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Eine Art »russischer Traum«

Diana Exusjan ist eine der Protagonistinnen des Buches „Generation Putin“ des Journalisten und ehemaligen Russland-Korrespondenten von Spiegel Online Benjamin Bidder. Im Interview mit Laura Wesseler spricht sie über die Flucht ihrer Familie aus Abchasien, die Bedeutung Wladimir Putins für ihre Generation und ihre eigenen Zukunftsvorstellungen.

Die Neunziger Jahre in Russland werden oftmals als eine Zeit der Krise und großen Veränderung beschrieben. Wie haben Sie ihre Kindheit erlebt?

Ich bin in Abchasien geboren worden, einer Region in Georgien. 1992, da war ich ein Jahr alt, begannen die ethnischen Konflikte und der Kampf um die Unabhängigkeit Abchasiens. Der Krieg hat das Leben meiner Familie radikal verändert, wir mussten nach Sotschi in Russland fliehen und haben praktisch alles verloren. Plötzlich besaßen wir weder eine Staatsangehörigkeit, noch Geld.

Ich erinnere mich nur wage, aber wir lebten in Sotschi in der ersten Zeit zu fünft in einem Raum. Das Dach war undicht und dauernd regnete es rein, meine Mutter hat deshalb überall Behältnisse aufgestellt, die das Wasser auffangen sollten. Trotzdem habe ich komischerweise auch gute Erinnerungen an diese Zeit, denn wenn es mal wieder regnete, saßen wir alle gemeinsam auf dem Bett und sangen. Ich denke, dieser Optimismus hat meiner Familie geholfen wieder auf die Beine zu kommen. Meine Kindheit war vielleicht schwierig, aber im Rückblick habe ich davon profitiert. Sie war ein Ansporn, fleißig und neugierig zu sein und mich zu engagieren, immer in dem Bewusstsein, dass alles was man sich erarbeitet hat innerhalb nur eines Tages verschwinden kann.

Wie würden Sie die »Generation Putin« definieren und wie hat sich Russland aus ihrer Sicht in den letzten 15 Jahren entwickelt und verändert?

Die Formulierung »Generation Putin« stammt von Benjamin Bidder. Ich würde meine Generation vielleicht nicht plakativ so nennen – aber es stimmt natürlich, meine Jugend und meine ganze Sozialisation sind von der Regierungszeit Wladimir Putins geprägt. Für mich und viele andere meiner Generation war Putin im Gegensatz zu seinem Vorgänger Boris Jelzin eine sehr interessante Figur. Er spricht mit klaren und starken Worten, zudem war er relativ jung als er ins Amt kam, und mit der Zeit haben wir angefangen, ihn zu bewundern.

Unter Wladimir Putin entwickelte sich endlich auch eine richtige Jugendpolitik in Russland. Zum ersten Mal wurde über die Jugend als Zukunft unseres Landes gesprochen. Es gab sogenannte Jugendforen, bei denen Jugendliche aus dem ganzen Land zusammen kamen. Wir wurden nach unserer Meinung gefragt und haben miteinander über die Probleme in Russland diskutiert. In Sotschi gründete ich gemeinsam mit einigen anderen Engagierten ein Jugendparlament und habe Projekte für die Entwicklung der Stadt angestoßen. Wir waren auch viel international unterwegs, um uns mit Jugendlichen aus anderen Ländern zu vernetzen.

In dieser Zeit hat sich bei mir das Gefühl entwickelt, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur genug Ideen und Talent hat. Vielleicht kann man das sogar als eine Art »russischen Traum« bezeichnen. In erster Linie ist also die »Generation Putin« für mich eine kühne Generation, die etwas auf die Beine stellen kann und auch hohe Ansprüche hat. Aber natürlich sind wir unterschiedlich, es gibt eben jene, die wirklich daran arbeiten und solche, die einfach nur davon reden.

Welche Werte sind für Sie persönlich wichtig? Sehen Sie sich selbst als Patriotin?

Ganz allgemein gesprochen sind für mich »europäische Werte« wichtig. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der die Familie einen hohen Stellenwert hat, Bildung für alle garantiert ist und in der Wohlstand und ein dauerhafter Frieden herrschen.

Ich glaube, wir definieren Patriotismus in Russland und Europa verschieden. Vielleicht sieht man in Europa Patrioten eher als Anhänger der Regierung, die die offizielle Version von Ereignissen stützen, gerade bezüglich militärischer Aktionen und Russlands Außenpolitik. Das tun sie in den meisten Fällen, während sie gemütlich in der Küche sitzen. Das aber sind für mich keine Patrioten. Patrioten definieren sich für mich durch ihr Engagement in ihrem persönlichen Umfeld: Im Büro, in den Schulen ihrer Kinder und in ihrer Stadt, etwa für eine funktionierende Infrastruktur. Das sind also Menschen die sich nicht nur beschweren, sondern konkret handeln und Dinge verändern.

Was sind ihre Hoffnungen für die Beziehungen zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn und welche Träume haben Sie für Ihre Zukunft?

Ich glaube fest an internationale Zusammenarbeit und nicht an eine Art »Wettkampf« zwischen den Ländern. Ich kann mir ein Leben ohne meine europäischen Freunde auch gar nicht vorstellen, erstens habe ich durch die ganzen Reisen etwa nach Deutschland sehr viel gelernt und zweitens haben gerade wir in der jüngeren Generation so viel gemeinsam.

Ich persönlich möchte weiter im Marketingbereich arbeiten und nach wie vor in meiner Heimatstadt Sotschi aktiv sein. Mein Traum wäre ein Art Fonds zu schaffen, der begabten jungen Menschen aus benachteiligten Familien einen Zugang zu Bildung gewährt, möglicherweise mit  Hochschulstipendien. Vielleicht gehe ich auch irgendwann in die Politik, auf kommunaler Ebene oder als Vertreterin meiner Region lässt sich viel bewegen, daher möchte ich diese Option nicht ausschließen.

Diana Exusjan wurde 1991 in Gudauta am Schwarzen Meer (Abchasien) geboren und studierte Public Relations und Jura im russischen Sotschi. Gegenwärtig arbeitet Diana Exusjan in der Marketingabteilung eines Hotelkonzerns und ist Mitglied im Vorstand des russischen Jugendrates und des Jugendrates der Stadt Sotschi. Am 31. Januar 2017 war sie gemeinsam mit Benjamin Bidder zu Gast im KörberForum.
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