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Das Symbol Stalingrad

Der Journalist Thomas Franke hat seit mehr als 20 Jahren Russland und andere Länder der ehemaligen Sowjetunion bereist und zuletzt vier Jahre in Moskau gelebt. In »Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele« berichtet er von seinen Begegnungen und Erfahrungen in der Hauptstadt, auf der Krim, in Novosibirsk, Sotschi, Irkutsk und in Wolgograd, wo er mit dem Erbe der Schlacht von Stalingrad konfrontiert wurde. Zum 75. Jahrestag blickt er in unserem Interview noch einmal darauf zurück.

Was ist Ihnen von Ihrem Besuch 2012 in Wolgograd bis heute am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

An keinem anderen Ort sind das Leid und das sinnlose Sterben des Zweiten Weltkriegs so deutlich, wie im heutigen Wolgograd. Viele Gefallene sind noch immer nicht geborgen und auf den Feldern finden sich leicht Überbleibsel der Schlacht in Wolgograd, wie beispielsweise Stiefel, Patronen, Konserven oder auch Knochen. Aus diesem Grund sind meine Dankbarkeit und mein Respekt gegenüber allen am Kampf gegen den Faschismus beteiligten Völkern der Schlacht von Stalingrad sehr stark. Ihnen ist auch zu verdanken, dass in Deutschland heute Demokratie herrscht. Etwas, das den Nachfolgestaaten der Sowjetunion lange Zeit verwehrt blieb.

Wie hat sich der Erinnerungsdiskurs zu Stalingrad in Russland heute, zum 75. Jahrestag, aus Ihrer Sicht verändert?

Die Feiern verändern sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ständig. Anfangs waren die Jubiläen Tage tiefer Trauer, die im Familienkreis begangen wurden. Dann standen bis vor kurzem die Veteranen, von denen es noch rund 300 gibt, im Mittelpunkt. Diese Zeitzeugen werden jedoch von Jahr zu Jahr weniger. Gleichzeitig wird ein idealisierter russischer Patriotismus immer sichtbarer, zum Beispiel durch starke militärische Präsenz bei den Gedenkfeierlichkeiten. Die Veranstaltungen wirken zunehmend wie Volksfeste und werden immer militaristischer. Damit ist das diesjährige Gedenken auch ein Spiegel der Entwicklung der ganzen Gesellschaft. Der Große Vaterländische Krieg wird, je länger er zurückliegt, immer mehr als ein Symbol russischer Einheit und Stärke rezipiert. Ansichten, die sich von der öffentlichen Darstellung unterscheiden, werden schneller als früher negativ wahrgenommen und oftmals als Beleidigung empfunden.

Welche Rolle spielt der Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg für die Rehabilitierung Stalins im heutigen Russland?

Dieser Sieg spielt eine zentrale Rolle. Die offizielle Lesart wird geprägt von zwei Facetten: den Verbrechen Stalins einerseits, die aber andererseits in Anbetracht seiner Bedeutung als Befreier Europas vom Faschismus im öffentlichen Diskurs in den Hintergrund treten. Das Staatswohl dominiert immer stärker zuungunsten des Individuums. Begriffe wie beispielsweise »ausländische Agenten«, die  im Stalinismus entstanden, werden wieder salonfähig. Es scheint ein Versuch der russischen Regierung zu sein, an die frühere sowjetische Größe anzuknüpfen, folglich das heutige Russland mit der Sowjetunion gleichzusetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die offizielle Geschichtsschreibung verengt auf die für Moskau »wichtigen« Aspekte.

Wie wird die Schlacht von Stalingrad in Deutschland wahrgenommen und wie sollte in Zukunft damit umgegangen werden?

Die Wahrnehmung dieser Schlacht ist in Deutschland mittlerweile völlig anders als in Russland. Mein Eindruck ist, dass die Diskussionen zu diesem Thema in Deutschland akademischer werden. Dennoch ist die Schlacht von Stalingrad auf deutscher Seite vor allem für die Erlebnisgeneration von negativer emotionaler Bedeutung. Der öffentliche Umgang mit der Schlacht von Stalingrad sollte in Zukunft in der gesamtdeutschen Debatte wieder an Bedeutung gewinnen und auch zukünftiges politisches Handeln mit bestimmen. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen für die Demokratie, wie etwa dem europaweiten politischen Rechtsruck.

Thomas Franke produzierte für das Deutschlandradio, die ARD und die BBC und andere Rundfunkanstalten 25 Jahre lang Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen und politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Kaukasus und vom Balkan. Er arbeitet außerdem literarisch und schreibt Gedichte, Hör- und Theaterstücke und produziert Kurzfilme und Dokumentationen. In der Edition Körber erschien 2017 von ihm das Buch »Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele«.

Leseprobe aus dem Buch »Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele« von Thomas Franke (PDF)

Video der Buchpräsentation »Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele« im KörberForum

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