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Der Grenzüberspringer

Mirco Nowak berät mit seinem Hamburger Unternehmen LUNO russische Manager und stattet russische Krankenhäuser mit Medizintechnik aus. Er sagt: Natürlich gibt es Mentalitätsunterschiede. Abschrecken lässt er sich davon aber nicht. Gespräch mit einem, der Russland und Deutschland zusammenbringt.

Körber-Stiftung: Ihrem Eindruck nach sind die Russen häufig abgegrenzt von innovativen internationalen Netzwerken. Wie kommt das?

Mirco Nowak: Ein riesiges Problem ist nach wie vor die Sprachbarriere. Russen können zu wenig Englisch. Insbesondere in Forschung und Entwicklung. Seit Beginn der Sanktionen dürfen viele Leute außerdem nicht mehr ins Ausland reisen. Dann kam vor sechs, sieben Jahren eine große Antikorruptionswelle: Medizinern wurde verboten, an internationalen Konferenzen teilzunehmen, die von Konzernen wie Siemens oder Philipps ausgerichtet und wo innovative Ansätze ausgetauscht wurden. Oder sie mussten so viele Anträge ausfüllen, dass viele sagten: Das mache ich nicht, weil ich dann vielleicht verdächtigt werde, ausländischen Lieferanten den Vorzug zu geben. Im Westen traut man Russland nach wie vor sehr wenig zu.

Warum?

Wenn ich heute einem Arzt eine hochinnovative Anwendung aus dem onkologischen Bereich gebe, eine Zellvakzine, die nachweislich sehr effektiv beim Hautkrebs wirkt: Das wird oft belächelt. Im Zweifel traut man den Studien nicht, weil sie angeblich nicht nach westlichen Standards durchgeführt worden sind. Man vermutet, dass da gelogen wird. Es ist schon ein sehr starker Vorbehalt von westlicher Seite gegenüber der russischen Kompetenz. Von russischer Seite gibt es neben der Sprachbarriere Mentalitätsunterschiede. Natürlich braucht man zudem eine gewisse Grundfinanzierung, um international vertreten zu sein. Da tut die russische Regierung viel zu wenig.

Sie waren erst vor Kurzem wieder in Moskau. Was haben Sie dort gemacht?

Wir statten russische Krankenhäuser mit Geräten aus, vor allem mit bildgebender Diagnostik. In Moskau betreiben wir ein medizinisches Labor, das wir vor eineinhalb Jahren im Auftrag des russischen Gesundheitsministeriums aufgebaut haben. Mitten in der Stadt befindet sich ein großes Reha-Zentrum. Es ist komplett ausgestattet mit einer Balneo-Therapie, Physiotherapie, Neurologie, fast alles, was man für eine gute medizinische Reha braucht. Auf einer Etage stand ein voll ausgestattetes Labor, original verpackt. Und man wusste nicht so recht, was man damit anfangen sollte. So sind wir ins Spiel gekommen. Ich beschäftige mich seit 15 Jahren damit, russische Vorgehensweisen aus dem biomedizinischen Bereich zu internationalisieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Russland ist in der Immunologie fantastisch, weit vorne in Zelltechnologien. Die bis heute unheilbaren Autoimmunerkrankungen – rheumatoide Arthritis, Schuppenflechte, Morbus Bechterew, Multiple Sklerose – da haben Russen schon vor vielen Jahren Verfahren auf Basis von eigenem Blut entwickelt. Man will die Autoimmunprozesse, die sich ja gegen das eigene Immunsystem richten, im positiven Sinne beeinflussen. Damit haben sie in Russland hervorragende Erfolge erzielt. Die Idee war: Wir schaffen dieses Labor in Moskau, um russische Methoden dort zu präsentieren und aufzubauen, aufzubereiten und sie dann zu internationalisieren, aber auch in Russland zu vermarkten.

Das neue Labor soll also den europäischen Ansatz mit den russischen Kenntnissen und Fortschritten zusammenzubringen.

