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Jenseits von Verharmlosen und Verteufeln

Die Journalistin Katja Gloger war lange Zeit Moskau-Korrespondentin des Hamburger Wochenmagazins »stern«. Durch ihre Bücher über Russland und über den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin wurde sie in Deutschland zur gefragten Russland-Expertin.

Es ist nicht einfach, in einer Talk-Show des deutschen Fernsehens Russland zu erklären. Russland polarisiert. Besonders in Deutschland. Deshalb sitzen in Talk-Shows zu Russland meistens Menschen mit überaus starken Meinungen. Sachkenntnis zu Russland spielt manchmal nur eine untergeordnete Rolle.

Wenn die Journalistin, Buchautorin und Russland-Expertin Katja Gloger in eine Talk-Show eingeladen wird, vertritt auch sie eine starke Meinung zu Russland. Sie sagt beispielsweise, dass »Putins Krieg in der Ukraine auch ein Krieg gegen Europa ist«. Oder sie konstatiert, dass Russland von einer »zynischen Elite regiert wird, die sich das Land unter den Nagel gerissen hat«. Das ist deutlich. Und dennoch klingt Katja Gloger nie oberflächlich oder polarisierend, wenn sie über Russland spricht. Sie beschreibt, erklärt und argumentiert mit dem Handwerkszeug guter Journalisten – kenntnisreich, mit Einfühlung und dennoch aus kritischer Distanz. Manchmal spricht sie auch überschwenglich, so als sei Russland für sie eine Herzensangelegenheit. »Ja, man kann sein Herz an Russland verschenken«, sagt sie lachend, wenn man sie darauf anspricht. »Aber man darf dabei den Verstand nicht abgeben.«

Katja Gloger war für das Hamburger Wochenmagazin »stern« in den 1990er Jahren Moskau-Korrespondentin. Sie erlebte das Ende der Sowjetunion und die »Wilden Neunziger« in Russland mit ihrem staatlichen Chaos und ihrem Raubtier-Kapitalismus aus nächster Nähe. Sie lernte die meisten wichtigen russischen Akteure jener Zeit kennen, von Michail Gorbatschow bis Boris Jelzin. Doch sie reiste auch quer durch Russland, von St. Petersburg bis Kamtschatka. Später, schon zurückgekehrt in die Hamburger »stern«-Redaktion, war sie eine der ersten Journalistinnen, die Wladimir Putin als Staatspräsidenten über längere Zeit in seinem politischen wie privaten Alltag begleiten durften. Sie schrieb 2003 eine der ersten deutsprachigen Putin-Biographien. Kurz darauf ging sie für fünf Jahre nach Washington als Korrespondentin des stern. Aber trotz dieses Intermezzos blieb sie Russland-Themen treu. Nicht nur in Artikeln, Reportagen und Interviews für den stern. Sie schrieb nach der Krim-Annexion und dem Beginn des Kriegs in der Ostukraine 2015 auch das viel beachtete Buch »Putins Welt. Das neue Russland, die Ukraine und der Westen«. Spätestens seit dieser Publikation ist Katja Gloger eine der gefragtesten Russland-Expertinnen in den deutschen Medien.

Mit Neugier, der Begeisterung für Fremdsprachen und einem, wie sie es nennt, »Hintergrundrauschen in der Familiengeschichte« fing alles an. Ihr Vater und dessen Eltern stammten aus Breslau. Der Großvater war schwer verletzt von der Ostfront heimgekehrt, nach dem Krieg flüchtete die Familie in die sowjetische Besatzungszone, später in den Westen, nach Koblenz. »Die Geschichten von der Front und von der Flucht haben mich durch meine Kindheit begleitet und sich mir eingeprägt«, sagt Katja Gloger. »Das hat wohl auch mein Interesse an der Sowjetunion geweckt.«

Als Neunklässlerin am Gymnasium wählte sie Russisch als dritte Fremdsprache - und hatte Glück, denn er brachte ihr neben der Sprache auch die Kultur des Landes nahe. Nach dem Abitur begann sie zunächst ein Dolmetscherstudium und ging dann im Herbst 1982 für ein Jahr nach Moskau, wo sie am Staatlichen Puschkin-Institut studierte, dem damaligen universitären Zentrum der Sowjetunion für Russisch als Fremdsprache.

