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    Übergänge aktiv gestalten

    »Die Babyboomer gehen in Rente« lautet der Titel einer Studie der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2018. Als Leiterin des Bereichs Alter und Demografie hat Susanne Kutz dieses Thema mit auf die Agenda gesetzt. Nun bereitet sie sich selbst auf die nachberufliche Lebensphase vor.

    Susanne Kutz hat am 1. April 2021 ihre Funktionen an ihre Nachfolgerin Eva Nemela übergeben. Wir haben beide gefragt, wie sie den Generationenwechsel erleben und die Übergänge gestalten.

    Susanne Kutz, Sie sind seit 35 Jahren bei der Körber-Stiftung tätig und bewegen seit sechs Jahren die Themen Alter und Demografie. In dieser Funktion haben Sie sich für eine rechtzeitige Vorbereitung auf die nachberufliche Phase und die Planung für den Übergang eingesetzt. Warum ist das so wichtig und wie gestalten Sie diesen Übergang für sich persönlich?

    Susanne Kutz: Das Ende des Erwerbslebens markiert einen bedeutsamen Wendepunkt. In Rente zu gehen, ist mehr als nur die Einkommensquelle zu wechseln: Sinnfragen stellen sich, ein neuer Lebensrhythmus ist zu finden. Das Leben kann und muss sich neu sortieren – in vielerlei Hinsicht.

    Als Bereich Alter und Demografie fordern wir seit langem, dass Arbeitnehmende wie Arbeitgebende bereits in den letzten Berufsjahren das Thema »Übergang aktiv gestalten« auf die Agenda setzen müssen. Die neuen Inhalte und Perspektiven fallen nicht vom Himmel. Je offener jedoch die Menschen, denen der Wechsel bevorsteht, sich damit auseinandersetzen, desto gesünder bleiben sie. Die neue Lebensphase des Zeitwohlstandes gilt es individuell zu gestalten. Es ist aber auch eine gesellschaftliche Aufgabe, dieser wachsenden Gruppe von Menschen für ihre Potenziale Angebote zu machen, damit sie sich einbringen, engagieren, einen neuen Platz finden können.

    Wenn es so wie bei mir, dann um das eigene Leben geht, wird auch konkret klar: ja, das ist eine große Aufgabe und sie ist nicht mit einem Fingerschnipp zu lösen. Ich habe mich auf meinen Prozess eingelassen und einen stufenweisen Übergang gewählt. Ich gebe zunächst meine Funktionen ab und nutze nun die Entlastung wie die reduzierte Arbeitszeit, um mich auf die neue Lebensphase einzustimmen.

    Dass viele Babyboomer jetzt in Rente gehen, markiert deutschlandweit einen Generationenwechsel auf den Führungsebenen. Frau Nemela, Sie gehören zur nachkommenden Generation. Wie wichtig sind Übergangsphasen für den Wechsel in der Führung und wie erleben Sie das gerade?

    Eva Nemela: Eine Übergangsphase zu haben ist eine Riesenchance und sehr hilfreich, denn die wirklich wichtigen Informationen bekommt man nur selten aus Dokumenten. Und Susanne kann hier aus 35 Jahren Erfahrung in der Körber-Stiftung schöpfen, das ist ja kaum zu ersetzen. So ein Übergang im Wechsel der Führung ist dann gut, wenn Rollen, Zuständigkeiten und die Zeiträume klar sind – für uns im Leitungsteam, mehr aber noch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bevor es losging, haben Susanne und ich uns auf ein Glas Wein zusammengesetzt und unseren Führungswechsel besprochen und gemeinsam geplant. Uns beiden war dabei wichtig, dass wir diese Phase wertschätzend, offen und für alle Seiten klar strukturiert hinbekommen – und ich finde, das ist uns und allen Beteiligten gut gelungen.

    Frau Kutz, Sie gehören zur Babyboomer-Generationen, eine besonders ausgebildete, engagierte und fitte Generation. Sie sind zahlreich und sie wechseln jetzt in die nachberufliche Phase.  Welche Herausforderung bringt das mit sich und welche Verantwortung kann diese große Alterskohorte weiterhin übernehmen?

    Susanne Kutz: Wenn die Babyboomer-Generation jetzt in Rente geht, setzt sich eine Erfahrung fort, die meine Generation seit Kindergarten, Schule und Ausbildung immer wieder gemacht hat. Wir sind einfach viele. Viele, die eine gute Ausbildung haben, die in der Mehrheit gesund oder zumindest gesünder als Eltern und Großeltern sind und eine im Durchschnitt noch lange Lebenszeit vor sich haben. Wir haben als Generation die Erfahrung gemacht, dass sich Rollenbilder verändern, Umbrüche – seien sie gesellschaftlich oder technisch – positiv durchlebt werden können und wir auch außerparlamentarisch Gestaltungsmacht haben. Diese Erfahrungen verlieren wir nicht im Alter, sondern können und werden sie nutzen. Zum Beispiel mit neuen Aktivitäten im Engagement vor Ort. Und: Mit der Perspektive auf viele kommende Lebensjahre und Zeit lohnen sich auch mit Mitte 60 noch Neuanfänge. Besonders Mut machen hier die Rolemodels eines neuen Altersbildes – von den Unternehmensgründer/innen 60 plus, über Mentoren und Paten in Jugendprojekten bis zu Engagierten in Nachbarschaftshilfen.