Den Russen fehlen die deutsche Organisation und wesentliche Kontakte. Dafür sind sie immer noch zu sehr abgegrenzt von den übrigen innovativen Netzwerken, die in der Welt so passieren. In europäischen Think Tanks gibt es heute leider viel zu wenig Russen. Das Labor soll über die Basis-Dienstleistungen hinaus besondere medizinische Angebote präsentieren und anbieten. Dafür wurde eine innovative Therapie- und Forschungseinheit gebildet. Deutsche Kliniken, Institute und Ärzte sollen da miteingebunden werden.

Wie gehen Sie damit um, wenn das russische Fachwissen in westlichen Kreisen belächelt wird?

Wir versuchen, diese Mentalitätsunterschiede abzufedern. Sie brauchen einen Filter dazwischen. Ein gutes Beispiel: Im Januar feierte die Russisch-Deutsche Handelsgilde in Hamburg das altrussische Neujahrsfest. Da haben wir zwei russische Forscher eingeladen und einen Chefarzt von der Asklepios-Klinik aus dem onkologischen Bereich. Wir haben sie so zusammengebracht, dass sie jetzt eine gemeinsame Forschung entwickeln wollen zum Thema Bauchspeicheldrüsenkrebs. Diese zwischenmenschliche Variante spielt eine große Rolle. Da sehen wir auch unsere Aufgabe.

Sie haben hier auch eine Consulting-Einheit.

Die LUNO-Gruppe habe ich 1992 gegründet. Meine Geschäftsidee war, hier russische Manager zu schulen. In den Neunzigerjahren haben wir viele interkulturelle Trainings angeboten. Wir haben über 6.000 russische Manager geschult. Wir haben uns später auf Projektentwicklung und -management, aber auch auf die Umsetzung von konkreten Handelsprojekten konzentriert wie die Ausstattung russischer Krankenhäuser. Wir haben regelmäßig 20 russische Unternehmen, die wir am Standort Hamburg betreuen.

Sie kümmern sich auch um russische Patienten, die sich in deutschen Krankenhäusern behandeln lassen. Wie kam es dazu?

Die Patiententransfers sind ab 1995, 1996 dazugekommen. Für viele, die sich hier bei uns schulen ließen, war es der erste Auslandsaufenthalt nach der Wende. Man hat eine gewisse Vertrauensrolle, und so wird man für viele verschiedene Dinge angesprochen. Das Gesundheitswesen war in Russland zu der Zeit sehr schlecht. Da kam die Frage von den Managern: Ich habe ein Problem, kannst du mir das organisieren? Wir waren hier in Hamburg Pioniere. Russische Privatpatienten konnte man damals gar nicht so richtig abwickeln. 500 Patienten haben wir jedes Jahr begleitet.

Da kommt jemand ins Krankenhaus und sagt, ich brauche ein neues Kniegelenk. Ich habe keine Krankenkassenkarte, ich kann bar bezahlen. Darauf haben die Ärzte sich eingelassen?

Die haben sich sehr gefreut. Das war außerbudgetär und nicht gedeckelt. Natürlich haben sich einige Krankenhäuser damit sehr schwer getan. Diese Abwicklungseinheiten mussten erstmal eingerichtet werden. Man wurde auf einmal transparent. Man musste sagen, wie viel etwas kostet. Manchmal auch im Vorwege, also eine Kalkulation erstellen. Das war damals nicht üblich. Aber einige haben das als Geschäft gesehen, und so entstand der Tourismus von Patienten, die aus der ganzen Welt nach Deutschland kommen. Viele Kliniken verdienen damit ihr Geld.

Können Sie dazu Zahlen nennen?

Wenn Sie eine Hüft- oder Knie-OP haben, kostet das 10.00 bis 25.000 Euro. Wenn Sie Krebs bekommen, 30.000 bis 90.000 Euro. Für eine Stammzelltherapie bei Leukämie kostet es bis zu 250.000 Euro. Man schätzt den Markt heute auf eine Milliarde Euro an Auslandspatienten. 500 bis 600 Millionen davon kommen aus Russland. Das ist die größte Gruppe.

