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Zugabe-Preis > Bericht Preisverleihung 2020

Und jetzt Zugabe! Preise an UnternehmerInnen 60plus

Die Welt zu verbessern, ist keine Frage des Alters: Gerhard Dust (68) hat das Bauen revolutioniert, Elke Schilling (75) verhindert Einsamkeit, Bernhard Krahl (73) sorgt für innovative Therapien und Thilo Bode (73) hat den Verbraucherschutz im Lebensmittelbereich neu erfunden. Für ihr bahnbrechendes Unternehmertum erhielten die Vier den Zugabe-Preis der Körber-Stiftung

Die Gesellschaft mit Lebenserfahrung verbessern

Zum zweiten Mal hat die Körber-Stiftung am 10. Juni ihren Zugabe-Preis verliehen – coronabedingt als Liveübertragung aus dem KörberForum. Mit je 60.000 Euro wurden vier Persönlichkeiten 60plus ausgezeichnet, die ein Unternehmen oder Sozialunternehmen aufgebaut haben. Die Gesellschaft mit Lebenserfahrung, gesellschaftlicher Verantwortung und Unternehmergeist verbessern – das ist das Altersbild, das der Preis vermitteln will.

Mit dem Zugabe-Preis wolle man, so der Vorstandsvorsitzende der Körber-Stiftung, Lothar Dittmer, zeigen, dass Start-Ups kein Privileg der Jungen seien. »Start-Ups sind in jedem Alter möglich.« Als Gemeinsamkeit aller vier Preisträger betonte Lothar Dittmer »ihren Mut, ihre Tatkraft und ihre Beharrlichkeit«. Zudem sei ihr unternehmerisches Tun nicht kommerziell, sondern darauf ausgerichtet, »ein Defizit aufzuheben, etwas zu verbessern und die Zukunft zu gestalten«. Er sah die Zugeber des Jahres 2020 auf den Spuren des Stifters Kurt Körber, der selbst ein Role Model für die unternehmerische Zugabe gewesen sei: Mit 50 hat er die Körber-Stiftung gegründet – eine unternehmerische Stiftung, die er nie als bloßer »Mäzen« geführt habe.

Ihr unternehmerisches Denken und ihre Erfolge konnten die Preisträger authentisch darstellen. In Gesprächen mit der NDR-Moderatorin Inka Schneider und Filmbeiträgen wurde deutlich, was eine Zugeber-Persönlichkeit ausmacht: Nicht nur gesellschaftliche Missstände entdecken, sondern auch Lösungen dafür entwickeln – und die dann selber mutig und wirksam umsetzen.

Gerhard Dust: Erst Ruhestand, dann eine Revolution

So präsentierte sich zuerst der ehemalige Buchgroßhändler Gerhard Dust als echter Revolutionär – im Bauen. 2010 war er mit 56 eigentlich schon im Ruhestand. Den Rückzug nach Florida beendete das schwere Erdbeben in Haiti. Um beim Wiederaufbau zu helfen, förderte Dust die Entwicklung eines nachhaltigen Baustoffes aus Polymerbeton. Die richtige Bautechnik erfand er gleich mit: Steckelemente, die auch ungelernte Arbeiter in Entwicklungsländern einfach verbauen können. Und weil keine NGO Interesse hatte, setzt er seitdem seine Bauinnovation auch persönlich um – mit einem Businessmodel für internationale Partnerschaften seiner PolyCare Research Technology GmbH & CO KG im thüringischen Suhl. Gebaut wird so zum Beispiel in Namibia. Gerhard Dusts Antrieb bis heute: »Mit diesem Bausystem schaffen wir es, Menschen in der dritten Welt zu befähigen, mit ihren eigenen Händen zu bauen«. Ob er sich mit dem Wiedereinstieg in die Unternehmenswelt als Teil einer Bewegung sehe, wollte Moderatorin Inka Schneider wissen. Gerhard Dust verwies auf die vielen lebenserfahrenen und aktiven Menschen, die ihm auf seinem Unternehmensweg begegnet seien. Für sie alle gelte: »In meiner Jugend war man in diesem Alter alt, heute nicht mehr«.

Elke Schilling: Unternehmer-Gen und Gerechtigkeitssinn

Im zweiten Interview präsentierte sich die Sozialunternehmerin Elke Schilling, 75. Das Unternehmertum ihrer Eltern in der DDR sieht sie als Ur-Erfahrung dafür, auch »unter schwierigen Umständen etwas aufbauen zu können«. Das hat sie getan: Als sie schon früh Alterseinsamkeit als wachsendes gesellschaftliches Problem erkannte und sich nicht länger darüber ärgern wollte, dass das Thema massiv verdrängt wurde, startete Elke Schilling 2018 in Berlin eine Telefonhotline für einsame ältere Menschen. Ihr »Silbertelefon« und das »Silbernetz« bringen Menschen in Kontakt, aber sie schaffen auch Arbeitsplätze für ältere Menschen mit Behinderungen oder Langzeitarbeitslose. Denn die Unternehmerin erkannte früh, dass sie hauptamtliche Mitarbeiter brauchte. In der Corona-Krise entwickelten sich die Angebote über Nacht zum bundesweit gefragten Netzwerk gegen die Isolation vieler alter Menschen, die ihr Zuhause nicht mehr verlassen durften. Als wichtigste Motivation, so viel auf die Beine zu stellen, nannte Elke Schilling ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. »Ich kann es nicht aushalten, nicht zu helfen, wenn Hilfe gebraucht wird«.

