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Russland ist kein Land, das sich unterordnet

Russland verstehe sich immer noch als ein Imperium und trete dementsprechend auf, erläutert die russisch-amerikanische Politologin Nina Khrushcheva – Ur-Enkelin von Nikita Khrushchow  – in einem Gespräch mit der Körber-Stiftung. Im Traum von einem »gemeinsamen Haus Europas« mit den Russen sieht sie – trotz aller Hindernisse – die vielleicht einzige Chance für die Zukunft.

Welchen  Einfluss hat – 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion – das Erbe des ehemaligen Imperiums Ihrer Meinung nach auf das heutige Russland?

Russland hat immer noch ein imperiales Bewusstsein. Seine Vorstellung von Macht beruht sehr stark auf dem Konzept von Größe – Größe spielt eine Rolle. Russlands gewaltige Ausmaße, die fast den ganzen Kontinent umfassen, von Kamtschatka bis Kaliningrad, von Japan bis Deutschland, erklären sehr gut Russlands Machtvorstellungen. Zudem gilt, wie in vielen Großreichen, dass die Beziehung zwischen seinen einzelnen Teilen vertikal und nicht horizontal ausgerichtet ist. Letztendlich beginnt und endet alles in Moskau. Wenn wir über das Erbe reden, dann ist das russische Imperium bei weitem nicht am Ende. Es sucht nach Möglichkeiten, sich neu zu positionieren – daher auch Wladimir Putins Verständnis von »Russlands traditionellen Einfluss-Sphären«, wie der Ukraine und Georgien, also den Staaten, die einmal Bestandteile des Imperiums waren und es inoffiziell jetzt irgendwie bleiben und somit gleichwohl [in Russland] als »die Unsrigen« gelten.

In letzter Zeit sprechen viele Menschen in Russland über Europa, als gehöre Russland nicht mehr dazu. Was ist passiert, dass es zu diesem Perspektivwechsel kam?

So wie es die Russen sehen, hat Europa, ja sogar der Westen, sie zurückgewiesen. Die NATO-Erweiterungen bis zur russischen Grenze wurden auch als ein Zeichen verstanden, dass der Westen selbst Russland nicht als einen Teil Europas betrachtet. Die Russen haben den Spieß daher umgedreht – ihr wollt uns nicht, wir wollen euch nicht. Russland ist schlichtweg kein Land, das sich unterordnet (die meisten Großreiche sind das nicht), und die Erwartung , dass es sich schlichtweg an den Westen anpassen würde, ohne viel im Prozess mitbestimmen zu dürfen, war eine große Fehleinschätzung seitens der westlichen Mächte.

Welche Bedeutung hat die gemeinsame Vergangenheit für die aktuellen Herausforderungen in der Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn?

Sehr wichtig! Da Russland weiterhin seine Rolle in der Welt aus einer imperialen Position sieht, ist die Vergangenheit von zentraler Bedeutung, da sie den Russen Beispiele dafür gibt, wie sie früher erfolgreich waren. Ich bin mir bezüglich der Verständigung allerdings nicht sicher: Sind die europäischen Nachbarn wirklich bereit, einen Dialog mit Russland zu führen, ohne dem Land zu sagen, was zu tun ist und wie es zu sein hat?

Hat der Traum von einem »gemeinsamen Haus Europa« letztendlich sein Ende gefunden?

Das ist eher eine Frage für Europa als für Russland. Aber ich hoffe nicht. Aber seit die USA unter Donald Trump kaum noch als westliche Führungsmacht gelten und Wladimir Putin gekränkt ist, weil Europa ihm nicht gefällig war, ist Europa mehr als jemals zuvor auf sich allein gestellt. Und es liegt an Europa selbst, zu führen. Was das »gemeinsame Haus Europa« mit den Russen anbetrifft, ist das eine (und vielleicht auch die einzige) Chance für die Zukunft. Mit diesem Kreml allerdings gibt es zu viele Altlasten, um das in nächster Zeit zu erreichen.

Nina Khrushcheva wird beim Körber History Forum 2017 die Frage »Ist Russland auf dem Weg in das posteuropäische Zeitalter?« diskutieren.

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