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Die Oktober-Revolution und Lenin als Paradox

Der ukrainische Historiker Andrii Portnov beschäftigt sich mit Historiographie, Völkermord- und Gedächtnisstudien in Ost- und Mitteleuropa. Auf dem EUSTORY Next Generation Summit 2017 in Berlin wird er für die jungen Preisträgerinnen und Preisträgern von Geschichtswettbewerben aus Europa einen Vortrag halten zur Bedeutung, die die Russische Revolution auch 100 Jahre später noch in Europa hat. Im Interview erläutert er, wie aktuell dieses geschichtliche Ereignis auch heute noch ist.

Andrii Portnov ist der Direktor von PRISMA UKRAЇNA Research Network am Forum Transregionale Studien Berlin und in diesem Wintersemester Lehrbeauftragter an der Viadrina in Frankfurt Oder. In diesem Jahr gilt seine Aufmerksamkeit auch dem 100jährigen Jubiläum der Russischen Revolution. Der Ukrainer beobachte, dass gerade in Russland eine echte Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus, der Revolution und der Sowjetunion fehlt. Das Thema Revolution würde lieber beiseitegeschoben. Ganz anders, als in der Ukraine: Noch im Oktober 1991 hätten beide Länder der Oktoberrevolution ganz ähnlich gedacht. Heute würden die Ereignisse von 1917 auf der offiziellen Ebene und in den ukrainischen Lehrbüchern als ukrainische Revolution beschrieben. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stünden nicht mehr die Geschehnisse in Petrograd, sondern alles, was in Kiew geschah.
 
Wie wird aus Ihrer Sicht in Russland das hundertjährige Jubiläum der Oktoberrevolution von 1917 begangen?

Ich beobachte das sehr aufmerksam, weil mich interessiert, wie in Russland über die Geschichte debattiert wird. Meinem Eindruck nach hat der Kreml bisher noch nicht entschieden, wie man über die Oktoberrevolution sprechen sollte. Es gibt da eine sehr widersprüchliche Sicht. Einerseits vertritt Putin den Standpunkt, dass Lenin und der  Bolschewismus Russland den Sieg im Ersten Weltkrieg gekostet haben. Dann gibt es eine Mythenbildung rund um den letzten Zaren Nikolaus II und das russländische Imperium. Hinzu kommt eine merkwürdige Rhetorik über die Aussöhnung zwischen den Monarchisten und den Bolschewisten, als wären sie alle „russische Patrioten“. Das passt eigentlich alles nicht zusammen. In Wahrheit fehlt eine echte Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus, der Revolution und der Sowjetunion.

Offenbar fürchtet man auch einen Bezug zum Hier und Heute?

Ja, das Thema Revolution wird lieber beiseitegeschoben. Putin und die Leute um ihn herum haben Angst, es könnte plötzlich auch um eine heutige Revolution und Proteste auf der Straße gehen. Das Wort Revolution klingt im Kontext der konservativen Rhetorik im Kreml gefährlich. Dabei hatte das Wort „Revolution“ im 19. Jahrhundert noch eine ganz andere Bedeutung im Russischen. Es ging nicht etwa um einen Machtwechsel oder einen gewaltsamen Umsturz, sondern „Revolution“ bedeutete vielmehr, dass etwas einen Kreis dreht und wieder am Anfang ankommt. In gewisser Hinsicht passt das ja auch.

Wie ist es in der Ukraine, wie wird dort an die Oktoberrevolution erinnert?

In der Ukraine hat sich das geändert. Noch im Oktober 1991 haben beide Länder der Oktoberrevolution ganz ähnlich gedacht. Heute werden die Ereignisse von 1917 auf der offiziellen Ebene und in den ukrainischen Lehrbüchern als ukrainische Revolution beschrieben. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht mehr die Geschehnisse in Petrograd, sondern alles, was in Kiew geschah. Dieses Narrativ widmet sich vor allem den verschiedenen Phasen der ukrainischen Staatlichkeit. Die Geschichte, die in einem sowjetischen Kontext stand, wird heute vor allem zur ukrainischen Geschichte. Das ist eine starke Vereinfachung, denn all diese Prozesse waren vielschichtiger. Die Oktoberrevolution in Russland wird heute in der Ukraine als auswärtiges Ereignis verstanden, wenn nicht sogar als Anfang der russischen Aggression gegen die Ukraine.

Ist das nicht auch eine sehr ideologische Sicht?

