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Die Schlacht von Stalingrad – eine ur-russische Angelegenheit?

Die Schlacht von Stalingrad jährt sich am 02. Februar zum 75. Mal und gilt sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite als wichtiges historisches Ereignis. Die Bedeutung, die Stalingrad in der öffentlichen Erinnerungskultur beider Länder hat, ist jedoch kaum miteinander vergleichbar. Im Interview mit der Körber-Stiftung erläutert Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, den höchst unterschiedlichen Umgang mit diesem Erinnerungsort gemeinsamer deutsch-sowjetischer Gewaltgeschichte.

Welche Rolle spielt die Erinnerung an Stalingrad gegenwärtig in Deutschland und Russland?

In Deutschland besitzt die Schlacht von Stalingrad kaum noch Bedeutung. Das Ereignis ist im wahrsten Sinne des Wortes historisiert. Die Erlebnisgeneration ist weitestgehend weg. Es gibt sicherlich Organisationen, wie zum Beispiel den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, wo Stalingrad über das Totengedenken eine Rolle spielt. Gesamtgesellschaftlich hat die Bedeutung aber sehr stark nachgelassen. In Russland ist das anders herum: Stalingrad ist der große Wendepunkt des Vaterländischen Krieges. Es ist ein glänzender Sieg mit der Gefangennahme von Generalfeldmarschall Paulus, dem Oberbefehlshaber der 6. Armee der Wehrmacht. Das war damals schon ein wichtiges Ereignis, das heute immer noch gerne präsentiert wird.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die deutlichsten Unterschiede in der Erinnerung an die Schlacht von Stalingrad in Russland und Deutschland?

In Russland fällt mir auf, dass Stalingrad als historisch viel einschneidender wahrgenommen wird und die Schlacht letztendlich auch positiv behaftet ist. Das macht es natürlich leichter, diese Erinnerung an nachfolgende Generationen weiterzutragen. Ein konkretes Beispiel dazu aus dem heutigen Wolgograd sind junge Menschen, die dort an der Ewigen Flamme Wache stehen. Es sind Schüler mit Waffe, mit Uniform, nicht mit Dienstgraden, aber militärisch gekleidet. Diese Form des Erinnerns ist gesellschaftlich anerkannt und mein Eindruck ist, dass die jungen Menschen sich gern daran beteiligen.

In Russland gibt es Formen der Erinnerung, die verschiedene Generationen und Altersschichten erreichen. Das wäre bei uns in dieser Form undenkbar. In Russland funktioniert es durchaus, dass die Enkel von den Veteranen ins Bild gesetzt werden, sodass diese Enkel zu Trägern der historischen Erinnerung werden. Man muss dazu sagen, in der russischen Geschichtswissenschaft oder auch in der öffentlichen Wahrnehmung gibt es so etwas wie eine legitime historische Wahrheit. Ein deutscher Geschichtswissenschaftler würde methodisch gesehen nie von historischer Wahrheit sprechen. Das ist aber für viele russische Geschichtswissenschaftler kein Problem. Es gibt diese Wahrheit und man kann sie übertragen.

In Deutschland ist das viel komplizierter. Wir haben die ganze Diskussion um die Verbrechen der Wehrmacht, also ist eine positive Grundhaltung den Stalingradkämpfern gegenüber per se eigentlich schon ausgeschlossen. Die 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus ist Teil des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges. Das Leid, das es natürlich auch bei der Wehrmacht gab, ging in die Familiengeschichte ein und wurde privatisiert. Im öffentlichen Raum findet es heutzutage aber keinen Platz mehr. Bis in die 90er-Jahre gab es diesen Diskurs, aber das ist jetzt vorbei. Die Großväter sind gestorben und die Enkel hat dieses Narrativ nicht mehr erreicht. Es ist einfach Geschichte.

Gibt es trotz dieser Differenzen auch Gemeinsamkeiten in der Erinnerungskultur?

