X
   
Aktuelles

Meldung

Zentrale Themen der EUSTORY-Wettbewerbe 2015: Diktatur und Unterdrückung

In 17 europäischen Geschichtswettbewerben werden in diesem Jahr Preisträger ausgezeichnet. Die Teilnehmer wandten sich bei der Wahl ihrer Themen auffällig oft der Geschichte von Menschen zu, die Diktatur und Unterdrückung in ihrem Leben erfahren haben.

Wer an einem der nationalen EUSTORY-Geschichtswettbewerbe teilnimmt, sucht sich zum vorgegebenen, breit gefassten Rahmenthema seinen persönlichen Blickwinkel für seine Spurensuche vor Ort aus. Auffällig viele Jugendliche haben sich dabei in den letzten Wettbewerben Fragen von Diktatur und Unterdrückung zugewandt. Bereits seit 2009 gedenken die Mitgliedsländer der Europäischen Union am 23. August der Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus und in den Beiträgen der 16- bis 19-jährigen zeigt sich, wie wichtig ihnen die Erinnerung an die unterschiedlichen Diktaturerfahrungen für ein demokratisches Zusammenleben in der Gegenwart ist.

Beispiele aus den Wettbewerben in der Ukraine, in Russland und in Deutschland

In der Ukraine forschten Teilnehmer des EUSTORY-Wettbewerbs zu einer eigenständigen nationalen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Sie beschäftigten sich mit den Geschichten von Gedenkorten, Straßennahmen und Museen, arbeiteten in Archiven und befragten Zeitzeugen. Dabei zeigten sie das Bestreben nach einer stärkeren Hervorhebung der ukrainischen Kriegs- und Diktaturerfahrungen gegenüber dem verallgemeinernden Geschichtsnarrativ der Sowjetunion. Zudem sieht das Format des ukrainischen Wettbewerbs vor, dass die Schüler ihre Arbeiten in der lokalen Öffentlichkeit vorstellen und somit die Bürger in ihrer Region mit ihren Forschungsergebnissen erreichen und in die Diskussion einbeziehen.

Mit der Geschichte politischer Unterdrückung beschäftigten sich auch die Finalisten des russischen EUSTORY-Wettbewerbs. Sie waren von MEMORIAL, der russischen Menschenrechtsorganisation und Ausrichterin des Geschichtswettbewerbs, eingeladen worden, im Rahmen eines Workshops Vorschläge für Denkmäler für die Opfer von Diktatur und Unterdrückung zu entwerfen. Außerdem gingen sie der Frage nach, inwiefern jene Orte, an denen Menschen von den sowjetischen Behörden verhaftet oder deportiert worden waren, zur Erinnerung an die Opfer des totalitären Regimes der Sowjetunion gekennzeichnet oder als Gedenkorte ausgestaltet werden sollten. Ihre Vorschläge erarbeiteten die Jugendlichen gemeinsam mit Künstlern des Moskauer Museum of Modern Art. Die Ergebnisse wurden im Veranstaltungs- und Begegnungszentrum von MEMORIAL ausgestellt und werden später dieses Jahr im GULAG Museum in Moskau zu sehen sein.

Auch im deutschen Geschichtswettbewerb forschten die Teilnehmer zum Umgang mit Diktaturerfahrungen, hier verstärkt mit Blick auf den Nationalsozialismus. Einige Schüler setzten sich mit den Erlebnissen ihrer Verwandtschaft während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs auseinander und stellten fest, dass die persönlichen Erinnerungen an Kriegsalltag und Unterdrückung oft sensible Themen sind. So ging eine der Teilnehmerinnen der Geschichte ihres Großvaters nach. Dieser kam kurz nach Kriegsende als außereheliches Kind eines SS-Mannes zur Welt, der im Konzentrationslager Mauthausen für die Unterkunftsverwaltung zuständig war. Zur Adoption freigegeben hat er neue Eltern gefunden und sich erst spät in seinem Leben mit dem Schicksal seiner leiblichen Mutter und dem seiner Halbschwester auseinandergesetzt.

Für ihre Beiträge wollten die Jugendlichen bestehende Tabus aufbrechen, das Verdrängen und Schweigen hinterfragen und einen kritischen Blick auf die Erinnerungskultur im staatlichen, aber auch im familiären Kontext werfen. Die Schlussfolgerung, dass die individuellen Diktaturerlebnisse der Menschen nicht vergessen werden dürfen, eint die Schüler.

„In Europa haben der Zweite Weltkrieg, Nationalsozialismus, Kommunismus und Unterdrückung Wunden hinterlassen, die noch lange nicht verheilt sind. Kriegs- und Diktaturerfahrungen leben in den nachfolgenden Generationen fort. Es ist deshalb notwendig, dass wir uns damit europaweit auf persönlicher, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene auseinandersetzen. Diese historischen Erfahrungen verjähren nicht“, betont Gabriele Woidelko, Europaexpertin der Körber-Stiftung.

Das Netzwerk EUSTORY regt junge Europäer zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit zentralen Gegenwartsfragen der europäischen Geschichte an und verbindet zivilgesellschaftliche Organisationen in 25 Ländern Europas, die nationale Geschichtswettbewerbe durchführen. Über 170.000 Jugendliche haben sich bislang an den Wettbewerben beteiligt, rund 1.000 von ihnen nahmen bisher an europäischen EUSTORY-Begegnungen teil.

Detaillierte Berichte zu den Preisverleihungen 2015


to top