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  • Ursula Lehr (Foto: Jann Willken)
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    Ursula Lehr im Stadtlabor Online

    Die Bedeutung digitaler Tools, Kompetenzen in der Corona-Pandemie sowie die Selbstbestimmung Älterer waren die Themen beim dritten Stadtlabor Online. Ursula Lehr, die die Gerontologie wesentlich mitgeprägt hat, sprach mit Alumni aus dem Programm »Alter und Kommune« der Körber-Stiftung.

    Erst kürzlich feierte Ursula Lehr ihren 90. Geburtstag. Sie hat als Wissenschaftlerin die Gerontologie wesentlich geprägt, war Bundesfamilienministerin und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren Organisationen (BAGSO). Im Stadtlabor Online kommentierte sie als Gastrednerin die Folgen der Corona-Pandemie für Ältere und die Bedeutung für die Kommunen und die Seniorenarbeit der Verwaltung.

    Gutes (digitales) Altwerden

    Ursula Lehr betonte, dass gutes Älterwerden nicht nur körperlicher und geistiger Bewegung bedarf, sondern auch sozialer Kontakte. Das Pflegen sozialer Beziehungen zu Zeiten der Isolation könne ihrer Ansicht nach auch digital stattfinden. Und ein »zu alt für Digitalisierung« lässt sie nicht gelten. Auch wenn ihre eigenen Erfahrungen aus der Verwaltung bereits vor 30 Jahren dem entgegenstehen.

    Als Ursula Lehr 1988 Familienministerin wurde, seien viele der Meinung gewesen, über 50-Jährigen dürfe man die Arbeit mit Computern nicht mehr zumuten. »Heute wundern wir uns über die fehlenden digitalen Zugänge der 80-Jährigen«. Doch für ein Dazulernen sei es nie zu spät, sagt Ursula Lehr, und hierbei entscheidend sei lediglich die persönliche Motivation. Die gelte es, zu wecken. Ursula Lehr freut sich, dass sich der aktuelle achte Altenbericht der Bundesregierung auch mit der Digitalisierung Hochaltriger beschäftigen wird.

    Pflegeheime und digitale Angebote

    Raphael Bögge berichtete aus der Stadt Senden an der Iller, dass während der Coronakrise iPads an Demenzkranke in Alten- und Pflegeheimen gespendet wurden. Entscheidend für das gute Funktionieren war hierbei, dass gleichzeitig auch das Personal aufgestockt wurde, damit es schlussendlich zu einer Entlastung und einem besseren digitalen Austausch kommen konnte.

    Demgegenüber sieht Heidi Lyck, Fachbereich Gesundheit und Soziales der Stadt Flensburg, die digitalen Angebote in Heimen kritisch. In Gesprächen mit dem Pflegepersonal sei bei ihr der Eindruck entstanden, sowohl Trennwände bei Gesprächen als auch digitale Kontakte hätten Demenzkranke hochgradig verwirrt. Sie betont, Digitalisierung sei gerade für den Einsatz in Pflegeheimen kein Allheilmittel. »Alter braucht physische Begegnung« ist auch Boris Gourdial, Sozial- und Seniorenamtsleiter der Stadt Freiburg, überzeugt.

    Das Selbstbestimmungsrecht Älterer und die Dilemmata der Verwaltung

    Ursula Lehr beobachtet, dass im zunehmenden Alter das Selbstbestimmungsrecht vieler Älterer abnimmt und eine erhöhte Bevormundung einsetze. Die Coronakrise habe dies nur noch verdeutlicht und sogar verstärkt. Jedoch sei es wichtig für Hochaltrige, so lange wie möglich selbstständig zu bleiben. Denn wenn erst einmal Hilfe angenommen werde, werde eine Rückkehr zur Selbstständigkeit immer schwieriger. Ihr Leitsatz sei daher: »So viel Hilfe wie nötig, und so wenig wie möglich« – zumindest aus Sicht der Hochaltrigen.

    Boris Gourdial wies darauf hin, dass im Kontext Pflegeheim das Selbstbestimmungsrecht Älterer immer auch im Spannungsfeld zur Verantwortung der Betreiber stehe: Bei Corona seien die immer von der Sorge getrieben worden, Todesfälle im Heim zu vermeiden. Auch Monika Probst, Schul- und Sozialdezernentin aus der Stadt Garbsen, kennt ein solches Dilemma: Wenn die Stadt Sportstätten wiedereröffnet, dann schaffe man dabei auch ein Risiko insbesondere für Seniorensportgruppen. Ihre Frage: »Will, darf und soll man das?«

    Birgit Gutenmorgen, Abteilungsleiterin der bezirklichen, offenen Seniorenarbeit in Hamburg-Altona, berichtet von der schwierigen Wiedereröffnung von Seniorentreffs. Es gehe ja nicht nur um Abstandsregeln und Flächenbedarfe, sondern auch darum, die Treffen und Angebote in der alten Qualität anbieten zu können, beispielsweise Getränkeausgabe zu ermöglichen – und eben auch um die Selbstbestimmung der Besucher. Das alles miteinander zu vereinbaren, sei schwer umzusetzen. Es aber dennoch bestmöglich zu tun, so »begreife ich mich als Verwaltungsmitarbeiterin«.

    Das Stadtlabor Online ist ein Angebot der Körber-Stiftung für die Alumni ihres Programms Alter und Kommune. Über Expertenimpulse bringt es die Demografieverantwortlichen in deutschen Kommunen in den kollegialen Austausch zu gutem Leben im Alter. 

     


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