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Lettisch, russisch oder multiethnisch?

Identitäten und Kultur machen nicht an Landesgrenzen halt. Das zeigen die Berichte von fünf jungen Letten, die in der lettischen Stadt Rezekne leben, nur eine Stunde Autofahrt von der Grenze zu Russland entfernt. Im Gespräch mit der Körber-Stiftung erzählen sie von ihrer Identität und ihrem Alltag. Ihre Antworten geben Einblick in eine Welt voller konkurrierender und übergreifender Identitäten, vermischter Sprachen und deutlicher Gräben zwischen zwei Gemeinden, die an vielen Stellen nebeneinander her leben.

Am 14. September beriet das lettische Parlament über einen Gesetzesentwurf, der die Nutzung des Lettischen als alleinige Amtssprache stärken soll und erweiterte Sanktionen bei Nichteinhaltung der Amtssprachereglung vorsieht. Wer das Land von außen betrachtet, erhält den Eindruck, dass sich Lettland entlang einer ethnische Linie zu teilen scheint: auf der einen Seite die lettische Mehrheit und auf der anderen Seite die russische Minderheit, deren Angehörige ihre eigene Sprache sprechen und sich nicht oder nur mit Schwierigkeiten in den lettischen Staat integrieren. Doch dieser Eindruck der klaren Differenzierung zwischen »uns« und »den anderen« verschwindet, sobald das Gespräch auf den Alltag der Menschen kommt, die entlang einer ethnischen Linie leben.

Valentin (18) und Karina (17) stammen beide aus russischen Familien und besuchen in Rezekne eine russische Schule, in der vornehmlich in dieser Sprache unterrichtet wird. »Wenn jemand mich fragt, woher ich komme, sage ich aus Lettland, aber aus der russischen Gemeinde«, so Karina. Sie ist stolz darauf, dass in ihrer Familie alle Russen sind. Daniela (15) und Vanesa (17) besuchen eine lettische Schule, haben aber unterschiedliche Familienhintergründe: Danielas Familie ist lettisch, Vanessas russisch. Ksenia (16) besucht eine polnische Schule, wo ein Großteil des Unterrichts auf Lettisch stattfindet, es aber auch einen starken Fokus auf die polnische Sprache gibt. Sie selbst ist Russin.


Was hält diese multiethnische Gemeinschaft zusammen?

»Nichts verbindet unser Land mit Russland«, sagt Vanesa. Damit ist Karina nicht einverstanden. »Russen in Lettland haben Russland im Verlauf der Geschichte unterstützt und das Land geliebt«, meint sie. »Die Letten dagegen neigen zum Patriotismus und unterstützen die Politik der EU.« Laut Karina ist der lettische Patriotismus bei den Jugendlichen weniger verbreitet als in der älteren Generation, unabhängig davon, ob sie ethnische Letten oder ethnische Russen seien. Daniela denkt, dass einige Traditionen, die aus der sowjetischen Zeit geblieben sind, beide Gemeinden vereinen würden. Auch das Essen und die Musik spielten dabei eine Rolle. »Was uns verbindet? Wir teilen ein Staatsgebiet«, betont Ksenia. Für Karina sind es die lettischen Feiertage, die Letten und Russen einen.

Es klingt, als ob die Jugendlichen Schwierigkeiten hätten, verbindende Elemente zu finden. Auf die Frage, was Russen und Letten trenne, gehen ihnen dagegen die Antworten so schnell nicht aus. »Politik« fällt als erstes Schlagwort. »Die lettische Haltung gegenüber Russen ist ausgesprochen negativ und das ist wenig hilfreich«, stellt Vanesa fest. Karina geht mehr auf die alltäglichen Einstellungen ein: »Ich habe das Gefühl, dass russische Eltern ihre Kinder anders erziehen als es die lettischen Eltern tun. Selbst unser Humor ist anders. Es ist nicht nur die Politik, die uns trennt, sondern die Mentalität.« Ksenia stimmt zu, dass sich auch an den Verhaltensnormen Differenzen zwischen Russen und Letten herauskristallisieren. Daniela ergänzt noch religiöse Unterschiede. Valentin ist der einzige, für den die Grenze zwischen beiden Gemeinschaften ausschließlich politischer Natur ist: »Es ist die lettische Regierung, die Russen und Letten trennt, weil sie die Russen als Bedrohung sieht und Konflikte zwischen beiden Gemeinschaften kultiviert.« In den letzten Jahren habe er Angst gehabt, in Lettland Russisch zu sprechen.

