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Gespräch

Jenseits der Rituale

Wie lernen wir aus der Geschichte des Nationalsozialismus, um unsere Demokratie gegen mögliche Angriffe zu schützen? Über die Rolle von Gedenkstätten bei der Vermittlung von Zivilcourage diskutieren der Sozialpsychologe Harald Welzer und der Historiker Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.

Die deutsche Erinnerungskultur befindet sich in einer Epochenwende: Nationalsozialismus und Holocaust liegen Jahrzehnte zurück. Es gibt kaum mehr Zeitzeugen. Was bedeutet das für die Bildungsarbeit in den Gedenkstätten? Die Konzepte und Praxis der aktuellen Gedenkstättenarbeit stellt Harald Welzer in seiner neuen Publikation »Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur« zusammen mit Dana Giesecke in Frage. Er diagnostiziert erstarrte Rituale und eine rückwärtsgewandte Erinnerungskultur, die den Besuchern nicht helfen, Ursachen für den Holocaust zu verstehen. Stattdessen fordert er Ausstellungsorte neuen Typs, die etwa durch Rollenspiele oder psychologische Experimente eine andere Art der Auseinandersetzung mit dem Holocaust ermöglichen. Sie sollen den Blick für die positiven und negativen Potenziale des Menschen schärfen und stärker auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet sein. Aus Sicht der Gedenkstätten antwortet darauf Habbo Knoch. Er argumentiert, dass historische Orte den Besuchern eine einzigartige Möglichkeit bieten, die Geschehnisse des Dritten Reichs erfahrbar zu machen. Ist das Lernen an den Orten der Vernichtung alternativlos? Über die Zukunft der Bildungsarbeit diskutieren Welzer und Knoch auf dem Podium.

Die Sicht der vierten Generation nach Kriegsende bringen Jugendliche ein, die an der Gestaltung eines neuen Hamburger Gedenkorts zur Erinnerung an die Deportation von Juden, Roma und Sinti beteiligt sind. Sie sind eingebunden in die Initiative »Wie wollt Ihr Euch erinnern« der Kulturbehörde der Stadt Hamburg, die junge Menschen an der Gestaltung des neuen »Informations- und Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof« in der Hamburger HafenCity beteiligt. Von Oktober 2011 bis Mai 2012 erhalten sie die Gelegenheit, unterstützt von Experten eigene Ideen zu entwickeln und zu präsentieren. Am Hannoverschen Bahnhof am Lohseplatz in Hamburg wurden von 1940 bis 1945 mindestens 7692 Hamburger und Norddeutsche in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt. Die Eröffnung des Gedenkortes in der Hafencity ist für 2013 geplant.

 

Eine Veranstaltung zum Schwerpunkt »Demokratie bilden«.

Harald Welzer<br />(Foto: Volker Wiciok / Lichtblick)
Habbo Knoch<br />(Foto: Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten)
Martin Doerry<br />(Foto: SPIEGEL-Verlag)
»Das Menschenmögliche«

Informationen

Dienstag, 24.04.2012 | 20.00 Uhr
KörberForum
Kehrwieder 12
20457 Hamburg

Infos zum Veranstaltungsort

Sie erreichen das KörberForum mit der U3, Station Baumwall (Fußweg ca. 3 Minuten).

Kostenpflichtige Parkplätze finden Sie in der Straße Kehrwieder hinter der Schranke.

Informationen zu rollstuhlgerechtem Zugang
unter 040 · 80 81 92 - 0.

Gemeinnützige Körber-Stiftung

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