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Hoffnung auf Tauwetter in Moskau

Nina Khrushcheva ist Professorin für Internationale Politik an der New School in New York,  Senior Fellow des World Policy Institute und Publizistin. Im Rahmen des Körber History Forums sprach Gemma Pörzgen mit der Urenkelin des früheren sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow.

Wenn man sich die Lage heute in Russland ansieht, gewinnt man den Eindruck, als ob die Kremlführung immer autoritärer agiert und alle gesellschaftlichen Spielräume einschränkt. Wird dieser Kurs sich vor der Präsidentenwahl 2018 noch weiter verschärfen oder sehen Sie eine Chance für ein neues Tauwetter wie unter Ihrem Urgroßvater Nikita Chruschtschow?

Es gibt immer Hoffnung auf ein Tauwetter. Selbst nach der Stalin-Zeit gab es die, also warum nicht jetzt auch. Aber für mich stellt sich heute nicht die Frage, ob es mehr oder weniger Unterdrückung gibt, ob das Pendel wieder vor oder zurückschwingt. Sehr viel wichtiger scheint mir zu sein, ob es in Russland einmal einen Moment geben wird, in dem diese wiederholten Brüche in der Geschichte weniger dramatisch ausfallen. Sie sind zwar  gegenwärtig nicht vergleichbar mit anderen Ereignissen in der russischen Geschichte, aber ich hätte früher nie gedacht, dass Präsident Wladimir Putin einmal so weit gehen würde und die Russische Föderation derart repressiv regiert. Ich bin mir relativ sicher, dass er das selbst auch nicht erwartet hat. Die Dinge sind dann eben so gelaufen. Aber es könnte bedeuten, dass auf Putin eine Tauwetter-Periode folgt.

Mit Putin oder ohne ihn?

Das weiß ich nicht, vielleicht auch mit ihm. Es gibt wenige historische Beispiele dafür, dass ein Autokrat plötzlich demokratisch wird. Meistens ist es eher umgekehrt, dass ein Demokrat nach einer Weile zum Autokraten wird. Aber auch Putin ist nur ein Mensch, selbst wenn er das manchmal nicht zu glauben scheint. Er ist kein Zar und bisher ist Russland nicht auf dem Niveau von Tschetschenien oder Aserbaidschan angelangt, wo der Thron sogar an die Kinder weiter vererbt wird. Deshalb wird es eines Tages auch für Putin einen Nachfolger geben.

Wie lautet Ihre Prognose, wer könnte das sein?

Historisch betrachtet könnte es ein Reformer sein, auf jeden Fall eine liberalere Person. Bleibt also die Frage, wie viele Jahre es dauern wird, bis der Nächste kommt? Entscheidender scheint mir, ob es in Russland einmal einen historischen Moment geben wird, der dazu führt, dass das Land – so wie Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 – demokratisch wird, ohne wieder in die Autokratie zurückzufallen.

Aber das bedeutet doch, dass es in Russland wieder einen echten Bruch geben muss?

Als Präsident Boris Jelzin 1991 an die Macht kam, war ich wirklich kein Fan. Jelzin war auch ein Autokrat, regierte durch Dekrete, die Korruption war damals groß und es herrschte sehr viel Chaos. Dennoch würde ich sagen, dass Russland sich in den 1990er Jahren in die richtige Richtung entwickelte. Putin hätte diesen Wandel in eine demokratische Formel überführen können, die dann vielleicht Bestand gehabt hätte. Er hat sich entschieden, das nicht zu tun. Damit hat er seinem Land keinen guten Dienst erwiesen.

In diesem Jahr ist die Russische Revolution 100 Jahre her – das war ein großer historischer Bruch. Wie beurteilen Sie den Versuch, der Revolution in Russland angemessen zu gedenken?

Es ist ein guter Moment, um sich die Lage in Russland genauer anzusehen. Putin will keine Revolutionen. Jedes Mal, wenn Leute auf die Straße gehen, wird das überdeutlich. Er war gegen alle Revolutionen, ob nun die Orangene Revolution 2004 in der Ukraine oder den Maidan, aber auch der Arabische Frühling war ihm höchst suspekt. Für einen Autokraten wie ihn ist das Erfolgsrezept entweder Katharina die Große oder Josef Stalin, es ist auf keinen Fall der Revolutionsführer Wladimir Lenin.

Sicher hat Lenin geglaubt, dass es keine Revolution ohne Blut geben kann, aber ich glaube trotzdem, dass er eher ein Reformator war. Aber ihm blieb eben auch nicht viel Zeit für die Umsetzung seiner Vorhaben, sonst hätte es vielleicht eine neue ökonomische Politik gegeben. In Russland überleben Reformer nicht lange, das gilt für Lenin, aber auch für Chruschtschow oder Gorbatschow. Putin hat also große Schwierigkeiten mit Revolutionen und das erleben wir auch in diesem Jahr, wenn Russland keinen angemessenen Umgang mit dem Gedenken an die Russische Revolution findet.   
 
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