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Russland ist keine verkappte UdSSR

In diesen Tagen jährt sich der Putschversuch gegen Präsident Gorbatschow vom 21. August 1991. Wie denkt man im heutigen Russland an dieses Ereignis zurück?

In Russland werden die Ereignisse zwischen dem 19. und dem 21. August 1991 traditionell als Putsch betrachtet, unternommen von der sowjetischen Nomenklatura, die das Staatskomitee für den Ausnahmezustand gründete, um den Zerfall der UdSSR zu verhindern, Präsident Gorbatschows Politik einzudämmen und die alte Ordnung aufrechtzuerhalten.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat sich in Russland die Einstellung gegenüber diesem Putsch geändert, und es ist ziemlich still geworden. Für die Menschen ist er Teil der Vergangenheit, ein Meilenstein, der zwei Phasen in der Entwicklung des Landes trennt und zugleich verbindet: die Sowjetzeit und das zeitgenössische Russland. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, für die das, was im August 1991 geschehen ist, einer fernen Vergangenheit angehört und nicht einmal als das bedeutsamste Ereignis gilt.

Zwischen den Menschen, die damals gelebt haben, sich an ihre Empfindungen und Erwartungen erinnern und mit ihrer heutigen Sicht der Dinge und Erfahrungen vergleichen können, herrscht mitunter eine besonders enge Verbundenheit. Wie soziologische Untersuchungen zeigen, sind die meisten Russen heute beiden Seiten gegenüber kritisch eingestellt. Nur eine Minderheit glaubt, das Land habe nach dem gescheiterten Augustputsch den richtigen Weg eingeschlagen. Eine Mehrheit sieht die Folgen des Putsches immer noch in einem negativen Licht.
Ein Punkt, den ich besonders hervorheben möchte, ist die Tatsache, dass die Ereignisse zwischen dem 19. und dem 21. August 1991 auf die Hauptstadt begrenzt waren. Sie fanden in Moskau statt, und hauptsächlich Moskau war davon betroffen. In den Regionen ging das Leben weiter seinen gewohnten Gang, alles war unkompliziert und ruhig. Man verfolgte zwar genau, was geschah, aber nur die Hauptstadt und die mit ihr verbundene Bevölkerung war unmittelbar involviert. Aus diesem Grund und trotz der dramatischen Folgen für das ganze Land nahmen die Ereignisse während dieser drei Tage keine nationalen Ausmaße an. Dies spiegelt sich auch in der Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Putsch.

Wie sehr ähneln die strategischen Ziele des heutigen Russland auf dem europäischen Kontinent noch denen der UdSSR?

Russlands strategische Ziele sind öffentlich zugänglich. Jeder kann die Nationale Sicherheitsstrategie der Russischen Föderation oder deren außenpolitisches Konzept lesen und sehen, wie groß die Unterschiede zur UdSSR sind. Die Sowjetunion war ein ideologisch ausgerichteter Staat, der einen der Pole im bipolaren System der internationalen Beziehungen bildete. Auch wenn die Idee einer permanenten Revolution und der Ausbreitung des Kommunismus über die ganze Welt schon ziemlich früh verworfen wurde, bemühte sich die Sowjetunion dennoch weiter aktiv um eine Führungsrolle im Klassenkampf gegen den Weltkapitalismus. Die in diese Richtung gehenden politischen Strategien kamen den Bedürfnissen der Sowjetbürger nicht immer entgegen. Hier liegt einer der Gründe für den Zerfall der UdSSR. Der Nutzen, den eine Wiederholung dieser Erfahrung bringen würde, ist, gelinde gesagt, fragwürdig.

Die Russische Föderation stellt ihre Weltpolitik auf die Grundlage ihrer nationalen Interessen, die auf sehr pragmatische und kalkulierbare Weise formuliert sind. Russlands Kerninteressen sind die Festigung von Souveränität und staatlicher Integrität, die Verbesserung der Lebensqualität seiner Bürger, die Stärkung seiner wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und die Aufrechterhaltung der strategischen Stabilität in der Welt. Die russische Politik hat darüber hinaus oft einen »reaktiven« Charakter: Russland reagiert auf Herausforderungen und Bedrohungen von außen, so gut es geht, beschwört solche Situationen aber nicht herauf.

