X

Ein neuer Kalter Krieg zwischen Russland und dem Westen?

Derzeit wird viel darüber diskutiert, ob die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sich in einer Phase des »neuen Kalten Kriegs« befänden. Welche Analogien zwischen damals und heute gibt es tatsächlich? Wie bedrohlich ist Russland? Und wie sollte Europa mit dem Nachbarland im Osten am besten umgehen? Darüber sprach der britische Journalist und Osteuropa-Kenner Edward Lucas am Rande des Berlin Foreign Policy Forums.

Der Titel eines Ihrer Bücher ist »Der neue Kalte Krieg«. Ist das heute eine treffende Beschreibung unseres Verhältnisses zu Russland?

Bestimmt, ich habe das Buch bereits vor zehn Jahren geschrieben und 2008 veröffentlicht. Damals waren meine beiden Hauptthesen noch sehr kontrovers. Einmal, dass Russland keine Demokratie ist und zweitens, dass das russische Regime nicht nur das eigene Land, sondern auch den Westen bedroht. Jetzt haben wir in den vergangen zehn Jahren genügend Beweise für meine Argumentation erlebt: Cyberattacken auf Estland, Krieg in Georgien, Krieg in der Ukraine, die Einmischung in den US-Wahlkampf, in Frankreich, Deutschland und sogar in meiner Heimat Großbritannien.

Aber ist diese gängige Formel nicht dennoch irreführend?

Es ist natürlich etwas anderes als der erste Kalte Krieg. Russland ist viel kleiner als die Sowjetunion. Es geht da heute nicht primär um Rüstung, sondern viel um Propaganda, Information, Geld und Korruption und um das, was wir jetzt hybride Kriegsführung nennen. Außerdem ist der Konflikt nicht so ideologisch geprägt. Damals ging es um die Konfrontation zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Jetzt haben wir zwei Arten von Kapitalismus, die gegeneinander kämpfen. Auf unserer Seite sind das die soziale Marktwirtschaft und freiheitliche-demokratische Prinzipien - auf der anderen Seite der korrumpierte Kapitalismus des Putin-Regimes. Allerdings erleben wir in Russland eine zunehmende Ideologisierung durch die Orthodoxe Kirche und den russischen Nationalismus.

Gibt es heute im Umgang mit Russland nicht doch eine gewisse Hysterie?

Seit vielen Jahren habe ich versucht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Russland gefährlich ist. Jetzt bin ich plötzlich in der merkwürdigen Lage zu sagen, dass vieles übertrieben wird. Nicht alle Trump-Leute stecken mit Moskau unter einer Decke, das gleiche gilt für die Brexit-Befürworter. Weil viele Leute beispielsweise in Großbritannien nicht verstehen, wie man sich für den Brexit entscheiden kann, gibt es dort einen Reflex, Russland für das positive Brexit-Votum verantwortlich zu machen. Der Kreml hat sich wohl eingemischt, aber das war nicht der entscheidende Faktor.

In welcher Form hat sich Moskau beim Brexit eingemischt?

Man muss da vorsichtig zu sein, um niemanden zu verleumden. Aber es gibt die interessante Frage, wie diese Brexit-Kampagne eigentlich finanziert wurde. Wir haben außerdem gesehen, dass es im Internet russische Trolle gab, die sich erst für Trump und dann für den Brexit eingesetzt haben.

Wie wappnet man sich gegen solche Gefahren?

Wir müssen unseren Blickwinkel erweitern und beispielsweise die russischen Geldströme, die durch unser Finanzsystem fließen, genauer überprüfen. Wir müssen eine gesamtgesellschaftliche Verteidigungskultur schaffen, damit wir auf die vernetzte Bedrohung durch Russland mit deren unterschiedlichen Werkzeugen angemessen reagieren können.

Sie zeichnen das Bild einer gewissen Omnipotenz Russlands. Wenn man sich beispielsweise die russische Medienkampagne in Deutschland ansieht, überrascht einen vielfach doch eher deren mangelnde Professionalität. Werden die russischen Möglichkeiten nicht häufig überschätzt?

Russland ist im Grunde genommen ein schwaches Land. Was Russland hat, ist aber Entscheidungskraft und eine gewisse Leidensfähigkeit. Es ist bereit, Risiken einzugehen und wir nicht. Uns verbindet doch als transatlantische Wertegemeinschaft, dass Russland uns angreift.

Wie passt dazu die jüngste Rede von Bundesaußenminister Siegmar Gabriel, der sich für einen selbstständigeren Kurs der EU gegenüber Washington ausspricht und für einen eigenen europäischen Weg plädiert?

Es wäre gut, wenn Europa mehr Verantwortung übernähme. Da stimme ich mit Außenminister Gabriel überein. Was die USA angeht, müssen wir uns genauer ansehen, worüber wir hier eigentlich sprechen. Da gibt es einmal Präsident Trump, aber eben auch seine außenpolitischen Berater. Sie sind aus meiner Sicht viel positiver zu bewerten als die frühere Obama-Administration. Aus liberaler deutscher Sicht mag bei Obama ja alles perfekt gewesen sein. Aber wenn man von Berlin aus hundert Kilometer nach Osten fährt, sieht das schon anders aus. Dort hat man mit Obamas »Reset-Politik« gegenüber der russischen Führung eher schlechte Erfahrungen gemacht und die Kosten dafür bezahlen müssen.

Jetzt gibt es eine sehr konsequente Sicherheitspolitik in Osteuropa. Der US-Kongress versucht die Fehler des US-Präsidenten auszugleichen. Es werden Millionen von Dollar in die Informationssicherheit und in militärische Unterstützung für die Osteuropäer gesteckt. Das sieht eigentlich alles gar nicht so schlecht aus.

Sie haben selbst als Moskau-Korrespondent gearbeitet und kennen Russland aus eigener Anschauung gut. Was gehört zu Ihren persönlichen Schlüsselerfahrungen, die ihr Bild vor allem geprägt haben?

Ich bin zum ersten Mal 1990 nach Russland gereist, war aber vorher schon in anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang unterwegs. Während meiner Zeit als Moskau-Korrespondent habe ich dann einige Überlebende des sowjetischen Gulag-Systems persönlich kennenlernen dürfen, die für den Erhalt der Menschenrechte gekämpft haben. Es war die größte Ehre meines Lebens, solche Leute zu treffen. Sie sind für mich das echte Russland und nicht etwa der KGB, Putin oder die Oligarchen.

Das Gespräch führte Gemma Pörzgen

Der britische Journalist und Publizist Edward Lucas gilt als Kenner Russlands und Osteuropas. Von 1998 bis 2002 war er der Moskau-Korrespondent des Wochenmagazins »Economist«, danach der Mittel- und Osteuropakorrespondent des Blattes. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. zum neuen Kalten Krieg, zu Internetsicherheit und Spionage. Lucas ist neben seiner journalistischen Tätigkeit als Autor und Senior Editor beim Economist Vize-Präsident des US-amerikanischen Centers für European Policy Analysis (Cepa).

weitere Informationen zum Berlin Foreign Policy Forum

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leitung Bereich Geschichte und Politik
Leitung Fokusthema »Russland in Europa«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 160
E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Twitter Woidelko

Russland in Europa auf Twitter

Nora Müller
Leitung Bereich Internationale Politik
Leitung Hauptstadtbüro Berlin

Telefon +49 • 30 • 206 267 - 60
E-Mail mueller@koerber-stiftung.de
Twitter muellernora

Presse

Lisa Schachner
Fokusthemenmanagement
Handlungsfeld »Innovation«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 175
E-Mail schachner@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top