Die Grenze zwischen den beiden ethnischen Gemeinden scheint allen Beteiligten zuerst einmal klar. Doch wenn man dem Alltag der Menschen aufmerksam folgt, verschwimmt die Trennlinie.

»Ich versuchte nur in Lettisch zu denken, aber russische Worte tauchten trotzdem auf.«

Die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe wird vor allem durch die Familie bestimmt. In der Familie nutzen alle fünf jungen Leute die Sprache ihrer jeweiligen ethnischen Gruppe. Und in der Sprache, die sie zu Hause sprechen, fällt es den Jugendlichen auch sonst am leichtesten, zu denken und zu kommunizieren. »Einmal, als ich allein war«, erzählt Karina, »habe ich versucht nur in Lettisch zu denken, als Experiment. Aber das war sehr schwierig: Russische Worte tauchten trotzdem auf.«

»Ich lese in Lettisch, aber denke in Russisch.«

Vanesa denkt in Russisch und kommuniziert fast ausschließlich in ihrer Muttersprache. Doch wenn es um Literatur geht, bevorzugt sie Lettisch, vielleicht aufgrund ihrer lettischen Bildung. Nichtsdestotrotz folgt Vanesa den russischen Medien. Ksenia bevorzugt ebenfalls die Nachrichten auf Russisch, obwohl sie auch manchmal lettischsprachige Zeitungen liest. Wenn es um Literatur und Lesen geht, kommt noch eine dritte Sprache hinzu: Englisch. Karina liest Bücher in Russisch und Englisch und folgt den Nachrichten in allen drei Sprachen. Daniela denkt ausschließlich in Lettisch. Ihre Bücher sind lettisch und englisch; manchmal überfliegt sie auch eine lokale Zeitung auf Russisch. »Ich folge sowohl russischen als auch lettischen Nachrichten auf Delphi.lV«, sagt Valentin. »Die Nachrichten sind dabei in beiden Sprachen durchaus unterschiedlich.«

»Irgendwie funktioniert es, beide Sprachen zu mischen.«

Außerhalb des Familienkreises werden Russisch und Lettisch relativ oft vermischt. Valentin und Vanesa kommunizieren hauptsächlich mit Russen aus ihrem eigenen ethnischen Umfeld. Die anderen trennen das nicht so klar. Daniela erläutert: »Ich bevorzuge Lettisch und Lettgallisch [eine Regionalsprache] zu Hause. Mit meinen Freunden spreche ich sowohl Russisch als auch Lettisch. Wir mischen beide Sprachen«. Für Ksenia überwiegt Russisch, sowohl zu Hause als auch mit ihren Freunden, obwohl einige von ihnen Letten seien. Trotz ihrer polnischen und lettischen Schulbildung fühlt sie sich wohler, wenn sie in ihrer Muttersprache kommuniziert. Karina hat russische Freunde aus der Schule, aber auch lettische Freunde aus den Tanzkursen, an den sie teilnimmt: »Meine lettischen Freunde haben Schwierigkeiten Russisch zu sprechen, aber sie verstehen es sehr gut.« Lettisch zu sprechen sei für Karina ganz leicht, obwohl sie Russisch bevorzuge. Im Alltag, insbesondere durch Sprache, weichen die Grenzen zwischen der russischen und lettischen Gemeinde in Rezekne auf.

Alle fünf Jugendlichen fühlen sich vor allem ihrer eigenen ethnischen Gruppe verbunden. Auf den ersten Blick scheint es kaum Überschneidungen zu geben. Doch der Blick in den Alltag belegt, dass oft Sprachen gemischt werden und sich Freundschaften über die eigene Gemeinde hinaus entwickeln. Grenzen, die bei der ursprünglichen Frage nach der eigenen Identität so klar schienen, verschwimmen im Alltag. Ob die sprachliche Verbundenheit auf lange Sicht auch den gefühlten Graben zwischen beiden Gemeinden verringern kann, bleibt abzuwarten.

Das Gespräch führte Nora Kalinskij

In einer früheren Version hatten wir geschrieben: »Am 14. September beriet das lettische Parlament über einen Gesetzesentwurf, der drastische Geldstrafen für jeden vorsieht, der in der Öffentlichkeit Russisch spricht«. Diese Formulierung haben wir auf Hinweis der lettischen Botschaft in Berlin präzisiert.

Kontakt

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Leitung Bereich Geschichte und Politik
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