Zu Russlands strategischen Prioritäten in den Beziehungen zu Europa zählt die Schaffung eines gemeinsamen wirtschaftlichen und humanitären Raums vom Atlantik bis zum Pazifik. Dieser gemeinsame Raum sollte auf gegenseitige Achtung und Gleichberechtigung gründen – es kann nicht »die EU +« und ebenso wenig »die UdSSR 2.0« sein. Für Russland ist es wichtig, dass ein solcher gemeinsamer Raum dazu beiträgt, gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen: Kampf gegen den Terrorismus, Regulierung der Migration, Bekämpfung des Drogenschmuggels und anderer Formen der organisierten Kriminalität.

Spuren einer Sehnsucht nach der Sowjetvergangenheit, die es in der russischen Gesellschaft noch geben mag, werden die derzeitigen pragmatischen Bemühungen um eine wirksamere Außenpolitik nicht beeinflussen können.

Sie haben viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit westlichen Russlandexperten. In welchem Maße prägt die sowjetische Vergangenheit die Wahrnehmung des heutigen Russland?

Es gibt sehr unterschiedliche Einstellungen, und es erscheint mir sehr problematisch, alle westlichen Experten, mit denen wir zusammenarbeiten, über einen Kamm zu scheren. Viele Spezialisten in den verschiedenen Ländern sind sehr sachkundig, was das heutige Russland, seine Politik und sein Entwicklungsmodell angeht, und sie verweisen nicht auf das, was vorher war. Dafür gibt es gute Gründe: offene Grenzen, eine Menge Information in vielen unterschiedlichen Sprachen und weitreichende soziale Bindungen zwischen Russen und Bürgern anderer Staaten. Bedauerlicherweise jedoch hat sich im Westen eine Wahrnehmung gehalten, die das moderne Russland in der Kontinuität der UdSSR sieht, obwohl die UdSSR seit mehr als 25 Jahren nicht mehr existiert. Diese Sicht vertreten Menschen, die noch in der Ära des Kalten Kriegs leben und in Russland das sehen, was man einst in der Sowjetunion sah. Sie betrachten Russland durch das Schlüsselloch eines undurchdringlichen »Eisernen Vorhangs«. Der »Eiserne Vorhang« wurde längst im Müll entsorgt. Dennoch gibt es nach wie vor Leute, die den Wunsch haben, diese Mülldeponie regelmäßig aufzusuchen und durch das Schlüsselloch zu blicken, durch das schon seit langem nur noch ein Haufen Abfall zu sehen ist.

Warum tun sie das? Es gibt zwei Erklärungen. Entweder empfinden sie es aus irgendeinem Grund als nutzbringend, oder sie sind schlichtweg nicht interessiert an dem, was derzeit in Russland geschieht. Oft müssen wir feststellen, dass die abstoßendsten und leidenschaftlichsten Gegner Russlands das Land noch nie besucht haben. Sie haben nicht gesehen, wie die russische Gesellschaft heute beschaffen ist, was die russische Bevölkerung beunruhigt und was sie geleistet hat, und es interessiert sie auch gar nicht. Ein russisches Sprichwort lautet: Einmal sehen ist besser als hundert Mal hören.

Jeder kann selbst entscheiden, welche Informationsquellen er benutzen möchte, entsprechend seinen Interessen und Vorlieben – darin liegt der Wert des Meinungspluralismus. Das Problem ist, dass Informationen über das moderne Russland nicht nur nicht gefördert, sondern sogar zensiert und behindert werden. Man beschwört absurde Vorstellungen über eine angebliche Bedrohung durch russische Funktionäre, russische Experten, russische Unternehmen und russische Medien. Es gibt Personen und Organisationen, die befürchten, schon allein die Kommunikation mit den Russen gefährde ihren Ruf. Das erinnert uns wirklich an die Sowjetzeit, nur dass sich dieses Szenario heute nicht in Russland, sondern außerhalb Russlands wiederholt.

Aber auch im Westen finden sich historische Analogien, die McCarthy-Ära zum Beispiel. Bedauerlicherweise neigen die Menschen dazu, die Existenz und die Folgen solcher politischer Strategien zu vergessen, die jedoch lehrreich sind, um zu verstehen, was heute geschieht.

Ist ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok eine Utopie?

Ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok ist keine Utopie, sondern geographische und kulturelle Wirklichkeit. Wladiwostok ist eine schöne und dynamische europäische Stadt, die von vielen Bewohnern Nordostasiens und des asiatisch-pazifischen Raums als der geographisch am nächsten liegende Ort betrachtet wird, um sich ein Bild von Europa zu machen. Stadtplanung, architektonische Wahrzeichen, eine Filiale der Petersburger Eremitage und ein Ableger des Mariinski-Theaters mit Opern-, Konzert- und Ballettaufführungen, die Fernöstliche Universität etc.: Für eine wachsende Zahl von Touristen ist Wladiwostok in letzter Zeit zu einem Fenster nach Europa geworden.

