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Irina Scherbakowa: Zuhören und Verstehen als Berufung

Für Irina Scherbakowa ist Geschichte ihre Lebensaufgabe. Die Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der von der Menschenrechtsorganisation MEMORIAL seit 1999 jährlich ausgerichtet wird, hat in ihrer jüdischen Familie schon früh gelernt, welch tiefe Narben das Erleben von Zweitem Weltkrieg, Nationalsozialismus  und Stalinismus bei den Menschen hinterlassen. Auch deshalb hört sie seit Jahrzehnten Zeitzeugen in Russland, anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion und Deutschland zu und zeichnet ihre »erlebte Geschichte« auf.

Aufgewachsen ist die 1948 geborene Irina Scherbakowa in einer Nachkriegsatmosphäre, in der die Kinder im Hof »Russen gegen Deutsche« spielten, und an der Seite ihres Vaters, der wegen seiner Kriegsverletzung den Berufswunsch Marineoffizier aufgeben musste.  Stattdessen wurde er Literaturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet »Kriegsliteratur«. Seine Freunde waren bekannte Dichter und Schriftsteller, die über den Krieg geschrieben und es sich dabei, genau wie er, zur Aufgabe gemacht hatten, nicht das glorreiche und patriotische, sondern das ungeschminkte Bild des Zweiten Weltkrieges wiederzugeben. Zu ihnen gehörten Franz Fühmann aus der ehemaligen DDR und Heinrich Böll aus Westdeutschland. Scherbakowa übersetzte später oft, wenn ihr Vater in Gesprächen mit seinen Freunden nachfragte, was die deutschen Literaten, die wie er Soldat gewesen waren, damals gefühlt und erlebt hatten. Und genau wie ihr Vater wollte sie verstehen, wie die andere Seite den Krieg erlebt hatte. Schon früh wurde sie damit konfrontiert wie kompliziert Erinnerung sein kann.

Als Ende der 1940er-Jahre die antisemitische Stimmung in der damaligen Sowjetunion zunahm, war auch Scherbakowas Familie betroffen. Kurz vor Stalins Tod 1953 hatten alle in ihrer Familie die Arbeit verloren; ihr Großvater fürchtete täglich seine Verhaftung. Bis zur Perestroika in den 80er Jahren hat sie dieser Antisemitismus begleitet, wenn auch in abgemilderter Form. Als junge Frau musste sie doppelt so gut lernen, um zu den wenigen Juden zu gehören, die für ein Studium an der Universität zugelassen wurden. Studiert hat sie dann Germanistik und viele Jahre arbeitete sie als Übersetzerin. Scherbakowa ist überzeugt, dass von allen westeuropäischen Nationen die Deutschen den Russen am nächsten stünden – mit Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts durchaus auch in einem dramatischen Sinn.

Ihre eigene Verbindung zur deutschen Sprache und zu Deutschland ist eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden. Scherbakowas Großvater hatte vor dem Ersten Weltkrieg in Brünn Chemie studiert und sprach ausgezeichnet Deutsch. Später wurde er Mitarbeiter der Kommunistischen Internationale, auch dort gab es viele Deutsche. So war die deutsche Sprache in der Familie immer sehr präsent. Trotzdem musste sie sich in der Sowjetunion der 60er und 70er Jahre gegenüber Altersgenossen immer wieder dafür rechtfertigen, dass sie sich mit Germanistik und mit der »Sprache des Feindes« beschäftigte.

Als die Menschenrechtsorganisation MEMORIAL in den 80er Jahren von Andrej Sacharow gegründet wurde, hatte sich Irina Scherbakowa längst zusätzlich zu ihrer Übersetzungsarbeit der biografischen Arbeit mit Zeitzeugen zugewandt. An den berühmten »sowjetischen Küchentischen« hatte sie unzählige Interviews mit Menschen geführt und dokumentiert, die ihr ihre Familiengeschichten erzählten. Seit dieser Zeit sieht sie ihre Aufgabe in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus und zeichnet dafür Erinnerungen von ehemaligen GULAG-Insassen auf.

Da war es nur konsequent, dass sie sich der Nichtregierungsorganisation MEMORIAL anschloss, die sich für die Aufklärung der sowjetischen Repression, die Aufarbeitung des Totalitarismus und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland einsetzt. Das Ende des Kalten Krieges eröffnete MEMORIAL völlig neue Handlungsspielräume, doch seit einigen Jahren sind die Arbeitsmöglichkeiten der Organisation immer weiter eingeengt: durch gesetzliche Auflagen, Bürorazzien und sogar durch Verhaftungen von Aktivisten. Seit Herbst 2016 werden MEMORIAL International und einige Mitgliedsorganisationen von MEMORIAL in Russland als ausländische Agenten geführt, arbeiten aber unverändert weiter.

Scherbakowas Engagement und dem Einfluss von MEMORIAL ist es zu verdanken, dass mehrere Tausend Jugendliche, die jährlich am russischen Geschichtswettbewerb teilnehmen, mehr und mehr Zugang zu den russischen Archiven erhielten und den Mut fanden, Eltern und Großeltern nach den Erfahrungen aus einer Zeit zu befragen, über die man Jahrzehnte nicht offen sprach. Seit fast 20 Jahren ist MEMORIAL Mitglied des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY der Körber-Stiftung; der russische Wettbewerb ist nach dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einer der ältesten, größten und einflussreichten des Netzwerks.

Am Rande der neuen Ausstellung von MEMORIAL »Zielscheiben« und kurz vor der Preisverleihung des russischen Geschichtswettbewerbs haben wir Irina Scherbakowa in Moskau besucht. Im Video-Interview spricht sie darüber, was Russland und Europa heute noch verbindet und wo die Trennlinien verlaufen.

Was heißt es, »Ausländischer Agent« in Russland zu sein? – Interview mit Jens Siegert
»Der Russland-Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise« – das aktuelle Buch von Irina Scherbakowa und Karl Schlögel in der edition Körber-Stiftung

Grenzgänger

Dieses Porträt von Irina Scherbakowa erscheint in unserer Reihe »Grenzgänger«, in der regelmäßig Menschen vorstellen, die sich von Trennenden nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.
 
Weitere Porträts der Reihe »Grenzgänger«

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