Für den Dialog auf Augenhöhe

Kristina Kallas ist Direktorin des Narva College. Der Ableger der Universität Tartu in Estlands Nordosten liegt direkt an der Grenze zu Russland. Hier liegt auch das Zentrum der russischsprachigen Minderheit Estlands, zu der etwa 95 % der Einwohner Narvas gehören. Sie machen die Stadt zur »russischsten« in der Europäischen Union.

Russland kennt Kristina Kallas bereits aus ihrer Kindheit: Ihre Mutter ist gebürtige Russin. Den größten Teil ihrer Sommerferien verbrachte die heute 41-Jährige regelmäßig in Jaroslawl, der Heimat ihrer Familie mütterlicherseits. Zu der Stadt an der Wolga, rund 300 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, baute sie eine enge Bindung auf.

Das änderte sich schlagartig mit dem Zerfall der Sowjetunion, als Kallas gerade 15 Jahre alt war. Für Reisen nach Russland benötigte sie nun ein Visum. Die Besuche im östlichen Nachbarland wurden seltener. Die angehende Akademikerin orientierte sich gen Europa und studiert in Tartu und an der Central European University in Budapest.

Erst 2015, als Kallas zur Direktorin des Narva College der Universität Tartu ernannt wird, gewinnt Russland für sie wieder mehr an Bedeutung - und damit auch die russische Sprache. Fast 20 Jahre lang hat sie kaum Russisch gesprochen. In Narva kommt sie ohne nicht mehr aus. Die Stadt  liegt unmittelbar an der russischen Grenze; rund 97 Prozent der Einwohner der drittgrößten Stadt Estlands sprechen Russisch als Muttersprache. Das 1999 gegründete Narva College ermöglicht der russischsprachigen Minderheit in Estland den Erwerb einer Hochschulbildung.

Für Kallas´ Arbeit in Narva ist der Dialog zwischen Russland und der Europäischen Union von zentraler Bedeutung. Ihre Studenten identifizieren sich mit beiden Kulturen diesseits und jenseits der Grenze. Das treibt Kallas bei ihrer Integrationsarbeit an. Sie ist Vorsitzende im Aufsichtsgremium der estnischen »Integration Foundation« und war im Vorstand des Estnischen Flüchtlingsrates.

Die schwierige Lage der russischstämmigen Esten betrachtet sie ausgesprochen kritisch und möchte vermitteln. Sie sieht beide Kulturen als Bereicherung füreinander. Ihre große Befürchtung ist, dass, müssten sich die jungen Menschen für eine der Kulturen entscheiden, sie die andere Kultur verlören. Indem sie den lebhaften Austausch auf Augenhöhe fördert, möchte Kallas das verhindern.

Die schwierige Lage der russischstämmigen Esten betrachtet sie ausgesprochen kritisch und möchte vermitteln. Sie sieht beide Kulturen als Bereicherung füreinander und befürchtet, dass, müssten sich die jungen Menschen für eine der Kulturen entscheiden, die den Verlust der anderen Kultur nach sich zöge. Deshalb wendet sie sich direkt an die Jugend, forciert hier den kulturellen Austausch, vor allem mit Theater- und Musikprojekten. Hilfreich dafür ist, dass sich der estnische Staat heute seiner Verantwortung für die Schaffung von Vertrauen bewusst ist. Das dies keine leichte Aufgabe wird, ist Kallas bewusst. Vertrauensbildung, sagt sie, sei ein langwieriger Prozess, der noch Generationen dauern wird.

Lesen Sie auch den Beitrag von Kristina Kallas in unserer gemeinsamen Artikelserie »Das Erbe der Sowjetunion« mit Zeit Online.

Grenzgänger

Dieses Porträt von Kristina Kallas erscheint in unserer Reihe »Grenzgänger«, in der wir regelmäßig Menschen vorstellen, die sich von Trennendem nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.

Weitere Porträts der Reihe »Grenzgänger«

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