Sie sind ursprünglich gar nicht aus der Medizin.

Ich wollte verstehen, warum man diese Methoden hier nicht kennt. Wenn Sie mit diesen Leuten ins Gespräch kommen wollen, müssen Sie natürlich viele Nachtschichten einlegen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Wir haben in Hamburg zehn und in Moskau 40 Mitarbeiter. Im Zuge der Krise mussten wir doch einiges an Personal abbauen. Die Medizintechnik ist ein großer Bereich, der uns umsatztechnisch zusammengebrochen ist. Da mussten wir reagieren. Wir binden verstärkt externe Leute ein. Der harte Kern ist eine relativ kleine schlagkräftige Truppe. Diese Flexibilität müssen Sie an den Tag legen, sonst können Sie sich in dem Markt nicht bewegen.

Wie kam es, dass Sie sich so früh schon auf Russland spezialisiert haben?

Wie immer: Zufall. Ich hatte bei einem Hamburger Mittelständler die EDV-Leitung inne. Da die EDV-Anschaffungen sehr teuer waren, hat mich der damalige Chef nach Russland geschickt. Das war 1991. Das war mein erster Kontakt mit Russland, und es hat mir ganz gut gefallen. Es ist ein ganz anderes Geschäftsgebaren als in Deutschland. Sehr persönlich, sehr freundschaftlich.

Dem Klischee zufolge wurde damals bei Geschäftstreffen immer viel getrunken.

Am Anfang war das so, ganz klar. Ich war hauptsächlich in Sibirien aktiv, denn dort waren die Erdölkonzerne, die sich diese Management-Schulungen leisten konnten. Das waren heftige Besuche. Wenn wir die Leute hier in Hamburg betreut haben und dann eingeladen wurden, bestand kein Zweifel daran, dass diese Einladung mit vielen Feiern verbunden war. Ich glaube, der Wodkakonsum in den Neunzigern reicht aus, um damit zwei Leben zu füllen. Das hat sich geändert. Heute fragen die Deutschen, die nach Russland kommen, na, wird hier was getrunken? Die sind dann bitter enttäuscht, weil die Russen zumindest in Moskau, St. Petersburg und den anderen großen Städten kaum noch trinken.

Sprachen Sie 1991 schon Russisch?

Kein Wort! Nichts! Mir hat der Tipp eines Hamburger Unternehmers geholfen. Der Mann spricht so toll Portugiesisch. Ich habe ihn angesprochen und gefragt, wo er das gelernt habe. Er sagte: »Nur durchs Hören«. Das ist ja interessant, sagte ich. Er sagte: »Ich habe dem Dolmetscher nie zugehört. Ich habe immer versucht, den Gesprächspartner zu verstehen. Wie ein kleines Kind, das seine Eltern ein Jahr lang anguckt und irgendwann anfängt zu sprechen«. –  Das ist bei mir hängengeblieben. Die russischen Dolmetscher haben mich gehasst, weil ich sie nie angeguckt habe. Ich habe kein Wort verstanden, aber ich habe es versucht. Nach ein, zwei Jahren kamen die ersten Sätze. Ich kann bis heute keine Grammatik, ich kann immer noch schlecht lesen, schreiben sowieso nicht. Aber ich kann alles sprechen.

Sie haben nie einen Sprachkurs gemacht?

Nie. Die Slawisten, die hier studiert haben, finden das unglaublich unverschämt, eine Frechheit... Ich habe gerade einen Gentest machen lassen, um zu erfahren, wo ich herkomme. Das hat mir eine zum Geburtstag geschenkt. Dabei ist herausgekommen: 75 Prozent Nordwesteuropa, 25 Prozent Osteuropa. Ich verstehe mich toll mit den Russen, ich mag diese Mentalität. Es macht Spaß mit ihnen. Sie sind schnell, schlagfertig, extrem entscheidungsfreudig.

