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Karl Schlögel: Sich selbst ein Bild machen

Russland und Osteuropa haben den vielfach ausgezeichneten Osteuropahistoriker und Publizisten Karl Schlögel seit seiner Jugendzeit magisch angezogen. Als »Grenzgänger« im besten Sinne des Wortes macht er sich bis heute immer wieder auf den Weg, das Terrain zwischen Berlin, Kiew, Warschau, Minsk und Wladiwostok zu erkunden und seinen Lesern und Zuhörern in Deutschland die Vielschichtigkeit des europäischen Ostens näher zu bringen. Dabei leistet er Aufklärung über das, was war und was ist und macht sich stark für die Freiheit des Wortes.

Seine Geschichten erzählt Karl Schlögel entlang von Orten und Landschaften. Alles, was er beschreibt, hat er sich selbst vorher mehrfach angesehen, um »sich selbst ein Bild zu machen«, wie er es formuliert. Diese Art des Arbeitens und Erzählens, diese Tiefenbohrungen in den historischen Sedimenten Mittel- und Osteuropas, bilden die Grundlagen für Schlögels ganz eigenen, unverwechselbaren Stil: Er ist der Literat unter den deutschsprachigen Historikern.

Dabei war Schlögel die Faszination für Russland und den Osten des europäischen Kontinents keineswegs in die Wiege gelegt, als er 1948 in einem Allgäuer Dorf, fern von großen historischen Ereignissen zur Welt kam. Familiäre Bezüge nach Russland gab es nicht. Die Flüchtlinge, die es aus dem Sudetenland, aus Schlesien und Ostpreußen in das Heimatdorf Schlögels verschlug, waren es, die erstmals sein Interesse für das östliche Europa weckten. Sie brachten fremde, städtische Gewohnheiten mit, die den Jungen faszinierten. Auch die Erzählungen des Vaters, der während des gesamten Zweiten Weltkriegs an der Ostfront eingesetzt war und Stalingrad körperlich unversehrt überlebt hatte, trugen dazu bei, dass Schlögel der »Faszination des Anderen« erlag und schon früh erste Reisen hinter den Eisernen Vorhang unternahm. Geprägt von einer Jugend im Schatten des Krieges ließen ihn Russland und Osteuropa auch im späteren Leben nicht mehr los. Als »Grenzgänger« im besten Sinne des Wortes macht er sich bis heute immer wieder auf den Weg, das Terrain zwischen Berlin, Kiew, Warschau, Minsk und Wladiwostok zu erkunden und seinen Lesern und Zuhörern in Deutschland die Vielschichtigkeit des europäischen Ostens näher zu bringen. Die Beobachtungen und Erkenntnisse, die er auf seinen zahllosen Reisen, Feldforschungen und Sondierungen sammelt, liefern Karl Schlögel den Stoff für seine Berufung: Aufklärung darüber zu leisten, was war und was ist und sich stark zu machen für die Freiheit des Wortes.

Wie für viele andere, die sich mit Russland und Osteuropa beschäftigt hatten, brachte die russische Annexion der Krim im Frühjahr 2014 auch für Schlögel einen Wendepunkt. Er, der sein bisheriges Berufs- und auch weite Teile seines Privatlebens der Vermittlung zwischen Ost und West, dem Dialog zwischen Deutschen, Russen und anderen östlichen Nachbarn gewidmet hatte, musste plötzlich noch einmal ganz von vorn anfangen. Denn trotz all seines Wissens über Osteuropa entdeckte er bei sich selbst mit Blick auf die Ukraine Leerstellen, die es zu füllen galt. Ganz so, wie es seine Art ist, machte sich Karl Schlögel auf den Weg und reiste landauf, landab durch die Ukraine, sprach mit den Menschen vor Ort, erkundete Städte, Marktplätze, Museen, Friedhöfe und Landschaften. Die Eindrücke und Erkenntnisse, die er dort sammelte, verarbeitete er in Deutschland in Zeitungsbeiträgen, Interviews und Fernsehauftritten – immer mit einem Ziel: das Bewusstsein für die Ukraine als Teil europäischer Geschichte und Gegenwart zu schärfen.

Immer wieder hat der Historiker Schlögel sich seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts zu aktuellen Fragen zu Wort gemeldet: als scharfer Kritiker der aktuellen russischen Außen- und Innenpolitik, die – so Schlögel – lediglich dazu dienen solle, die eigenen Modernisierungsdefizite zu kaschieren. Mit seinen klaren Positionen hat er in Russland, aber auch in Deutschland manche gegen sich aufgebracht. Trotzdem wird er weiterhin seine Meinung sagen als einer, der auf die Kraft und das Recht des freien Wortes setzt. Und trotzdem wird er sich auch weiterhin für die Verständigung zwischen Deutschland und Russland einsetzen, denn: »Das Wichtigste für die, die heute Brücken bauen wollen, ist das persönliche Interesse, die Motivation.  Es geht ja nicht darum, dass und wie man berufsmäßig zum Brückenbauer oder zum Aktivisten der Verständigung wird. Man braucht einen inneren Antrieb, der einen inspiriert, begeistert, ein vielfältiges Interesse.« Menschen guten Willens gebe es in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens, so Schlögel. Alles, was diese Menschen bräuchten, sei die Herstellung freier, ungehinderter Kommunikation. Dann würden eines Tages auch die Springquellen von Ideen, Engagement und Zusammenarbeit nur so sprudeln. Solange dies noch nicht der Fall sei, „müssen wir auf die Arbeit des alten Maulwurfs setzen, von dem schon Marx gesprochen hat“, schreibt Karl Schlögel am Ende des Buches »Der Russland Reflex«, in dem er gemeinsam mit Irina Scherbakowa Einsichten in die deutsch-russische Beziehungskrise gibt.

Grenzgänger

Dieses Porträt von Karl Schlögel erscheint in unserer Reihe »Grenzgänger«, in der wir regelmäßig Menschen vorstellen, die sich von Trennendem nicht beindrucken lassen, sondern nach dem Verbindenden suchen.

Unsere »Grenzgänger« kommen aus Russland, Ungarn, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrussland, dem Kaukasus oder Deutschland. Als Autoren, Politiker, Musiker, Fotografen, Wissenschaftler, Zivilgesellschaftsvertreter, Journalisten, Unternehmer und Meinungsbildner stehen sie mit ihrer Biographie, ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Wirken in prominenter oder eindrücklicher Weise für die Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dabei setzen sie sich für einen offenen, kritischen und konstruktiven Dialog über alle Grenzen hinweg ein.

Weitere Porträts der Reihe »Grenzgänger«

Informationen zur Publikation „Der Russland-Reflex“ von Karl Schlögel und Irina Scherbakowa

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