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Wenn Technik das Gedenken stört

»Pokémon-Jagd in Auschwitz – das geht gar nicht!« Der Launch von Pokémon-Go hatte in den sozialen Medien einen Hype ausgelöst. Daraufhin befragte die Körber-Stiftung ihre jungen Netzwerke.

»Handys haben in Gedenkstätten, die emotional sehr negativ besetzt sind, nichts zu suchen.« So lauteten die überwiegenden Reaktionen auf eine Befragung der Körber-Stiftung, die von ihren jungen Netzwerken wissen wollte, wie diese den Launch von Pokémon-Go einschätzten. Diese Spiele-App verbindet durch das Smartphone virtuelle Spielszenarien mit Orten der echten Welt zu einer augmented reality. Das Spiel hatte in den sozialen Medien einen Hype ausgelöst, bei dem neben begeisterten Usern auch besorgte Stimmen zu hören waren, die sich um die Würde von Erinnerungsorten sorgten, falls auch diese potentielle Austragungsorte für das Computerspiel wären.

Die Schüler und jungen Erwachsenen, die sich dazu auf dem History Campus und in einer kleinen Umfrage gegenüber der Körber-Stiftung geäußert haben, haben Vorbehalte gegenüber der Smartphone-Nutzung insbesondere in NS-Gedenkstätten. Viele empfinden die Alleskönner an Orten mit historisch belastender Geschichte schon ohne Spiele-Apps bereits als Störfaktoren, die die Atmosphäre verändern und reduzieren. Besucher, die in Gedenkstätten »durch ihre viereckigen Bildschirme starren, anstatt einmal stehen zu bleiben und sich vergangene Gräueltaten ins Gedächtnis zu rufen«, machen beispielsweise die 15-jährige Schülerin Anja traurig. Jens (17) möchte, dass »die Nutzung von Smartphones und Tablets beim Gedenken auf ein Minimum reduziert werden sollte, da sie es in seiner Ernsthaftigkeit beeinträchtigen.« Auch Alisa (20), ebenso wie Jens Teilnehmerin beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, ist der Meinung, dass der Einsatz von Smartphones in Gedenkstätten nur schwer mit dem Anspruch zu vereinbaren sei, die notwendige Würde des Ortes als Gedenkort an die Opfer zu bewahren.

Dass die Schüler die Spieleentwickler in der Mitverantwortung sehen, eindeutig ungeeignete Orte für Computerspiele zu blocken, überrascht dann nicht. Die Statements der jungen Geschichtsinteressierten zeigen, wie die neuen technischen Möglichkeiten auch sie herausfordern. Ambivalent sind sie insbesondere beim Thema »Selfies«. Touristische Selbstbildnisse am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Stelenfeld empfinden einige als unangemessen, weil die Besucher den Ort damit zu einer beliebigen Sehenswürdigkeit degradierten.

In der aktuellen Debatte kommt häufig zu kurz, dass der technische Fortschritt auch viele Chancen bietet, historisch-politische Bildung informativ und attraktiv zu gestalten. Virtuelle oder Twitter-Rundgänge, die Vernetzung zu multimediale Angebote per QR-Code auf dem Museumsgelände oder spezielle Geocaching-Angebote für Besucher können, wenn sie gut gemacht sind, einen wirklichen Mehrwert bieten. Beim Gedenken wünscht sich die Mehrzahl der jungen Befragten ein »intensives emotionales Sich-Einlassen« ohne »Event-Charakter«. Allerdings schätzen die befragten Jugendlichen daneben durchaus die Möglichkeit eines individuellen Zugangs zur Geschichte, bei dem sie Bildungsangebote aktiv auf ihre Bedürfnisse, Vorkenntnisse und Fragen zuschneiden können und über Online-Pfade gezeigte Inhalte selber entdecken zu können. Gregor (20), der als Editor beim History Campus junge Blogger betreut, bringt die positiven Möglichkeiten der technischen Entwicklung in folgender Szene auf den Punkt: »Ich schlendere mit meinem Handy durch die Fußgängerzone, Blick auf das Display gerichtet. Nachrichten checken und Musik hören. Im Augenwinkel ein bronzen-goldenes Schimmern. Ein Stolperstein. Welche Geschichte hat dieses NS-Opfer zu erzählen? Spontan QR-Code scannen und Podcast hören. Unmittelbarer kann ein Zugang zu Geschichte nicht sein.«

Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung, internetfähige Endgeräte sinnvoll in die pädagogische Arbeit einzubeziehen. Mahnmale und Gedenkstätten, bei denen das Lernen mindestens gleichberechtig neben dem Erinnern steht, müssen schon länger mit den besonderen Herausforderungen umgehen, die durch die smarten Geräte und dem Verhalten ihrer manchmal weniger smarten Nutzer entstehen. »Diese Institutionen müssen gestärkt und mit ausreichend Ressourcen dabei unterstützt werden, vor Ort die Chancen wie auch die Grenzen des Technikeinsatzes zusammen mit ihren verschiedenen Besuchergruppen auszuloten«, so Katja Fausser, die bei der Körber-Stiftung für die pädagogischen Jugendprojekte zuständig ist. Auch bei den hauseigenen Bildungsprojekten und History Camps, in denen der Einsatz von Smartphones zunehmend eine Rolle spielt, diskutieren die jugendlichen Teilnehmer diese Frage regelmäßig.

Bei dieser technischen Revolution sind wir gemeinsam Teil eines großen gesellschaftlichen Experiments, bei dem am Ende des Tages auch eine neue Spiele-App Anlass sein kann für eine Verständigung über die Frage, wie ein angemessener Umgang mit der Vergangenheit heute aussieht. Alisa mahnt in ihrem Feedback, nicht zu negativ auf ihre Altersgruppe zu schauen: »Es ist ein Irrglaube, wenn man sich die junge Generation als homogene Gruppe smartphoneabhängiger Zombies vorstellt, die ohne Einsatz von neuen Medien kaum mehr erreichbar ist.«


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