• Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard (Foto: Daniel Reinhardt)
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    »Wir brauchen Engagierte jeden Alters, um sozialer Isolation entgegenzuwirken«

    Sich für andere zu engagieren ist angesichts von Social Distancing zu einer Herausforderung geworden – lässt sich doch nicht alles digital umsetzen. In der Krise entstehen aber neue Formen des Engagements und vielfältige Unterstützungsangebote. Wie Engagement aktuell in Hamburg gelingt, beantwortet Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard.

    Engagement lebt von Begegnung, Austausch und starken Netzwerken. Ende Oktober hätte die Freiwilligenbörse in Bergedorf genau das ermöglichen sollen: Engagement in Bergedorf sichtbar machen, Austausch zwischen den Institutionen fördern, bei den Bergedorfer*innen für Engagement werben. Aufgrund der aktuellen Lage wurde sie abgesagt. Wie beobachten Sie die Auswirkung von Social Distancing auf das Engagement? Wie wird die Pandemie eventuell auch die Hamburger Engagementlandschaft verändern?

    Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard: Die Corona Pandemie hat auch das Engagement in unserer Stadt verändert und wird es noch weiter tun. Einerseits beobachten wir seit dem Frühjahr 2020, dass sich viele Menschen aus Ihren freiwilligen Einsätzen zurückziehen mussten – sei es, weil sie zur Risikogruppe gehören oder weil ihr Engagement auf direktem persönlichem Austausch beruhte. Gleichzeitig haben viele Hamburgerinnen und Hamburger spontan ihre Hilfe angeboten, um vulnerable Gruppen zu unterstützen – z.B. durch Einkaufshilfen, Botengänge, Gassi gehen mit dem Hund und vieles mehr. Und dazu hat haben sich gleichzeitig beeindruckende, neue Formen des freiwilligen Engagements entwickelt, die weniger von persönlicher Begegnung geprägt sind, sondern von neuen Formen der Anteilnahme und gegenseitigen Unterstützung, die mit den Social Distancing-Regeln vereinbar sind. Von Telefonaten und Briefbotschaften über Online-Kochtreffs bis zu Bastelpaketen – die Kreativität und Innovationsfreude der Engagierten scheint grenzenlos. Das zu erfahren macht Mut und stimmt zuversichtlich, dass die Hamburger Engagementlandschaft auch unter erschwerten Bedingungen ihre wichtigen Hilfen dort anbringt, wo sie so dringend gebraucht werden.

    Die Krise ist auch Katalysator für freiwilliges Engagement. In einer Welle der Solidarität sind im vergangenen Frühjahr viele digitale Portale für Nachbarschaftshilfe entstanden. Es wurden auch analoge Wege gesucht, Menschen zu erreichen: Handzettel an Haustüren informierten, Hotlines wurden gegründet. Ein breites Engagement, das aber etwas in Leerlauf geriet, weil sich auf die vielen Hilfsangebote nur wenige Hilfsbedürftige meldeten. Was braucht es und was raten Sie Engagierten, damit ihre Hilfe in Zukunft auch ankommt? Und wie können sich Hamburger/innen in dieser Zeit trotz Kontakteinschränkungen engagieren?

    Leonhard: Diese vielfältigen, neuen Formen der Nachbarschaftshilfe haben gezeigt, wie anpassungsfähig und unverzichtbar freiwilliges Engagement ist. Aktive Bürgerinnen und Bürger, die sich an die Regeln des Infektionsschutzes halten und sich gleichzeitig für andere engagieren, sind das Rückgrat unserer Demokratie. In der Tat schien im Frühjahr das Angebot an spontanen Einsätzen für andere teilweise größer als die Nachfrage. Aber das sind Momentaufnahmen, die sich ändern können. Angebot und Bedarf müssen auch immer zusammenpassen. Die Hamburger Freiwilligenagenturen haben auf www.freiwillig.hamburg eine zentrale Plattform geschaffen, auf der Menschen Hilfe anbieten und Unterstützungsgesuche melden können. So können die Informationen gebündelt und Hilfe dorthin vermittelt werden, wo sie gebraucht wird. Es lohnt sich auch, bei den Freiwilligenagenturen anzurufen, um sich zu informieren, welche Hilfe gesucht wird oder ob es Menschen gibt, die genau die Hilfe anbieten, die man für sich oder Menschen aus dem Umfeld sucht.

