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Geschichten über Herkunft, Flucht und Ankommen

Die jüdische Großmutter der Autorin Olga Grjasnowa flüchtete vor den Nationalsozialisten und strandete im aserbaidschanischen Baku. Ihre Eltern wanderten nach Deutschland aus, als es in Aserbaidschan für sie zu schwierig wurde. Olga Grjasnowa sagt: Die Geschichten von der Flucht haben mich sehr geprägt.

Es gibt Menschen, die man leicht unterschätzt. Olga Grjasnowa zählt dazu: Unter dem jungen, freundlichen Äußeren steckt eine lebenserfahrene, starke Frau. Unbequeme Stücke über Identitäten, widerstreitende kulturelle Einflüsse und die Verantwortung der Gesellschaft sind das Metier der Berliner Schriftstellerin.

»Meine jüdische Oma war 14, als sie aus einem kleinen weißrussischen Schtetl vor den Nationalsozialisten flüchten musste«, sagt Olga Grjasnowa. Zusammen mit dem neunjährigen Bruder, Grjasnowas Großonkel, entkam sie und landete irgendwann in Baku, Aserbaidschan. »Sie hat viel davon erzählt«, so die 32-Jährige. »Diese Geschichten haben mich geprägt.«

Es blieb nicht die einzige Fluchtgeschichte in ihrer Familie.

1995, als Olga Grjasnowa elf war, lebten ihre Eltern in Aserbaidschan und bekamen endlich das Visum für Deutschland. »Es war eine desolate Lage«, erklärt Olga Grjasnowa. Inflationsraten von 500 Prozent, Menschen warteten vergeblich darauf, dass ihre Löhne ausgezahlt würden. Grjasnowas Eltern traten die Flucht nach vorn an. Als Juden bekamen sie den Titel »Kontingentflüchtlinge« und durften sich in Hessen niederlassen. Dort leben sie heute noch. An Aserbaidschan erinnert sie vor allem der Safranreis mit Fleisch, Fisch oder Gemüse, der oft auf den Tisch kommt. Zwar ist die Landessprache offiziell Azeri, doch als das Land zur Sowjetrepublik wurde, führten die neuen Machthaber Russisch als Amtssprache ein. In diese Zeit wuchsen Olga Grjasnowas Eltern hinein; Russisch wurde für sie selbstverständlich. Wie so viele haben sie nach der Ankunft in Hessen ihre eigenen Kämpfe mit der deutschen Sprache ausgefochten, als Kontingentflüchtlinge mussten sie damals keine Vorkenntnisse nachweisen.

Olga Grjasnowa lebt inzwischen in Berlin-Neukölln. Sie spürt: Ich komme aus Baku. Aber darauf reduziert werden will sie nicht. Wenn sie neue Leute kennenlernt und als Erstes gefragt wird, woher sie »eigentlich« komme, nervt sie das. »Es drückt einem so einen Stempel auf: Du gehörst ja gar nicht dazu.« Dabei würde sie nie mit ihrer Herkunft brechen, im Gegenteil. Sie fährt immer mal wieder hin, zuletzt hat sie Baku vor vier Jahren besucht. »Es ist wunderschön dort, aber die Korruption grassiert, es gibt viele Probleme.« Wenn sie hinfährt, ist es auch immer wieder ein kleiner Abschied, denn: »Das Aserbaidschan meiner Eltern gibt es nicht mehr.« Viele, die konnten, seien weggegangen. Baku selbst wächst, aber man träfe kaum noch altbekannte Gesichter auf den Straßen. Olga Grjasnowa fühlt sich nicht als Aserbaidschanerin, auch nicht recht als Deutsche. Sie ringt mit sich. Als Europäerin, meint sie schließlich. Sie liest Nachrichten aus Aserbaidschan und verfolgt das kulturelle Leben, »aber Bücher von dort werden leider kaum übersetzt«, gibt sie an. Vielleicht, denkt sie, wird es den Menschen im Land eines Tages besser gehen. »Ich wünsche ihnen mehr Freiheit, mehr Rechtsstaatlichkeit.« Mal wieder hinfahren, mit dem Gedanken spielt sie schon, aber konkrete Reisepläne hat sie vorerst nicht.

In ihren Büchern – zwei hat sie bisher veröffentlicht, das dritte erscheint im März – nähert sie sich ihrer Herkunft langsam und behutsam. Das erste, Der Russe ist einer, der Birken liebt, spielt mit den Länderklischees. »Russische Protagonisten kommen darin gar nicht vor«, erläutert Grjasnowa. Aber die Heldin Mascha, die aus Aserbaidschan stammt, wird immer für eine Russin gehalten, weil ihre Bekannten den Unterschied nicht verstehen. Das aktuelle Werk Gott ist nicht schüchtern erzählt von Swetlana, einer Frau, die einen Syrer heiratet und eine Zeitlang mit ihm in Damaskus lebt, bevor die Ehe in die Brüche geht. Mit ihr teilt Olga Grjasnowa mehr als die russischen Wurzeln. Denn auch hat im echten Berliner Leben einen Mann aus Syrien geheiratet.

Das ist die dritte Fluchtgeschichte in ihrer Familie.

Sie lernte den Schauspieler bei einer gemeinsamen Freundin kennen. Er war nach Ausbruch des Bürgerkrieges zuerst aus Syrien in den Libanon geflohen. Auf einer Gastspielreise in Europa konnte er plötzlich sein Visum für den Libanon nicht verlängern – so strandete er in Berlin. »Zuerst haben wir uns nur gestritten«, gesteht sie und schüttelt lachend den Kopf, so als könnte sie es selbst kaum glauben. Sein Englisch war damals schlecht, sie unterhielten sich ausschließlich mit der Hilfe des Google-Übersetzers. Inzwischen haben sie eine anderthalbjährige Tochter.

In Gott ist nicht schüchtern beschreibt sie eindringlich und detailliert, wie eine syrische Stadt über die Jahre der Kämpfe zwischen Regimetruppen, Rebellen und Islamischem Staat in Schutt und Asche zerfällt. Wie die Menschen mit knappen Lebensmitteln, unzureichender medizinischer Versorgung und ständiger Angst leben müssen. Es ist ein beklemmendes Buch, bei dessen Recherche ihr Mann ihr half. »Wir sind in den Libanon gefahren, ins türkische Izmir, auf die griechische Insel Lesbos«, berichtet sie. »Gerade in Izmir war es noch viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte.« Die Flüchtlinge schlügen sich über die Landroute bis dorthin durch, harrten aus, mühten sich ab, um das Geld für die Schlepper durch kleine Jobs zusammenzukriegen. »Das war die totale Hoffnungslosigkeit«, so Grjasnowa.

Sie selbst ruht in ihrem Neuköllner Zuhause. Seit sechs Jahren lebt sie in der Hauptstadt. »Berlin«, betont sie, »ist die einzige Stadt, von der ich weiß, dass ich noch bleiben möchte«. Sie mache es einem leicht. Einerseits sei das kulturelle Angebot riesig, andererseits ließen die Leute einen in Frieden, wenn man das wolle. Eine weitere Flucht scheint vorerst kein Thema mehr zu sein.

Olga Grjasnowas neuer Roman mit dem Titel »Gott ist nicht schüchtern« erscheint am 17. März 2017 im Aufbau Verlag.

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