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Wladimir Kaminer: »Die Russen sind in Ordnung«

Wladimir Kaminer ist der »Lieblingsrusse« der Deutschen. Bisher brachte er den Deutschen Russland mit unnachahmlichem Humor nahe. Jetzt hat er ein ziemlich ernstes und melancholisches Buch über seine frühere Heimat geschrieben und sieht sich in neuen Rollen – er soll Russland erklären und möchte für »den guten Ruf der Russen kämpfen«. Eine Begegnung mit dem russisch-deutschen Schriftsteller und Grenzgänger.

Mit einem uralten sowjetischen Kühlschrank fängt alles an – ein launischer, monströser und geheimnisvoller Apparat, der Kriegsgeräusche imitiert, gleichzeitig Atombunker, abhörsicherer Besprechungsraum und transformierbare Geheimwaffe ist und eines Tages den Grundstein eines neuen kommunistischen Zukunftsprojektes bilden wird. Zwischendurch experimentieren Kinder mit Staubsaugern der Marke Möwe, die dank ihrer unerhörten Kraft Tauben und Katzen ansaugen können. Später kreist eine Tante auf unbekannten Flugrouten über Russland und hofft, halb unerschütterlich optimistisch, halb verzweifelt, irgendwann wieder in der verlorenen sowjetischen Heimat zu landen.

In seinem neuen Buch »Goodbye, Moskau« ist Wladimir Kaminer anfangs ganz der gewohnte Kaminer. Mit zärtlicher Ironie und so manchen großartigen Pointen blickt der russisch-deutsche Schriftsteller »anlässlich des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution«, wie es im Klappentext heißt, auf das Leben in seiner alten, untergegangenen Heimat. Doch bald ist nichts mehr richtig lustig, der Ton wird ernster, melancholischer und sarkastischer. Dann, wenn Kaminer über das heutige Russland schreibt. Es geht um Panzer, die wieder in Gang kommen, es geht um den Krieg in der Ukraine, um die Absurditäten der russischen Staatspropaganda. Und natürlich um Wladimir Putin.

Kaminer, 49, begeistert mit seinen privaten Geschichten aus der Sowjetunion, aus Russland oder aus seinem deutsch-russischen Alltag in Berlin – Geschichten, die natürlich allesamt hochpolitisch sind –, ein Millionenpublikum, das ansonsten mit Russland oder Osteuropa wenig oder gar nichts zu tun hat. Mit »Goodbye, Moskau« hat Kaminer nun ein ganz offen politisches Buch geschrieben, dem er Nikolai Gogols berühmte Frage aus dem Roman »Die toten Seelen« als Motto voranstellt: »Oh, Russland, wohin rast du? Gib mir eine Antwort!« Das Buch trägt den Untertitel »Betrachtungen über Russland«. Es sind die Betrachtungen eines Komikers, der eigentlich weint.

Kaminer ist der »Lieblingsrusse der Deutschen«, so steht es manchmal in den Medien. Er hat vielen Deutschen Russland näher und sie mit seiner russischen Sicht auf den deutschen Alltag zum Lachen gebracht. Doch inzwischen hat die neue russische Gegenwart Wladimir Kaminer eingeholt. Russlands geopolitische Rückkehr, die Annexion der Krim, der Krieg in der Ukraine und die zunehmenden Repressionen gegen Andersdenkende im Land überlagern das nette Privat-Politische. Kaminers Lesungen sind jetzt noch voller als früher. Die Leute fragen ihn, was bei den Russen los ist. Deutsche Journalisten stellen reihenweise Interviewanfragen. Sie wollen wissen, wie Putin tickt, wohin Russland steuert und ob die Deutschen eventuell etwas falsch gemacht haben mit den Russen, dass die so weglaufen. Vor Europa und überhaupt.

