X

Wer konnte damit rechnen?

Als Zosya Rodkevich erfährt, dass sie für ihr Filmhochschul-Projekt den Oppositionellen Boris Nemzow mit der Kamera begleiten soll, ist sie wenig begeistert. Ein 53-jähriger Lebemann, der ständig von der Polizei verhaftet wird? Doch am Ende beobachtet sie ihn drei Jahre lang, eine ungewöhnliche Freundschaft entwickelt sich – und der Film »«Mein Freund Boris Nemzow« entsteht. Auf dem 6. deutsch-russischen Kinoforum in Hamburg hat die Regisseurin ihr Werk vorgestellt.

Zosya Rodkevich war gerade mal Anfang Zwanzig, als sie zum ersten Mal mit Boris Nemzow sprach. Der russische Oppositionspolitiker und frühere Vize-Premierminister hatte die Kurzfilme der jungen Regisseurin im Internet gesehen, kleine Dokus über russische Politiker, und er war bereit, sich ebenfalls von ihr porträtieren zu lassen. Eine Chance für Rodkevich, die die Filmhochschule in Moskau besuchte. Dass daraus ein viel größeres Projekt werden würde, konnte sie damals noch nicht wissen.

Die Begegnung mit Boris Nemzow hat sie schlagartig erwachsener werden lassen, allein schon durch den regelmäßigen Umgang mit einem Politprofi, der seit Jahrzehnten im Geschäft war. Drei Jahre lang durfte sie ihn schließlich begleiten, teilweise tagelang mit der Kamera beobachten. »Er war ein sehr guter Mensch«, meint Zosya Rodkevich über Nemzow. Sie glaubt: Das wurde ihm zum Verhängnis.

Boris Nemzow wurde am 27. Februar 2015 im Zentrum von Moskau erschossen. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wer die Täter sind. Die Ermittlungen dauern an. Manche sprechen von islamistischen Motiven, ein paar der Verdächtigen sollen aus den muslimisch geprägten Regionen Tschetschenien und Inguschetien stammen. Weggefährten von Boris Nemzow haben diese Vermutungen aber zurückgewiesen, denn Nemzow sei nicht als Islamkritiker in Erscheinung getreten. »Es ist«, so Zosya Rodkevich, »nichts geklärt.« Die Regisseurin findet das sehr schade. »Nach den Hintermännern wird gar nicht gefragt. Das alles ist auf jeden Fall politisch motiviert.«   

Seine Ermordung hat die 26-Jährige auch als Auftrag begriffen. Sie wusste, dass der Film nun an die Öffentlichkeit gelangen musste. Sie hatte damals schon am Schnitt gearbeitet, und zusammen mit dem Produzenten Alexander Rastorguev beeilte sie sich, das Stück nach Nemzows Tod fertigzustellen. Nemzows älteste Tochter Zhanna hat den Film auch gesehen, »er gefällt ihr«, betont Rodkevich. Es ist ein sehr persönliches Porträt geworden. Nemzow ist bei Demonstrationen zu sehen, im Wahlkampf geht er von Haus zu Haus, und manchmal ist die Kamera dabei, wenn die Polizei ihn abführt. Rodkevich hat aber auch eingefangen, wie der damals 53-Jährige auf dem Crosstrainer im Fitnessstudio schwitzt oder in der Maske eines Fernsehstudios sitzt. Im Film lässt die Regisseurin erkennen, dass sie selbst von ihrer plötzlichen Sympathie für den Politiker überrascht war. »Ein alter Bourgeois, was sollte an ihm schon interessant sein?« Sie mochte seine freundliche, zugewandte Art – und das machte es ihr nicht leicht, sich nach seinem Tod auf ihren Job zu konzentrieren. »Es war ein Zwiespalt für mich«, sagt sie. Einerseits sei da jemand gestorben, der ihr nahegestanden habe. Andererseits habe sie gewusst, dass sie als Regisseurin jetzt an diesem Film arbeiten müsse. Seitdem reist sie damit umher, auf Kinotage und Festivals, auf dass Boris Nemzow nicht in Vergessenheit gerate.   

Trailer zum Film
Video-Interview mit Zosya Rodkevich 

Infos

Seit 2011 veranstalten Kino-Fans einmal im Jahr das deutsch-russische Kinoforum »Kinohafen«. In diesem Jahr wurden vom 2. bis 6. Dezember rund 20 Filme gezeigt, darunter Klassiker, Komödien und Dokumentarfilme wie »Mein Freund Boris Nemzow.« Seit zwei Jahren gibt es einen Kurzfilmwettbewerb. Die Macher des Festivals wollen den Kino-Gängern unbekannte Filme vorstellen und ihnen viele Dokumentarfilme zeigen. »Sie zeigen oft etwas, was man nicht im Fernsehen sieht«, findet ehrenamtliche Helferin Viktoria Schimanski. »In Russland gibt es für Spielfilme nicht viel Geld«, erklärt sie. »Es ist spannend zu sehen, was trotz kleiner Budgets dabei herauskommt.«

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leitung Bereich Geschichte und Politik
Leitung Fokusthema »Russland in Europa«

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 160
E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Twitter Woidelko

Russland in Europa auf Twitter

Nora Müller
Leitung Bereich Internationale Politik
Leitung Hauptstadtbüro Berlin

Telefon +49 • 30 • 206 267 - 60
E-Mail mueller@koerber-stiftung.de
Twitter muellernora

Presse

Lisa Schachner
Pressereferentin

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 175
E-Mail schachner@koerber-stiftung.de

Handlungsfeld

to top