Was sollten sich die Deutschen von ihnen abschauen?

Wir in Deutschland sind oft sehr trocken und pragmatisch. Russland ist dagegen sehr persönlich. Dem einen gefällt das, dem anderen nicht. Der Russe ist der Weltmeister im Improvisieren, wir im Organisieren. Immer wenn Sie diese beiden Komponenten in einem Geschäft zusammenbringen und jeder bei seiner Kompetenz bleibt, können Sie deutsch-russische Synergien schaffen. Man kann was voneinander lernen, aber ich glaube, man sollte sich da lieber sinnvoll ergänzen.

Wie betreffen Sie als Firmengruppe die Sanktionen?

Die Sanktionen selbst treffen uns nicht so sehr. Wir haben mit dem sogenannten Dual Use anfänglich Probleme gehabt – also diese theoretische Nutzbarkeit auch für den militärischen Bereich. Computertomographen oder Magneten beinhalten Isotope, die man auch beim Militär einsetzen könnte.

Das heißt, die dürfen Sie nicht mehr einführen?

Wir mussten es immer genehmigen lassen. Das hat am Anfang alles nicht funktioniert. Wir haben da schon einige Verträge verloren. Der entscheidende Punkt, der uns stört, alles, was schlecht läuft, auf diese Sanktionen zu schieben. Diese positive Einstellung, die Russland zu Deutschland hatte, die ist nachhaltig gestört. Und das wiederum trifft uns in unserem Geschäftsleben allenthalben. Dass man nicht mehr so diese absolute Vertrauensbasis hat. Dass es oft um politische Diskussionen geht, die auf einmal hochkommen. Man hört jetzt öfter Stimmen, dass die Sanktionen wegfallen sollen. Das ist aber sehr interessant: Ein Großteil der Russen will das gar nicht. Ich habe gerade gehört: Um Gottes Willen, das ist doch jetzt alles super!

Das müssen Sie erklären.

Nowak: Viele Unternehmen mussten sich auf den lokalen Markt spezialisieren. Die russischen Unternehmen haben wesentlich weniger Konkurrenz gehabt, gerade im Nahrungsmittelbereich und im landwirtschaftlichen Sektor. Viele Firmen sind neu entstanden, man hat viele Subventionen bekommen. Und viele wollen, dass es so bleibt. Russland hat ja schon die Sanktionen bis Ende des Jahres festgelegt. So schön, wie es damals vor den Sanktionen war, wird es nicht mehr werden. Trotzdem stehen die Russen Deutschland immer noch sehr positiv gegenüber. »Made in Germany« ist ein absolutes Markenzeichen. Die »deutsche Ordnung«, das kann jeder Russe auf Deutsch sagen.

Wie wichtig ist Hamburg für die russischen Unternehmen?

Für die Handelsunternehmen ist Hamburg eine bekannte Größe. Trotz dieser großen Menge an Volumen, die hier über den Hafen gehen, sind Standorte wie Berlin und München aber viel stärker frequentiert. Wir haben uns da zu wenig engagiert. Dabei nutzen viele russische Firmen Hamburg als ihren Standort. Es gibt deutlich mehr als hundert Repräsentanzen und Tochtergesellschaften. Es ist eine relativ große Gemeinde, viele Russlanddeutsche, die hier ihre Unternehmen gegründet haben. München hat sehr viele Aktionen und Veranstaltungen gemacht. Das ist immer eine Frage des Marketings. Hamburg hat gesagt, wir suchen uns lieber eine Region aus, und da sind wir dann sehr aktiv. Und das ist für Hamburg die Partnerstadt St. Petersburg. Das wäre ausbaubar.

Mirco Nowak, Jahrgang 1966, hat 1992 die LUNO-Gruppe in Hamburg gegründet. Das Unternehmen macht jährlich rund 100 Millionen Euro Umsatz. Der Schwerpunkt liegt auf der Beratung russischer Firmen und der Ausstattung russischer Krankenhäuser mit Medizintechnik.

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