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»Keine Ruhe für Genosse Lenin«

Revolutionär des 20. Jahrhunderts, Gründungsvater der Sowjetunion, erbarmungsloser Politiker: Wladimir Iljitsch Lenin. 100 Jahre nach der Russischen Revolution ist sein Vermächtnis umstritten. In seinem Dokumentarfilm »Keine Ruhe für Genosse Lenin« zeigt der Regisseur Sven Jaax wichtige Wirkungsstätten und Stationen in Lenins Leben. Im Gespräch mit der Körber-Stiftung erläutert er, welchen Platz der kommunistische Führer heute in der russischen Gesellschaft einnimmt und was Filmarbeit in Russland ihm bedeutet.

Was ist aus Ihrer Sicht für das Publikum noch interessant an Lenin? Was fasziniert Sie an Lenin?

Mich fasziniert an Lenin, dass er so lange durchhält. Wer durch Russland fährt, kommt nicht an ihm nicht vorbei, überall wird man an ihn erinnert. Sei es, dass eine Stadt nach ihm benannt ist, eine Straße, ein Platz, ein Schiff oder ein ganzes Mausoleum. Lenin ist ständig präsent, obwohl er schon seit fast 100 Jahren tot ist.

Und dann noch ein ganz praktischer Aspekt: Wie schafft man es, einen Körper so lange nicht »am Leben«, aber »in Form« zu halten? Es ist ein Riesenapparat, der dahintersteckt. Warum betreibt man diesen Aufwand? Für wen? Ist es alles eine große Blase oder steckt mehr dahinter? Das waren auch die Fragen, die mich bei meinem Film angetrieben haben - und die hoffentlich auch das Publikum interessieren.

Sie sind für den Film quer durch Russland gereist und haben mit vielen Menschen gesprochen. Welches Verhältnis hat man heute in Russland zu Lenin?

Das ist ganz unterschiedlich, oft auch eine Altersfrage. Für die jungen Russen, die noch zur Schule gehen oder gerade damit fertig sind, ist Lenin einfach da. Der ist wie ein lieber, alter Opa, der mal ein Teil Russlands war. Aber sie haben keine persönliche Beziehung zu ihm. Wenn man mit den Menschen mittleren Alters spricht, haben die meist ein sentimentales Verhältnis zu Lenin. Sie sind mit ihm groß geworden; er war in allen Bereichen ihres Lebens präsent als der Gute. Wer mit diesem Wohlgefühl aufgewachsen ist, möchte das nicht unbedingt wieder loswerden. Die Alten hängen mehr an Lenin. Da herrscht die Haltung »früher war alles besser« vor. Ob das nun stimmt oder nicht, sei mal dahin gestellt, aber Lenin ist für die ältere Generation immer noch sehr wichtig. Im Großen und Ganzen hatte ich den Eindruck, dass Lenin fast schon eine Art Institution ist und zu Russland gehört, wie der Eiffelturm zu Paris oder der Kreml zu Moskau.

Setzen sich die Menschen auch kritisch mit Lenin auseinander?

Während der gesamten Zeit in Russland habe ich praktisch niemanden getroffen, der für Lenin wirklich negative Worte gefunden hat. Alle haben gesagt: »Kann man so oder so sehen, aber er ist ein Teil von Russland, er ist ein Teil von unserer Geschichte und deswegen lassen wir ihn uns auch nicht nehmen«.

Wenn Sie jetzt zurückblicken auf die Entstehungsgeschichte Ihres Films, die Konzeption und die Dreharbeiten. Was war die größte Herausforderung?

Was die Konzeption betrifft, war die größte Herausforderung einen roten Faden zu finden. Ich stand vor diesem großen Russland und sollte die aktuelle Beziehung zwischen Lenin und den Russen herausarbeiten. Da stellten sich die Fragen: Wo fährt man hin? Fährt man nur in die großen Städte oder fährt man aufs Land? Fährt man in den Westen, fährt man in den Osten? Spricht man mit Fachleuten, mit Historikern oder mit den Menschen auf der Straße?

Was die Logistik betrifft: Ich mache normalerweise andere Filme, Dokumentationen, die dem Publikum abgelegene Ecken der Welt näherbringen. Formate, wie »Länder, Menschen, Abenteuer«. Da gehe ich flexibler an ein Thema heran, und lasse mich auch gern überraschen. Das ging dieses Mal nicht. Hier mussten die Protagonisten vorab festgelegt werden, und es durfte einfach nichts schiefgehen. Die Drehzeit war knapp und es gab einen strengen Terminplan. Wir mussten ja zwischen vier Orten hin- und herfliegen.

Spätestens im Schnitt steht man vor der Aufgabe, einen sinnvollen Aufbau zu finden. Das hat ziemlich lange gedauert. Vor Drehbeginn hatte ich die Idee, Lenins Leben zu folgen, von seiner Geburtsstätte bis zu dem Ort, an dem er gestorben ist. Das hat nur leider in der Praxis nicht funktioniert.

Ihre früheren Dokumentationen haben Sie unter anderem auf Kamtschatka gedreht oder in der Russischen Arktis. Warum immer wieder Russland?

Ich glaube, das hat bereits ist im Erdkundeunterricht angefangen. Russland und die kalten Regionen haben mich schon früh fasziniert. Und so bin ich im Prinzip über Skandinavien nach Russland gekommen. Irgendwann stand ich in Nord-Norwegen, in Kirkenes, an der Grenze, sah dieses große Schild »Hier geht’s nach Murmansk« und habe mir gesagt: »Da will ich hin!«. Das ist nun schon viele Jahre her, und es hat lange gedauert, bis ich dort auch arbeiten konnte. Aber seit meinem ersten Film in Russland bin ich »infiziert«. Ich bin ein Outdoor-Mensch und mag weite Landschaften. Da kann man in Russland aus dem Vollen schöpfen. Ich mag die Mentalität der Russen. Ich bin begeistert von der Herzlichkeit, von der Hilfsbereitschaft. Es ist einfach wunderbar, in Russland zu arbeiten. Und das lässt auch nicht nach.

Und das ist auch etwas, was Ihnen jetzt bei den Dreharbeiten zu diesem Film begegnet ist. Diese Unterstützung und die Herzlichkeit vor Ort?

Ja, wobei es dieses Mal schon etwas schwieriger war. Wenn man an Orten von nationaler Bedeutung drehen will, wie dem Roten Platz oder dem Lenin-Mausoleum, trifft man auf einen riesigen Behördenapparat. Da habe ich mir ziemlich die Zähne ausgebissen, und ein paar Sachen sind auch einfach nicht zustande gekommen. Wir haben es zum Beispiel nicht geschafft im Lenin-Mausoleum zu drehen. Da gibt es ein Drehverbot für Journalisten und Regisseure, ausländische wie russische. Auch um auf dem Roten Platz zu drehen, haben wir lange kämpfen müssen. In den Genehmigungsprozess war sogar Präsident Putin einbezogen. Am Ende hat es trotz aller Mühen auch viel Spaß gemacht.

Das Gespräch führte Gabriele Woidelko

Sendetermin für »Keine Ruhe für Genosse Lenin« auf ARTE ist Dienstag, der 31. Oktober 2017, um 20.15 Uhr.

Ein Beitrag zur Reihe »1917-2017« über das Jubiläumsjahr der Russischen Revolution

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