Bernhard Krahl: Therapien von Weltruf

Bernhard Krahl hat das Ambulanticum Herdecke aufgebaut, als GmbH organisiert und mit – so im Film beeindruckend zu sehen – modernsten Therapiegeräten und einem interdisziplinären Fachteam. Der Hintergrund für das private Unternehmen, das erfolgreich Schwerstkranke therapiert, sind die eigenen Erfahrungen des Zugabe-Preisträgers. Der frühere Zahnarzt musste sich nach zwei Hirninfarkten 2007 den Weg ins Arbeits- und Sozialleben zurückerkämpfen. Dass Menschen als »austherapiert« gelten und ihnen z.B. nach Schlaganfällen oder schweren Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Schädelhirntrauma oder Querschnittslähmungen nur Pflege bis zum Tod offensteht, empfang Bernhard Krahl als unerhörte gesundheitspolitische Lücke. »So wollte ich nicht alt werden und diesem Schicksal müssen sich auch andere nicht ergeben.« Stolz kann er heute auf Patienten aus vielen Ländern verweisen und feststellen, dass seine hochmoderne Einrichtung vor allem für Querschnittserkrankte ein Zentrum mit Weltruf geworden ist. Dafür hat Bernhard Krahl gemeinsam mit seiner Frau seine Kraft und auch sein privates Vermögen in das Therapiezentrum in Herdecke investiert. Denn »auf den Spuren von Körber« habe man Fremdfinanzierung oder Investoren nie gewollt – um unabhängig zu bleiben.

Thilo Bode: Mehr Transparenz im Lebensmittelbereich

Einen Zugabe-Preisträger zeichnet es auch aus, dass langjährige Berufs- und Lebenserfahrung in der Neugründung sichtbar werden. So auch bei Thilo Bode, Volkswirt und Umweltschützer und erfahren im Kampagnen-Management. Er hat es nicht dabei bewenden lassen, die fehlende Transparenz im Lebensmittelbereich zu beklagen. Aufgeschreckt vom BSE-Skandal hat er 2002, mit 55 Jahren, den Verein foodwatch e.V. gegründet. Mit öffentlichen Kampagnen und mittlerweile 40.000 Mitgliedern hat der Verein nicht nur unternehmerische Unabhängigkeit erreicht, sondern kann auch mächtigen Druck im Verbraucherschutz erzeugen. Bode kann auf spektakuläre Erfolge verweisen wie die Nährwertkennzeichnung – und bekennt sich auch zu Aktionen, die er heute als gescheitert ansieht. Als seinen »Motor« nannte er »Leidenschaft«. Ein Zugeber müsse »manchmal aufpassen, nicht zu viel zu machen«. Und was kann Thilo Bode heute besser als in seiner Jugend? Auf diese Frage von Inka Schneider kam wieder eine ehrliche Antwort: »Ich mache immer noch Fehler, aber ich bin vielleicht radikaler geworden. Nur durch Verbraucherverhalten ändert sich die Welt nicht, sondern durch verbindliche Regelungen«.

Von wegen Risikogruppe!

Dass die Preisverleihung im KörberForum ohne Publikum stattfinden musste, tat der Feierlichkeit keinen Abbruch. Die Corona-Pandemie und die im Gefolge üblich gewordene Zuschreibung an die Älteren, in der Pandemie nur noch eine »Risikogruppe« zu sein, war aber auch inhaltlich präsent. So in der Rede von Jurymitglied Barbara Wackernagel Jacobs: »Über diese Zuschreibung als 'Risikogruppe' kann ich mich gar nicht genug ärgern«, sagte die Filmproduzentin und frühere saarländische Sozialministerin. Was in der Corona-Krise wieder Auftrieb bekomme, sei ein völlig veraltetes Altersbild. Die vier Zugabe-Preisträger und Trägerinnen stehen für Wackernagel-Jacobs für ein neues Altersbild vom Aufbruch. »Sie sind wahre Role Models für die Zeit des langen Lebens. Und Ihr Preis ist deshalb auch ein ermutigendes Signal für uns alle!« lobte sie die Zugabe-PreisträgerInnen. Auch der amerikanische Social Entrepreneur Marc Freedman betonte in seinem Grußwort, wie sehr Welt die Potenziale älterer Menschen brauche, die »einzige nachwachsende Ressource«. Aus San Francisco beglückwünschte er die Preisträger, die am Ende der einstündigen Feier gemeinsam auf der Bühne standen. Mit dem gebotenen Abstand – und einer klaren Botschaft: Die Welt zu verändern ist keine Frage des Alters.

Video der Preisverleihung

Fotos der Preisverleihung

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Die Fotos können im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über den Zugabe-Preis honorarfrei veröffentlicht werden unter Angabe der Bildquelle »Körber-Stiftung«.

Kontakt

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21029 Hamburg (Bergedorf)

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

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haist@koerber-stiftung.de

Jana Lunz
Programm-Managerin
Zugabe-Preis

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Jury

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