Ihre Ankunft in Moskau entsprach allen damaligen Klischees vom kommunistischen Osten. »Ich war so eingeschüchtert von den ganzen Grenzkontrollen und den streng schauenden Soldaten, dass ich vor Panik keinen einzigen Satz Russisch herausbekam«, erzählt Katja Gloger lachend. »Ich sollte am Flughafen abgeholt werden, aber es war niemand da. Irgendwann nach Stunden erbarmte sich ein Milizionär und fing an zu telefonieren. Diesen Anfang in Moskau fand ich schon recht unheimlich.«

Mit der Härte des sowjetischen Alltags hatte sie ebenso wenig gerechnet wie mit der privaten Gastfreundschaft. »Moskau war groß, abweisend und kalt, es gab keine Cafés und Kneipen, man stand Schlange, quetschte sich in die Busse, und die Menschen kämpften ständig gegen sich und andere, um im Alltag zu bestehen. Anderseits gab es diese große, scheinbar vollkommen selbstverständliche Herzlichkeit, wenn man nach Hause eingeladen wurde. Diese Widersprüchlichkeit zwischen außen und innen überraschte mich. Und mich berührte auch sehr, dass die Menschen in der Sowjetunion uns Deutschen immer verziehen, obwohl wir ja diese schrecklichen Kriegsverbrechen begangen hatten.«

Damals begann auch Katja Glogers journalistische Karriere – gewissermaßen auf einem Umweg. Sie wollte nach einem Semester Russisch-Studium noch ein halbes Jahr im Land bleiben und fand eine Beschäftigung bei einem Moskau-Korrespondenten, der deutsche Regionalzeitungen mit Texten belieferte. Sie übersetzte für ihn, schrieb auch eigene Reportagen über den Alltag in Moskau. Dass sie nur einige Jahre später Korrespondentin des »stern« in der sowjetischen Hauptstadt sein würde, ließ sie sich damals nicht träumen.

Nach ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion absolvierte sie in nur vier Semestern ein Studium in osteuropäischer Geschichte mit den Zweit- und Drittfächern Politik und Slawistik. Anschließend machte sie eine Ausbildung an der Münchener Journalistenschule, arbeitete als Volontärin beim Fernsehen und ging im Frühjahr 1989 als Redakteurin zum stern. Ein guter Zeitpunkt: Als sich das Ende der kommunistischen Diktaturen abzeichnete und die Mauer fiel, brauchte der »»stern« jemanden, der kompetent aus Moskau berichten würde. Katja Gloger konnte es – und wollte.

Die sechs Jahre, die sie in Russland blieb, bezeichnet sie als »eine Zeit des Glücks, Russland kennenlernen zu dürfen«. Natürlich traf sie die Großen und Mächtigen des Riesenreiches. Doch wenn man sie fragt, was an Eindrücklichem die meisten Spuren in ihr hinterlassen hat, dann nennt sie nicht die Begegnungen mit Gorbatschow oder Putin, sondern die Schicksale einfacher Menschen oder denkwürdig-skurrile Begebenheiten aus der Provinz. Und es fällt immer wieder das Wort Großherzigkeit.

Katja Gloger besuchte entlegene stalinistische Straflager des Gulag-Systems und sprach überall in Russland mit ehemaligen Häftlingen. Sie stand in Silos von Interkontinentalraketen und unterhielt sich dort mit Soldaten. Ein Gazprom-Direktor brachte sie illegal auf die nordsibirische Halbinsel Jamal, wo sie verhaftet und drei Tage lang erst streng, dann im Plauderton verhört wurde. Auf Kamtschatka flog ein Hubschrauberpilot sie direkt in einen Vulkankrater, weil er ihr die Schönheit des Ortes zeigen wollte.