Natürlich, das ist ein ideologisches Konstrukt. Wenn man sich die historischen Ereignisse ansieht, dann ist klar, dass der bolschewistische Umsturz zunächst in Petrograd stattfand. Aber die Bolschewisten verfügten auch über Einfluss in verschiedenen ukrainischen Städten. Es gab auch ukrainische Revolutionäre, zum Beispiel in Charkiw, in Odessa oder in Kiew. Das Problem mit diesen offiziellen Narrativen ist, dass sie heute nur noch einen Erzählstrang auswählen und behaupten, er wäre der entscheidende.

Wie wird das Jubiläum denn in der Ukraine begangen?

Es gibt verschiedene Veranstaltungen, Ausstellungen und Konferenzen. Aber sie widmen sich nicht der Revolutionen vom Februar und Oktober 1917, sondern der ukrainischen Revolution. Da geht es nur am Rande um den Oktober oder um Lenin. Das ist eigentlich schade, denn wenn man sich mit Lenin beschäftigt, sieht man, dass er für die Ukraine von Bedeutung ist. Er war einer der Bolschewiki, die das Wort „ukrainisch“ und die Kategorie „Ukraine“ befördert haben, denn es gab alternativ auch die Bezeichnung „kleinrussisch“. Deshalb hätte das Thema „Lenin und die Ukraine“ eigentlich sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Aber das passt nicht in die heutige offizielle Geschichtsbetrachtung.

In der Ukraine wurden seit der Unabhängigkeit viele der sowjetischen Lenin-Denkmäler gestürzt. Wie passt das zu dem beschriebenen Geschichtsbild?

Interessanterweise hat sich Lenin 1917/1918 dafür eingesetzt, dass der Donbass und dessen Kohleindustrie Teil der sowjetischen Ukraine werden, und nicht etwa Russlands. Es ist deshalb paradox, dass die Lenin-Denkmäler ausgerechnet im Donbass noch stehen. In den anderen Teilen der Ukraine wurden mehr als 1500 Lenin-Denkmäler abgebaut, also mehr als die Hälfte. Im Zentrum der Städte sind sie alle bereits verschwunden. Geblieben sind nur ein paar kleine Monumente, die wenig auffallen. Diese Zerstörung ist verständlich, wenn man sie im Kontext der Ereignisse auf dem Maidan und des Krieges im Donbass betrachtet. In der modernen Ukraine ist Lenin zu einem Symbol geworden, dessen man sich gerne entledigt, um sich vom heutigen Russland zu unterscheiden. Es geht dabei nicht um Lenin selbst. Vereinfacht gesagt, zeigt die ukrainische Regierung auf diese Weise, dass die Ukraine nicht Teil von Putins Russland ist. Aber es ist ein Paradox, dass im Donbass der gleiche Lenin zu einem Symbol dafür geworden ist, dass man dort nicht Teil der Ukraine ist. Der gleiche Lenin, der einst dafür eintrat, dass der Donbass Teil der Ukraine ist, ist also jetzt zum Symbol des Gegenteils geworden. Das zeigt sehr gut, wie Geschichte und Erinnerung auseinanderfallen.

Ist der tote Lenin, der unverändert im Mausoleum auf dem Roten Platz liegt, nicht auch so ein Paradox?

Das war Stalins Idee. Eigentlich wissen wir, dass Lenin selbst und seine Familie dagegen waren, ihn so aufzubahren. Es gab vor einigen Jahren in Russland eine Debatte, ob man Lenin beerdigen sollte, aber sie ist wieder verstummt. Dabei ist im heutigen Russland diese ganze Ideologie längst nicht mehr lebendig. Auch angesichts der christlichen Rhetorik im orthodoxen Russland ist es erstaunlich, dass dieser leere Körper immer noch öffentlich ausgestellt wird. Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass es unchristlich ist, Lenin so zu zeigen. Diejenigen, die sich gerade über den Film „Matilda“ so empören, könnten doch eigentlich ähnlich empört protestieren, dass Lenin immer noch im Mausoleum liegt. Aber es gibt keinen Kampf darum, Lenin zu beerdigen. Man weicht dem Problem lieber aus. Selbst dieser tote Lenin birgt für das heutige Russland eine Gefahr.

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen

Mehr Informationen zum EUSTORY Next Generation Summit

Ein Beitrag zur Reihe »1917-2017« über das Jubiläumsjahr der Russischen Revolution

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