    Frau Nemela, welche Verantwortung sehen Sie für Ihre Generation, die nun in die entscheidenden Positionen rückt?

    Eva Nemela: Aus meiner Sicht habe ich nicht mehr oder weniger Verantwortung als Susanne. Führen ist für mich keine Frage der Generation, sondern der Persönlichkeit, der eigenen Erfahrung mit Führung und natürlich auch mit den Themen und Aufgaben. Was sich aber von Generation zu Generation ändert sind die Rahmenbedingungen. Das wird durch die Pandemie natürlich besonders deutlich: Wir sind seit mehr als einem Jahr im Lockdown oder genauer »im eingeschränkten Präsenzbetrieb«, ich habe eine neue Mitarbeiterin von mir noch nie live gesehen – und vieles, was man früher mal zwischen Tür und Angel besprechen konnte, muss nun anders gelöst werden. Das ist für alle eine Herausforderung.

    Susanne Kutz, Sie haben viele Themen im Bereich Alter und Demografie vorangetrieben. Welche davon gehören für Sie auch ganz persönlich zu den Themen geworden, die Sie für Ihr Alter mitnehmen?

    Susanne Kutz: In unserem Arbeitsstrang »Alter und Kommune« habe ich nochmals sehr gelernt: Der demografische Wandel muss vor Ort, in den Kommunen gestaltet werden. Hier entscheidet sich ob, gutes Altern gelingen kann, ob Unterstützungsstrukturen und Selbstständigkeit auch für Hochbetagte ermöglicht werden. Mit diesem Blick auf Nahraum schließt sich für mich ein Kreis. Als junge Mitarbeiterin im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten habe ich mich für die historische Spurensuche vor Ort engagiert. Dabei waren mir auch immer die einzelnen Lebensgeschichten wichtig. Das Leben in all seinen Facetten und seiner Endlichkeit in den Blick zu nehmen ist ein Anliegen, das wir in den letzten Jahren mit dem Projekt Leben mit dem Tod verfolgt haben. Ich habe erlebt, welche Lebendigkeit und Tiefe entsteht, wenn es gelingt, die Vergänglichkeit besprechbar zu machen. Das wird mich weiter begleiten.

    Frau Nemela, als neue Leiterin des Bereichs Alter und Demografie: Was sind für Sie die großen Zukunftsthemen, die Sie voranbringen möchten?

    Eva Nemela: Ideen gibt es viele, viele davon befinden sich allerdings noch in den Köpfen. Wir beschäftigen uns zum Beispiel intensiv mit der digitalen Teilhabe Älterer. Oder wie das KörberHaus als Ort des Miteinanders der Generationen zusammen mit den Partner/innen in Bergedorf mit Leben gefüllt wird. Oder welche neuen Formen des Engagements es für Ältere gibt, mit denen den »Jahren Leben gegeben« werden kann, wie es ein Zitat von Kurt Körber beschreibt. Das Engagement der Generation 50plus für die Gesellschaft war, ist und wird ein Kernthema der Körber-Stiftung in Bergedorf sein. Und wir werden natürlich vieles von unserer bisherigen erfolgreichen Arbeit fortsetzen und weiterverfolgen. Zum Beispiel den Ansatz, dass für ein gutes Leben im Alter sowohl die Sonnen- wie auch die Schattenseiten thematisiert werden sollten. Und natürlich, dass altersfreundliche Städte vor Ort gestaltet werden – und es dafür deutschland- und europaweit schon viele gute Ansätze gibt.

    Abschied ist immer schwer und gleichzeitig beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Was werden Sie sehr vermissen und worauf freuen Sie sich in Ihrer nachberuflichen Zeit?

    Susanne Kutz: Meine Kolleginnen und Kollegen, die Engagierten und die vielen Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus Bergedorf werde ich vermissen, den Austausch und das gemeinsame Ringen um immer wieder neue Herausforderungen und gute Lösungen. Worauf ich mich freue? Auf Zeitsouveränität, die es mir erlauben wird, Neues zu entdecken und Verschüttetes wieder zu aufzuspüren. Ich bin gespannt, was ich so alles finden werde.

    Herzlichen Dank für das Gespräch!


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