Über diese Arbeit als Journalistin in Russland sagt sie etwas, das so gar nicht in den Habitus einer unter Medienmachern verbreiteten Selbstzufriedenheit passt: »Ich habe versucht herauszufinden und nachzuempfinden, wie die russischen Menschen die fürchterliche Geschichte ihres Landes im 20. Jahrhundert erlebt haben und warum sie trotzdem ihre unglaubliche Würde und ihre Warmherzigkeit behalten haben. Ja, das hat mich nachhaltig berührt und auch begeistert. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, den Menschen mit Respekt und Anstand zu begegnen. Ich hoffe sehr, dass sie gespürt haben, dass ich mich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen wollte und auch mich als Person ihnen ernsthaft und nicht oberflächlich dargestellt habe.«

Vielleicht ist es diese Herangehensweise, durch die sich das, was Katja Gloger über Russland zu sagen hat, vom Talk der Talk-Shows abhebt. »Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es als Tragödie und als falsche Entwicklung empfinde, was in Russland passiert«, sagt sie. »Natürlich wird das Land durch eine zynische Elite ausgeplündert und durch eine Propagandamaschinerie in einen inneren Kriegszustand versetzt. Aber ich bemühe mich, für meine Ansichten Argumente zu finden und nicht zu dämonisieren in dieser sehr emotionalen Debatte um Russland und Putin, in der sehr vieles sehr schnell durcheinander gerät. Es geht immer sehr schnell darum, dass man Recht bekommt, gut oder böse, wahr oder falsch. Russland verstehen oder Russland verteufeln.«

Es wäre falsch zu sagen, dass Katja Gloger sich von beiden Extremen abgrenzt und in der Mitte positioniert. Es ist vielmehr so, dass sie die Dinge, die im Russland-Diskurs der deutschen Öffentlichkeit durcheinander geraten, auf angenehm nüchterne Weise zurechtrückt. Zum Beispiel, wenn es um die vermeintlichen oder realen Fehler des Westens gegenüber Russland in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten geht. Dass die Nato Russland habe einkreisen wollen, sei ein Mythos, sagt sie beispielsweise, dennoch sei die Nato-Osterweiterung zu schnell erfolgt und vor allem zu schlecht kommuniziert worden.

Sie hält es auch für einen Fehler, dass die Europäische Union bei ihrer Erweiterungspolitik lange an der ehemaligen sowjetischen Grenze halt gemacht hat. Die Politik der Östlichen Partnerschaft hätte viel früher begonnen werden müssen, sagt sie, und überhaupt hätte der Westen den Transformationsprozess in Russland mit viel größerem Interesse und finanziellem Engagement begleiten müssen. Dennoch trage nicht der Westen schuld an der Entwicklung in Russland, sagt Katja Gloger: »Putin hatte, viel mehr noch als Gorbatschow und Jelzin die Chance, das Land auf einen langen, langwierigen und vorsichtigen Weg der Modernisierung zu bringen. Aber Putin hat diese Chance nicht genutzt oder wollte sie nicht nutzen. Warum auch immer.«

Deshalb würden Russland und das Europa der EU auf längere Zeit erst einmal sehr verschiedene Wege gehen, politisch wie gesellschaftlich, und einstweilen nicht zusammenkommen, prognostiziert sie. Es ist etwas, das sie nicht leichtfertig und schon gar nicht unbeteiligt sagt. »Ich fremdele mit der politischen Entwicklung in Russland, aber ich fühle mich nie fremd, wenn ich dort bin«, sagt Katja Gloger. »Russland ist ein Stück Heimat und wie ein Zuhause für mich. Das möchte ich mir gern bewahren, solange es geht.«

                                                                                                                                              Keno Verseck

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Grenzgänger

Dieses Porträt von Katja Gloger erscheint in unserer Reihe »Grenzgänger«, in der wir regelmäßig Menschen vorstellen, die sich von Trennendem nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.

Weitere Porträts der Reihe »Grenzgänger«




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