Was die aktuelle politische Agenda betrifft, so ist die Idee eines großen Europa von Lissabon bis Wladiwostok immer noch in der Diskussion. Ich bin froh, dass diese Diskussion aufgrund der vielen Spekulationen nicht nachgelassen hat, sondern im Gegenteil immer größere Kreise zieht und sich weiterentwickelt: ein Indiz dafür, dass es in Expertenkreisen ein großes Interesse an dieser Idee gibt, in Europa ebenso wie in Russland, im akademischen Bereich ebenso wie in der Geschäftswelt und in der Politik.

Mir scheint, dass wir uns alle viel zu sehr daran gewöhnt haben, Europa mit der Europäischen Union gleichzusetzen – eine Sicht, die auf den Gang der internationalen Beziehungen nicht ohne Einfluss bleiben kann. Wie Sie wissen, hat Europa keine eigene Telefonnummer. Ebenso wenig gibt es eine Zentrale, in der die Entscheidungen getroffen werden. Die Zugehörigkeit zu Europa ist kein Monopol oder Privileg, sondern Teil der Realität, die man akzeptieren muss.
Oft fragen wir uns: Ist Russland europäisch oder asiatisch? Verfolgt Russland einen eigenen, einen dritten Weg? Es gab und gibt zahlreiche Auseinandersetzungen um diese Fragen, und jede Seite hat eine Menge Argumente zusammengetragen... Eines spielt meines Erachtens hier eine wichtige Rolle: die Tatsache, dass Russland aus sich selbst heraus auch anders zu sein vermag. Russland versteht es, europäisch zu sein, aber es möchte sich auch seine Fähigkeit bewahren, etwas anderes zu sein, und an seiner Besonderheit und Anpassungsfähigkeit festhalten. Die russische Präsenz in Asien ist wichtiger Bestandteil der Identität des Landes und in der aktuellen Situation ein Faktor der nationalen Wettbewerbsfähigkeit. Russland wird niemals aufhören, europäisch zu sein (auch wenn einige Leute dies noch so sehr wünschen), aber es wird sich auch nicht in Europa einsperren – so viel ist klar.

Die Schaffung eines großen Europa ist ein multilateraler Prozess. Er beschränkt sich nicht auf die Beziehungen zwischen der EU und Russland, auch wenn er durch diese Beziehungen bestimmt werden wird. Ein gleichberechtigter Dialog und die Achtung der nationalen Interessen aller Beteiligten sind für den kontinuierlichen Aufbau jeder Gemeinschaft notwendig. Das gilt umso mehr für ein pluralistisches Europa. Ein bedeutender Schritt in diese Richtung könnte es sein, andere Integrationsprojekte, die es neben der EU im Raum zwischen Lissabon und Wladiwostok gibt, in diesen Dialog einzubeziehen. Ich denke insbesondere an die Eurasische Wirtschaftsunion. Es wäre nutzbringend, Abkommen in die Wege zu leiten, die keine starke politische Komponente besitzen, jedoch zum Aufbau gemeinsamer Strategien der wirtschaftlichen Regulierung beitragen könnten.

Die Vertiefung von Kontakten und Beziehungen auf dem europäischen Kontinent jedenfalls liegt im Interesse aller, die in diesem Raum leben. Auf der Basis dieser gemeinsamen Interessen besteht die Hauptaufgabe darin, genügend politischen Willen zu mobilisieren, um die Trägheit zu überwinden, und effizientere Wege zu suchen, damit die gewünschten Ziele erreicht werden.

Alexander Konkov ist Direktor von Rethinking Russia, einem unabhängigen Think-Tank mit Sitz in Moskau. Rethinking Russia setzt sich für eine engere Kooperation der internationalen Experten-Community bei der Analyse globaler und wirtschaftlicher Trends ein, insbesondere mit Blick auf deren Bedeutung für Russland. Rethinking Russia arbeitet mit einer Vielzahl von Experten aus Russland und anderen Ländern zusammen, um im Ausland das Verständnis für Russland zu fördern. Vor seinem Wechsel zu Rethinking Russia im Jahr 2017 war Alexander Konkov Berater des Direktors des Gorchakov Public Diplomacy Fund. Seit 2013 ist er Vorstandsmitglied der Russischen Vereinigung für Politikwissenschaft und seit 2014 Dozent an der staatlichen Lomonossow-Universität Moskau.

Das Gespräch führte Nora T. Kalinskij, Körber-Stiftung
Aus dem Englischen von Rita Seuß

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