Kampagne gegen antistalinistisch eingestellte Schriftsteller im Frühjahr 1963 entsetzt ihn. Auch lernt er an der Universität seine spätere Frau Rimma Trussowa kennen und mit ihr das mühselige Leben in der sowjetischen Provinz – ihre Familie wohnt in der südrussischen Industriestadt Stary Oskol. »Ich verlor meinen Glauben an die Sowjetunion und gewann die Freundschaft russischer Menschen«, sagt Dalos über diese Zeit.

Seit damals ist seine Verbindung zu Russland nie mehr abgerissen. Nachdem er in Ungarn 1968 im so genannten »Maoisten-Prozess« wegen »linksradikaler Abweichungen« zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt wird und Publikationsverbot erhält, verdient er neben seiner Arbeit als Museologe Geld mit Übersetzungen russischer Bücher. Ausgerechnet er, der seit Mitte der 1970er Jahre einer der prominenten Köpfe der antikommunistischen Opposition in Ungarn ist, überträgt sowjetische Parteiliteratur ins Ungarische – Schriften mit Titeln wie »Die Ethik des sowjetischen Offiziers«, die im Rahmen des Kulturaustausches zwischen den Bruderstaaten obligatorisch erscheinen müssen. Die meisten Bücher hasst er regelrecht, bekennt Dalos. Manchmal aber übersetzt er mit Liebe. Zum Beispiel die Lyrik des russischen Futurismus-Dichters Majakowski.

Auch in seinen eigenen Werken, die im Westen erscheinen, reflektiert Dalos seine Zeit in der Sowjetunion – er schreibt ironisch-satirische, autobiographische Geschichten wie »Die Schwierigkeiten meiner Raumfahrt« oder »Kurzer Lehrgang – Langer Marsch« über seine Studienjahre in Moskau, seine jugendlichen Revolutionspläne und seinen schweren Abschied vom Kommunismus. Und natürlich reist er jedes Jahr in die Sowjetunion – zur Familie seiner Frau nach Stary Oskol. Weil der Weg jedes Mal über Moskau führt, kann er Kontakte zu russischen Dissidenten und Intellektuellen pflegen – er lernt die Schriftsteller Juli Daniel und Lew Kopelew kennen, freundet sich mit der Dichterin Lidija Tschukowskaja an.

Vor dem »Systemwechsel«, wie die Wendezeit 1989/90 in Ungarn heißt, habe es im Freundeskreis oder in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle gespielt, dass er in der Sowjetunion studiert habe oder mit einer Russin verheiratet gewesen sei, sagt Dalos. Das habe sich nach 1990 schlagartig geändert – überrascht habe es ihn aber nicht. »Plötzlich kam der Russenhass eines Teiles der Elite hervor und man fügte zu meinem Namen immer hinzu: Jude, Maoist, Studium an der Lomonossow-Universität.«

Das sind bis heute Etiketten, die man Dalos in rechtsnationalistischen Kreisen Ungarns wie Schandmale anheftet. Wahlweise »Kosmopolit« oder »Liberal-Bolschewik«. Wenn Dalos darüber spricht, über Provinzialismus und Nationalismus in seiner Heimat, über einen Russenhass, den er das »primitive Amüsement der Lumpenintellektuellen« nennt, spürt man seinen Schmerz. »Heutzutage hat in Ungarn kaum jemand mehr Ahnung von Russland und russischer Kultur. Es gibt keine Slawisten mehr. Als Putin unlängst Orbán in Budapest besuchte, verkündete die ungarische Regierung, in Budapest werde man eine Straße nach Lew Tolstoi benennen. Denn Orbán, der früher antisowjetische und antirussische Parolen rief, ist nun Putins Klient. Aber Tolstoi braucht diese Straße nicht. Vielmehr braucht Ungarn Tolstoi.«

György Dalos hat ein feines Gespür für die Schieflagen und versteckten Heucheleien in öffentlichen Diskursen und in der Politik. Und so wie im Falle Ungarns betrachtet er auch die Russland-Debatten der Deutschen und des Westens, vor allem die aktuellen, mit einem unbequemen Blick. Er sagt, was die Annexion der Krim und den Krieg Russlands in der Ostukraine angehe, stehe er fraglos auf der Seite der Ukraine. Doch er nennt die Besetzung der Krim einen »fait accompli«, der enden werde wie die Tibet-Frage. Die Sanktionen gegen Russland hält er für wirkungslos und sogar gefährlich, weil Putin sie propagandistisch instrumentalisiere. Wichtiger wäre es, so Dalos, wenn westliche Politiker Putin ehrlich und hart die Meinung sagen, konsequent auf die antidemokratischen Abwege Russlands hinweisen und die russische Zivilgesellschaft unterstützen würden. Zugleich heiße Putin zu verstehen nicht, ihn zu rechtfertigen, sondern lediglich, ihn zu begreifen – was politisch Handelnde doch anstreben müssten.

Dalos hat die letzten Jahre der Sowjetunion und ihren Zerfall mit einem östlichen, mit fast russischem Blick erlebt. Er sah, vor allem in der russischen Provinz, weniger ein Land des Aufbruchs, sondern eines, das mehr und mehr kaputt ging. Dann kamen die »wilden Neunziger«, wie sie in Russland heißen. Was für westliche Ohren fast beschönigend klingen mag, ist in Russland ein Synonym für drastische Verarmung, Hyperinflation, ausufernde Kriminalität, betrügerische Privatisierung und Staatszerfall. Dass sich unter Putin die Situation stabilisierte und viele Menschen in Russland in ihm bis heute den Mann sehen, der »Ordnung geschaffen« hat, kann Dalos gut nachvollziehen.

Er war 2006 zum letzten Mal in Russland. Damals wurde in Moskau die Übersetzung seines Buches »Die Beschneidung« vorgestellt. Was er sah, war weniger ein geordnetes Russland, mehr ein autokratisches. Es tat ihm weh.

Bis heute verfolgt er fast täglich die Ereignisse in Russland. »Ich habe ein Heimatgefühl, wenn ich an Russland denke«, sagt Dalos. »Ich bin gegen Putin und gegen seine Politik, aber anders als viele Putin-Gegner drücke ich Russland die Daumen. Ja, ich drücke diesem Land die Daumen und hoffe, dass es seine liebenswerte Seite bald zeigen wird.«

Von Keno Verseck

Grenzgänger

Dieses Porträt von György Dalos bildet den Auftakt zu unserer neuen Reihe »Grenzgänger«. Von jetzt ab finden Sie an dieser Stelle regelmäßig neue Porträts von Menschen, die sich von Trennenden nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.

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