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100 Jahre Russische Revolution

Im März 1917 geriet mit dem großen Aufstand der hauptsächlich weiblichen Arbeiterschaft in den Putilow-Werken und mehreren Generalstreiks in Petrograd etwas in Bewegung, das Russland, Europa und die Welt tiefgreifend verändern würde. Im Interview spricht Nikolaus Katzer, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, über die sogenannte »Februarrevolution« als demokratische Alternative zum späteren »Oktober« und über die Wahrnehmung des Revolutionsjahres 1917 in Russland heute.

 
Wie bereiten sich die russische Regierung und staatliche Institutionen Ihrem Eindruck nach auf den 100. Jahrestag des Revolutionsjahres 1917 vor?

Es hat durchaus eine gewisse Zeit gedauert, bis man sich offensichtlich im Klaren war, wie man dieses Jubiläumsjahr 2017 begehen möchte. Deswegen gab es erst relativ spät, im Dezember 2016, einen Erlass des Präsidenten Wladimir Putin, mit dem eine Kommission beauftragt wurde, die die wichtigsten Eckpunkte des Jahres mit Veranstaltungen bestücken soll.

Ansonsten lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen eine breite Auseinandersetzung mit dem Thema erkennen. Museen bereiten Ausstellungen vor und verschiedene Institutionen organisieren Konferenzen und Vortragsreihen. Es findet also ein dichtes Programm statt. Auch in den Medien ist viel in Bewegung, sodass man durchaus den Eindruck gewinnen kann, das Revolutionsjahr wird in gebührender Weise begangen. Das bedeutet aber nicht, dass die Öffentlichkeit sich übermäßig interessieren würde und die Revolution permanent im Blick hätte. Das Gedenken ist bei Weitem nicht so präsent wie etwa die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum 2. Weltkrieg. Es bleibt aber abzuwarten, wie einzelnen Ereignissen im Laufe des Jahres gedacht werden wird.

In Russland fällt für den Zeitraum 1917 bis 1922 oft der Begriff der »Großen Russischen Revolution«. Welches Narrativ dominiert gegenwärtig in der öffentlichen Wahrnehmung?

Es herrscht inzwischen Konsens, dass der Zeitraum ab den Revolutionen und der Gründung der Sowjetunion als die Epoche der »Großen Russischen Revolution« bezeichnet wird. In der internationalen Forschung ist sogar von einem größeren Zeitraum die Rede, indem der 1. Weltkrieg als wichtige Voraussetzung für den Ausbruch der Revolution vorgeschaltet wird. Der Begriff meint, dass es eben nicht mehr nur wie noch in der Sowjetzeit um den »Roten Oktober« gehen soll, sondern um das gesamte revolutionäre Geschehen und vor allem auch um die dramatischen Ereignisse des Bürgerkriegs ab 1918.

Diese Bezeichnung ist auch keine Erfindung der Gegenwart, sondern tauchte bereits in den frühen Schriften der russischen Emigranten der 1920er und 1930er gelegentlich auf. Das Narrativ, das die Russische Revolution aber immer begleitet, ist geprägt von den Begriffen der »Tragödie« oder des »Traumas«, die nicht nur die Ereignisse 1917, sondern auch den Bürgerkrieg miteinbeziehen. Denn dort liegt der eigentliche Kern des Geschehens. Das heißt die Spaltung nicht nur der politischen Kräfte, sondern der Gesellschaft insgesamt bis hin in die einzelnen Familien.

Welche Bedeutung hat die Februarrevolution für Russland heute? Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung der Februarrevolution in Russland von der Wahrnehmung, die sie in anderen europäischen Ländern, z. B. Deutschland, erfährt?

Erfolglose Revolutionen erfahren immer ein geringeres Interesse als erfolgreiche. In der Sowjetzeit stand die Februarrevolution jahrzehntelang im Schatten der Oktoberrevolution. In der internationalen Forschung ist allerdings sehr viel über den Februar gearbeitet worden. Trotzdem hat die Februarrevolution eine zentrale Bedeutung, weil sie die eigentliche Zäsur mit dem erzwungenen Rücktritt des Zaren und dem faktischen Übergang zur Republik in Russland setzt. Mit den Ereignissen im Februar begann eine kurze Phase der Freiheit und Euphorie in Russland, die aber durch die Verschärfung der Versorgungskrise und ausbleibende Erfolge an der Weltkriegsfront rasch endete.

Gescheitert ist das Experiment, weil die Provisorische Regierung trotz einiger wichtiger Weichenstellungen wesentliche Aufgaben  der noch zu wählenden Verfassunggebenden Versammlung vorbehalten wollte, etwa die Frage einer Bodenreform oder die künftige Regierungsform. Letztlich blieb nur der Weg in die Diktatur, den wählten im Oktober die gewaltbereiten und entschlossenen Bolschewiki.

Die Beschäftigung mit dem »Februar« meint, erneut über eine demokratische Alternative zum »Oktober« nachzudenken. Wie ein solches System hätte aussehen können, ist nur spekulativ zu beantworten. Aus heutiger Perspektive lohnt ein Blick zurück, weil er Aufschluss darüber gibt, wie realistisch die Hoffnungen auf eine liberal-demokratische oder sozialistisch-demokratische Alternative gewesen sind und was ihr Scheitern für die politische Kultur in Russland bedeutete. Bereits im Sommer 1917 waren die Soldaten an der Front und die Zivilisten im Hinterland wegen der anhaltenden Krise so zermürbt, dass sie sich der Kraft zuwandten, die am Meisten versprach. Und das waren die Bolschewiki.

Nikolaus Katzer ist seit 2010 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau. Er ist zudem Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung Mittel- und Osteuropas an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg.

Zusammen mit Jan Claas Behrends und Thomas Lindenberger gab er kürzlich den Sammelband »100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution« (2017) heraus, in dem die zahlreichen Versuche zur Historisierung der Russischen Revolution im Verlauf eines Jahrhunderts beleuchtet werden.

Ein Beitrag zur Reihe »1917-2017« über das Jubiläumsjahr der Russischen Revolution

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