Dass Kaminer Russland erklären soll, ist eine neue Rolle für ihn. Auf die Fragen von Journalisten sagt er lächelnd: »Es ist eine nette Geste der Deutschen, zuerst bei sich selbst die Schuld zu suchen.« Er sagt: »Die Russen sind in Ordnung. Es gibt nur wenige Durchgedrehte, die meisten sind normal. Sie haben nur ein momentanes Problem mit ihrer Führungsetage. Das ist eine nicht qualifizierte Führung, die sich nicht abwählen lässt.« Und er sagt über sein neues Buch augenzwinkernd: »Ich finde es lustig und optimistisch. Ein richtiger Kaminer.« Es ist ein Buch, das er selbst so schreiben wollte und von dem er seinen Verlag erst einmal aufwendig überzeugen musste. Sie wollten dort lieber wieder Familiengeschichten. Die verkaufen sich besser. Aber Wladimir Kaminer fand es schwierig, nichts zur aktuellen Lage in Russland zu sagen.

Kaminer wohnt mit seiner Familie in einem ruhigen Teil des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg in einer schönen Wohnung, deren zentraler Raum eine schöne, geräumige Küche ist. So wie die Küche auch in sowjetischen Zeiten der zentrale Raum von Künstlern, Intellektuellen und Dissidenten war, damals allerdings meistens eng, nicht besonders schön, aber gemütlich. Die Wohnung der Kaminers ist unprätentiös eingerichtet, in ihr gibt es viele Bücher, Bilder, Zeichnungen und außerdem überall Fotos von Familienmitgliedern aus verschiedenen Zeiten und Epochen. Es ist eine Wohnung voller Geschichte und Leben, und Kaminers Mutter, die um die Ecke wohnt, kommt selbstverständlich unangemeldet zur Tür herein, so wie früher, als es keine vorherigen Anrufe und lang geplanten Verabredungen gab.

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau in einer russisch-jüdischen Familie geboren. Seine Mutter habe ihn in einem Schwimmbad zur Welt gebracht, von wo aus sie ihn in einem Aquarium nach Hause getragen habe, schreibt Kaminer auf seiner Webseite. Schon im Kindergarten fing er mit dem Geschichtenerzählen an, um seinen ungenießbaren Grießbrei nicht aufessen zu müssen, steht in einem seiner Bücher. Später brachte er dann mit dem Fabulieren seine Lehrer an der Schule zur Weißglut.

Er machte eine Ausbildung als Toningenieur, studierte anschließend Dramaturgie und organisierte nebenbei Rockkonzerte in der Moskauer Untergrundszene. 1990, kurz vor dem Ende der DDR, zog er nach Ostberlin, erhielt Asyl und eine Arbeit als Toningenieur an einem Theater. Später schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und erfand zusammen mit seiner Frau Olga und einem Freund die »Russendisko«. Nebenbei schrieb er kleine Geschichten für Zeitungen, manche trug er auf den Veranstaltungen der Berliner »Reformbühne Heim & Welt« vor. Als einige davon im Jahr 2000 im Band »Russendisko« erschienen, war das Kaminers Durchbruch als Schriftsteller – es ist bis heute mit mehr als einer Million Exemplaren sein meistverkauftes Buch.

Seither hat Kaminer jedes Jahr ein neues Buch geschrieben. Nicht nur über das Leben in der Sowjetunion und als Russe in Berlin, sondern auch über deutsche Schrebergärten oder coole Eltern. Seine Beobachtungen sind vergnüglich, herz- und seelenerfrischend und so genau, dass sie oft nachdenklich machen. Hinter seinen lustigen Pointen stecken oft traurige Grotesken und bittere Wahrheiten. Bei seinen Auftritten lachen die Leute oft, weil sie denken, dass die Sachen, die er vom Osten erzählt, genial ausgedachte Witze sind. »Stimmt wirklich!«, muss er dann sagen: »Man muss über Tragödien auch lachen lernen«, findet Kaminer, »sonst gibt es keinen Ausweg.«

