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  • Foto: Matthias Heyl/Gedenkstätte Ravensbrück

  • - Meldung

    Zeitzeugen öffnen Jugendlichen Zugang zur NS-Geschichte

    Beim diesjährigen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beschäftigte sich mehr als jeder vierte Beitrag mit Verfolgungsschicksalen im Nationalsozialismus. Für diesen thematischen Schwerpunkt sind Zeitzeugen eine wichtige Quelle.

    Zum Thema »Anders sein. Außenseiter in der Geschichte« wurden insgesamt 1563 Arbeiten eingereicht. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer verknüpften ihre historische Fragestellung auch mit Fragen zur gegenwärtigen Erinnerungskultur. »Trotz der ständig kleiner werdenden Zahl der Zeitzeugen ist für die Jugendlichen das Gespräch mit ihnen noch immer ein ganz wichtiger Zugang zum Nationalsozialismus«, so Sven Tetzlaff, Leiter des Geschichtswettbewerbs. »Die jungen Leute denken viel darüber nach, wie sie eine breitere Öffentlichkeit über ihre Rechercheergebnisse informieren können.«

    Im Gespräch mit KZ-Überlebenden

    Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler zeigen in ihren Projekten wie wichtig es ist, aus erster Hand Informationen zu erhalten. Zwei Neuntklässler aus Rheinland-Pfalz, die über das Leben nach 1945 der Jüdin Erna de Vries schrieben, fassten zusammen: »Und am allerwichtigsten: Wir hatten die Möglichkeit, mit einer der letzten Holocaust-Überlebenden selbst zu sprechen, die uns die Relevanz dieses Themas deutlicher denn je vor Augen führte und der wir letztendlich diese ganze Arbeit verdanken und widmen.« Erna de Vries, geboren 1923, bestand darauf, nicht von der Seite ihrer Mutter zu weichen, als diese im Juli 1943 ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Die Mutter wurde im November desselben Jahres ermordet, kurz darauf wurde Erna de Vries in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, wo sie bis zur Schließung des Lagers, im April 1945, Zwangsarbeit leisten musste. Sie überlebte. Heute, 70 Jahre danach, hält sie es für sehr wichtig, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, um die Erinnerung weiterzutragen. Auch zwei Achtklässlerinnen aus Nordrhein-Westfahlen sprachen im Rahmen ihres Wettbewerbsbeitrages mit Erna de Vries. Die Schülerinnen beschäftigten sich vor allem damit, wie Erna de Vries als Überlebende ins Leben zurück finden konnte, und fragten danach, welche Rolle Verdrängen und das Brechen des Schweigens seitdem hatten. Mit diesen Fragen beschäftigte sich auch eine Schülerin der 12. Klasse aus Rheinland-Pfalz, die sich in ihrem Beitrag mit der Rolle der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster im Nationalsozialismus auseinandersetzte und die Geschichte des »Euthanasie«-Programms aufarbeitete. Über ihre Kontaktaufnahme mit einer Zeitzeugin berichtet sie: »Ihre Reaktion hat mich sehr erstaunt. »Darüber darf man nicht reden. Da kommt man in große Schwierigkeiten«, sagte sie mir. Konnte es sein, dass auch heute noch die Angst so tief verwurzelt ist?« Die Frau sagte der Schülerin, »dass es damals in ihrer Familie verboten war über die seltsamen Vorkommnisse in der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster zusprechen, aus Scham und Furcht vor Konsequenzen.« Bis 1945 wurden dort etwa 1.700 Menschen ermordet und mehrere Hundert Frauen zwangssterilisiert. Seit 2008 erinnert auf dem Klinikfriedhof der heutigen Pfalzklinik ein Gedenkort an die Opfer der NS-Psychiatrie.

    Aktives Erinnern

    Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellten sich auf der Basis ihrer neu gewonnen Einsichten zum Gedenken und Erinnern selbst die Frage, wie Impulse zum Gedenken gegeben werden können. 17 Schülerinnen und Schüler aus dem Saarland setzten sich zum Ziel, eine breite Öffentlichkeit über junge Psychiatriepatienten in Merzig zu informieren. »Wir wollten den Besuchern die Möglichkeit geben, die Lebensläufe nicht bloß zu lesen, sondern sich diese selbst zu erarbeiten.« Zwei Zwölftklässler aus Hessen leiteten aus dem eigenen Erforschen und Erinnern pädagogische Ansätze ab und fassen zusammen: »Wir haben gelernt, wie wichtig Erinnerungskultur ist und hoffen mit den Stolpersteinen, der Ausstellung und diesem Wettbewerb einen Teil dazu beitragen zu können.« Darüber hinaus entstanden in Verbindung mit Projekten auch kreativ-künstlerische Umsetzungen. Elf Schülerinnen und Schüler aus Bayern widmeten ihren Beitrag dem Ausbau der Erinnerungslandschaft an ihrer Schule. Sie entwarfen einen Gedenkbrunnen, der die Namen der NS-Opfer aus der Region tragen soll und erläuterten dies eindrücklich: »Durch die Aufstellung eines Brunnens mit den Namen der Opfer im Außenbereich der Schule wird es sich dabei auch um eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme handeln, die ein dauerhaftes Gedenken gewährleistet.« Eine weitere Zwölftklässlerin aus Niedersachsen reichte als Beitrag einen Artikel zur sogenannten Swing-Jugend ein, die im NS-Regime unter harten Repressalien zu leiden hatte. Sie stellte sich besonders die Frage danach, wie aktuelle Formen von Erinnerungskultur Gestalt annehmen können und antwortete mit dem Beispiel eines Theaterstücks von Schülern, das sich dem Thema widmete: »Theater kann erinnern, aufklären und so die vergangene Zeit des Unrechts, der Gewalt und Angst unvergessen machen. Es kann das Fehlen von Zeitzeugen ausgleichen und eine wichtige Aufgabe der Erinnerungskultur übernehmen.«

    Die vielfältigen Beiträge der Jugendlichen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust verdeutlichen, dass die Erinnerung, mit dem Aussterben der letzten Zeitzeugen, nicht verblassen wird, sondern dass sich die junge Generation aktiv in die Gestaltung einer Erinnerungskultur einbringen möchte und neue Formen etablieren wollen.


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