Methodisch gibt es keinerlei Gemeinsamkeiten, weil der Begriff der Wahrheit in Deutschland ein anderer ist. Ein markantes Beispiel für die Unterschiede im Wahrheitsbegriff ist der Skandal um das Auftreten des russischen Schülers Nikolai Desjatnitschenko im deutschen Bundestag am Volkstrauertag 2017. Im Vorfeld hatten sich junge Menschen im Rahmen binationaler Schülerarbeit Gedanken zum Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg gemacht. Dann traten die Schüler öffentlich auf und Nikolai, der sich auch das persönliche Schicksal deutscher Wehrmachtssoldaten vor Augen geführt hatte, sprach in seinen Worten von »unschuldigen Wehrmachtssoldaten«. Das ist natürlich sehr unglücklich formuliert, es spiegelt aber sein persönliches Empfinden wider. In Russland führte diese Äußerung zu einem großen Skandal. Der Schüler wurde in den sozialen Medien so lange bedrängt, bis sich schließlich der Sprecher des Kreml in die Diskussion einschaltete. In Deutschland wäre es unvorstellbar, dass die Verantwortung für eine solche Debatte allein einem 17-Jährigen zugeschoben wird.

Inwiefern sehen Sie den Aussöhnungsprozess zwischen Deutschland, Russland und anderen Ländern des postsowjetischen Raums durch die aktuelle politische Konfrontation beeinflusst?

Die politische Konfrontation hat einen großen Einfluss auf den Versöhnungsprozess. Dieser Einfluss wird vor allem durch die Existenz zweier Erinnerungsebenen begünstigt. Es gibt in Russland eine öffentliche Ebene und eine private. Die staatliche Position Russlands zur Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg ist bekannt und wird in der Öffentlichkeit auch bedient. Es ist klar, was öffentlich gesagt werden darf, weil es wahr ist, weil es bestätigt ist – genauso, wie bekannt ist, was in Russland über den Krieg öffentlich besser nicht gesagt werden sollte. Am Beispiel des russischen Schülers zeigt sich die zweite, die private Ebene der Erinnerung. Wenn Schüler und Jugendliche in Begegnungen miteinander arbeiten, die es in den deutsch-russischen Beziehungen und nicht nur dort, zahlreich gibt, dann kommen die Teilnehmer zu einem anderen Ergebnis. Diese Ergebnisse sind vielleicht nicht »richtig« im Sinne der historischen Wahrheit, aber sie zeigen einen individuellen Aneignungsprozess. Dieser Prozess ist etwas Gutes, wird aber in der russischen Öffentlichkeit nicht zugelassen.

Sie sprechen viel von deutsch-russischen Initiativen. Ist der multilaterale Aspekt der historischen Ereignisse, der durch die Rote Armee als Vielvölkerarmee angelegt ist, in der Erinnerung ausgeblendet?

Die Multinationalität spielt keine Rolle, denn als Überbegriff wird stets die Rote Armee verwendet. Wie viele Nationalitäten und Völkerschaften in dieser Armee dienten, wird nicht aufgefächert. Es war aus Moskauer Sicht folglich eine russische Armee, die Russland befreit hat. Gleichzeitig besteht auf Zeitzeugenebene ein Erinnerungskonsens: ukrainische Veteranen erinnern sich genauso wie russische, baltische, georgische und kasachische Veteranen. Dieser Konsens wird allerdings nicht thematisiert, weil in der regierungsamtlichen Darstellung Moskaus vorrangig aus russischer Perspektive erinnert wird. Beim Beispiel Stalingrad fällt dies leicht. Was schwieriger zu begründen ist, ist beispielsweise die Befreiung Kiews mit der Überschreitung des Dnjepr. Dennoch wird dieser historisch wichtige Punkt nicht der Ukraine überlassen. Die Beanspruchung dieses Ereignisses ist in gewisser Hinsicht wechselseitig, dennoch ist der offizielle Diskurs in der Ukraine vorrangig auf andere Erinnerungsorte fokussiert. Die Ukrainer, die in Stalingrad gekämpft haben, werden nicht erwähnt. Diese ukrainischen Soldaten gibt es zwar, genauso wie die kasachischen oder die georgischen. Dennoch wird dies in den einzelnen Staaten nur wenig thematisiert, sodass die Schlacht von Stalingrad eine ur-russische Angelegenheit bleibt.

Das Gespräch führten Gabriele Woidelko und Isabella Sommer.

Jörg Morré studierte Geschichtswissenschaften, Russistik und Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin und an der Universität Hamburg, In den Jahren 1996-2008 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Gedenkstätten Sachsenhausen und Bautzen. Seit 2009 leitet er als Direktor das Deutsch-Russische-Museum Berlin-Karlshorst. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit der historischen Entwicklung von Erinnerung.

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