Es ist nicht so, dass Kaminer der politischen Entwicklung Russlands in den letzten zwei Jahrzehnten jemals viel Positives hätte abgewinnen können. Aber das Jahr 2014, die Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine waren für ihn ein Einschnitt. Im März 2014 schrieb er auf seiner Facebook-Seite: »Ich schäme mich für meine Heimat, die unverantwortlich ihrem so genannten Präsidenten folgend, die Welt an den Rand des Krieges bringt. Hier in Deutschland kämpfe ich seit Jahren für den guten Ruf meiner Landsleute. Es wird mit den Jahren nicht leichter, Russland zu verteidigen.«

Seitdem muss Kaminer in Facebook-Kommentaren oder in Hassmails lesen, er sei russophob und mache beim verbreiteten Putin-Bashing mit. Er möchte das nicht überbewerten und amüsiert sich lieber über die Schreibfehler in Hassmails. Überhaupt, erzählt er, kämen immer mehr in Deutschland lebende Russen in seine Lesungen. »Das sind oft Leute, bei denen ich erst einmal denke, die sind doch keine Leser, Männer in Trainingsanzügen und Frauen mit Läusehäuschenfrisuren, die kommen dann zu mir und sagen, wir haben dein Buch gelesen, du sprichst uns aus der Seele, und ich denke, oh, wie schön und freue mich sehr.«

Kaminer ist jemand, aus dem die ironischen Bemerkungen und Pointen nur so heraussprudeln. Aber wenn er über Russlands jetzige Tragödie spricht, fällt es selbst ihm schwer, darin etwas Lustiges zu erkennen. Er wird dann, wie in seinem neuen Buch, ernst und sarkastisch. Er nennt Putin einen »kleinen, in einer sowjetischen KGB-Schule ausgebildeten Mann ohne Frau und ohne Freunde, der von der Welt abgeschottet und von Minderwertigkeitskomplexen geplagt ist«. Russland habe den Übergang bisher nicht geschafft, sagt Kaminer, und es gäbe derzeit keinen Willen zum Neuanfang, was nach einer Geschichte wie der von siebzig Jahren Sowjetunion wohl auch verständlich sei. »Die Russen sagen, ehe ich hier für politische Änderungen kämpfe, deren Ergebnisse nicht mal meine Enkelkinder sehen, ziehe ich lieber um, ein paar Kilometer weiter, da ist die Lebensgrundlage vorhanden.«

Kaminer wäre nicht Kaminer, würde er nicht auch den Umgang des Westens mit Russland sarkastisch demontieren. Im Widerstreit der Werte und Interessen würden letztlich die Interessen siegen, da die Geschäfte mit Russland gut liefen. Dass so viele westliche Politiker über Putin rätselten, hält er für gespielt oder naiv. Er empfiehlt ihnen, das KGB-Spionagehandbuch zu lesen. »Dort steht, nach welchem Muster Putin tickt und was er sagen wird.« Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland seien gefährlich, weil sie die russischen Machthaber innenpolitisch stärkten, sagt Kaminer, besser wäre es, persönliche Sanktionen wie Reise- und Kontensperren gegen Offizielle zu verhängen. »Wenn es um ihre Immobilien und ihre Yachten draußen, in ihren Rückzugsgebieten, geht, dann quält sie das wirklich.«

Kaminer seufzt. Er tut sich schwer mit Politikberatung. Dann schon lieber »Lieblingsrusse«. »Ich glaube, ich habe es tatsächlich geschafft, den Deutschen Russland etwas näher zu bringen«, sagt er. »Und ich finde das wichtig, denn Russland war und ist ein europäisches Land und das wird es bleiben.« Und dann fügt er, unerschütterlich optimistisch wie seine über Russland fliegende Tante, hinzu: »Ja, es tut weh, was dort passiert. Aber die KGB-Offiziere werden früher oder später verschwinden. Russland wird über kurz oder lang Reformen einführen müssen und es wird sich modernisieren in Richtung Europa.«

Von Keno Verseck

Grenzgänger

Dieses Porträt von Wladimir Kaminer erscheint in unserer Reihe »Grenzgänger«, in der regelmäßig Menschen vorstellen, die sich von Trennenden nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.
 
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