    Ein Großteil freiwillig Engagierter sind Ältere, die ihre Zeit für sich und andere einsetzen. Und dann sind es nicht zuletzt die Älteren, die doch gerade Begegnung und offene Angebote dringend wahrnehmen wollen. Was tut Hamburg dafür, dass Ältere nicht zunehmend isoliert werden und sich weiterhin engagieren und am gesellschaftlichen Miteinander teilhaben können? Welche Botschaft haben Sie für diese für die Älteren?

    Leonhard: Mir persönlich ist es sehr wichtig, dass auch ältere Menschen weiterhin an unserer Gesellschaft teilhaben können, auch wenn sie ihr Engagement durch die Pandemie nicht wie gewohnt ausüben können. Dafür haben wir bereits im Frühjahr ein Hilfe-Telefon für Seniorinnen und Senioren (Tel. 4 28 28 8000) eingerichtet. Dort finden ältere Menschen praktische Informationen und Unterstützungsangebote zu verschiedenen Lebensbereichen – so auch zu alternativen Engagementformen. Beispielsweise zu dem neuen Tandemprojekt KH2biografisch mit Jugendlichen, die ältere Menschen regelmäßig zu deren Erfahrungen mit Kunst und Kultur interviewen, um diese später in einem Buch zu veröffentlichen. Solche Projekte sind entstanden, weil die Pandemie bei vielen den Blick dahingehend geschärft hat, wie es den älteren Menschen ihrer Nachbarschaft oder Familie geht. Viele Angebote zu Begegnung und Austausch über Internet, Telefon oder Briefe sind entstanden, bei der auch ältere Engagierte sich einbringen können. Denn soziale Isolation ist eine Gefahr für alle Altersgruppen und wir brauchen Engagierte jeden Alters, um dieser gerade unter den aktuellen Bedingungen entgegenzuwirken. Was mir noch wichtig ist: Wir alle können durch das Einhalten der AHA-Regeln und mit Rücksichtnahme dafür sorgen, dass ältere Menschen und andere, die zur Risikogruppe gehören, an der Gesellschaft teilhaben können. Das ist ein Akt der Solidarität, der gerade für ältere Menschen eine große Bedeutung hat.

    Bergedorf ist Hamburgs erster Bezirk, der im bundesweiten Netzwerkprogramm Engagierte Stadt aufgenommen wurde. Das Programm setzt auf die Partnerschaft zwischen öffentlicher Hand, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Was sind aus Ihrer Sicht die Chancen und Herausforderungen, die sich aus dieser Vernetzung ergeben können?

    Leonhard: Die Chancen dieses Netzwerks liegen einerseits in der koordinierten praktischen Zusammenarbeit engagierter Menschen aus Bezirk, Zivilgesellschaft und Unternehmen und andererseits in dem Prozess des Von- und Miteinanderlernens im Austausch mit anderen Engagierten Städten. Gerade in Krisenzeiten wird immer wieder deutlich, wie wichtig belastbare Engagementstrukturen und Netzwerke vor Ort für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Darüber hinaus bin ich überzeugt davon, dass sich die komplexen sozialen Herausforderungen unserer Zeit nur gemeinsam bewältigen lassen. Das ist eine weitere Stärke dieses Bundesprogramms.

    Auch Sie betonen in der Engagementstrategie die Stärke aus der Vernetzung von öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft, insbesondere Stiftungen. In Bergedorf manifestiert sich diese Art Kooperation in der Gestaltung des KörberHauses. Was wünschen Sie sich von einem solchen Gemeinschaftsort?

    Leonhard: Engagement fördernde Stiftungen wie die Hamburger Körber-Stiftung setzen wertvolle Impulse, um das freiwillige Engagement in der Zivilgesellschaft zu stützen und weiterzuentwickeln. Das geplante KörberHaus ist ein guter Ansatz um zu zeigen, wie es gelingen kann, alle Akteure der vielfältigen Engagementlandschaft in Bergedorf generations- und kulturübergreifend zusammenzubringen. Dieses Anliegen verfolgt der Hamburger Senat auch mit dem gesamtstädtisch orientierten Haus des Engagements, das in den kommenden Jahren zu einem zentralen Kompetenzzentrum des freiwilligen Engagements ausgebaut werden soll. Das Entscheidende an solchen Treffpunkten ist, dass sich möglichst viele Engagierte dort begegnen und miteinander austauschen können. In diesem Sinne wünsche ich dem Körber-Haus, dass es in Bergedorf gelingt, die verschiedenen Akteure zusammenzubringen und gemeinsam neue Impulse zu setzen, um das Zusammenleben in Bergedorf aktiv und zukunftsorientiert mit zu gestalten.