»Wir brauchen eine Gründerkultur für Ältere«

57 Gründer und Gründerinnen 60plus sind für den zweiten Zugabe-Preis der Körber-Stiftung nominiert – über die Preisträger entscheidet eine Jury mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und dem Social Business. Auch Ralf Sange ist Mitglied der Zugabe-Jury. Als Initiator von Gründer 50plus ist er selbst ein erfolgreicher Sozialunternehmer. Er berät und qualifiziert Menschen über 50, die eine Existenzgründung planen. Karin Haist, Leiterin der Projekte demografische Zukunftschancen in der Körber-Stiftung, sprach mit Ralf Sange über Senior Social Entrepreneurship, Motive und Potenziale älterer Gründerpersönlichkeiten und die Wirkung des Zugabe-Preises. 

Was motiviert Menschen in der zweiten Lebenshälfte zur Gründung eines Unternehmens oder Sozialunternehmens?

Das ist meist eine Mischung, die sich aus der jeweiligen Biografie speist. Außer Lebenserfahrung verfügen Gründer über 50 eben auch über einen realistischen, pragmatischen Blick auf die Welt. So erkennen sie gesellschaftliche Bedarfe und reagieren mit innovativen Lösungen. Viele leitet in dem Alter der Wunsch nach Sinn und Inhalt, manchmal ist das auch eine Reaktion auf »unerfüllte Ecken« in der eigenen Lebensgeschichte. Und oft kommt natürlich auch die eigene finanzielle Absicherung als Motiv dazu. Mehr und mehr Frauen entdecken, dass ihnen nach unterbrochenen Berufsbiografien Altersarmut droht – und da sind Unternehmen oder Sozialunternehmen attraktive Lösungen. Denn im Wesen einer Gründung liegt es ja, dass sie sich auch wirtschaftlich tragen soll. Und gerade für Ältere ist dann unternehmerisches Handeln mit gesellschaftlichem Mehrwert besonders reizvoll. 

Und was bringen die älteren Gründer in ihre Startups mit? Haben sie etwas, was den Jüngeren fehlt?

Gründer 50plus verfügen über einen großen Erfahrungsschatz, den sie über das Leben angesammelt haben. Sie profitieren von Netzwerken und vielen guten Kontakten – noch ganz altmodisch in der realen Welt, nicht nur digital. Was die Ausstattung ihrer Gründungen betrifft, da gibt es beides. Die, die von Anfang an viele eigenen Ressourcen einbringen können und die, die auf Starthilfe und Investoren angewiesen sind. Die Letztgenannten müssen dann schnell erkennen, dass ihr Alter nicht als Potenzial gesehen wird. Denn Gründungsförderung oder Bankdarlehen für Unternehmen sind immer auf die Jungen fokussiert – Ältere werden meist nicht explizit, aber deutlich erkennbar benachteiligt. 

Das stellt sich in der Medienberichterstattung ähnlich dar: Wenn es um innovative Startups geht, dann tauchen nur die Geschichten junger Gründer auf.  Warum ist das so?

Das ist ein kulturelles Problem. Uns fehlt eine Gründerkultur für Ältere. Und damit meine ich nicht nur die Unterstützung gründungswilliger älterer Menschen. Wir brauchen in Deutschland ein wirkliches Umdenken – dass eine berufs- und lebenserfahrene Generation ein gesamtgesellschaftliches Potenzial darstellt. Wenn Seniorität und unternehmerisches Engagement zusammenkommen, dann zahlt sich das nicht nur für den Gründer aus, sondern für alle.  

Wie bringen wir eine Gründerkultur für Ältere voran?

Über positive Geschichten. Denn uns fehlen auch einfach die Vorbilder als Projektionsflächen für die Älteren. Sie müssen am konkreten Beispiel erfahren können: Das könnte ich auch – Missstände wahrnehmen, eingreifen, gründen. Deshalb ist der Zugabe-Preis ja auch so wichtig! 

Welche Wirkung hat der Zugabe-Preis?

Ich sehe ihn vor allem als ein großartiges Instrument zur Ermutigung. Wenn wir Preisträger küren, die etwas selbstständig und zum Nutzen anderer voranbringen, obwohl sie vielleicht nicht vom Fach sind und nicht über das große Geld verfügen, dann inspiriert das viele, auch selbst ihre Ängste und alten Glaubenssätze beiseite zu lassen und einen Neuaufbruch als Gründer zu wagen. Natürlich sind 60.000 Euro auch eine sehr veritable Anerkennung für erfolgreiche Gründungen. Damit lässt sich viel bewegen. Schön wäre darüber hinaus auch die Begleitung und Förderung der Gründer am Anfang – da gibt es einfach sonst nichts. 

2019 konnten wir bundesweit 68 Gründerpersönlichkeiten für den Zugabe-Preis identifizieren, in diesem Jahr sind 57 Zugeber für die Auswahl der Jury nominiert. Eine Massenerscheinung sind ältere Unternehmensgründer oder Sozialunternehmer noch nicht! Werden die Gründungen durch Ältere in Deutschland zukünftig zunehmen, wenn die Babyboomer in Rente gehen?

Ich denke, wir sind eher am Anfang, was Senior Entrepreneure betrifft. Noch nicht einmal der Hälfte der Babyboomer ist klar, was das heißt, dass sie noch viele Jahrzehnte Lebenszeit vor sich haben. Aber die, die das als Chance sehen, werden mehr – und das ist ja eine Generation mit so viel Potenzialen! Wir sind doch diejenigen, die Bildung und Macht haben, wir sitzen an den Schalthebeln – wenn sich unsere Generation auch noch auf ihre Verantwortung besinnt, ihre gesellschaftliche Solidarität und ihre Stärken, dann wird Gründen ganz bestimmt noch viel attraktiver.

Welche Entwicklungen sind beim Gründen 50plus noch zu erkennen?

Ich beobachte eine Zunahme von Gründerkonsortien – konkret besinnen sich immer mehr ältere Gründungswillige auf das alte Konzept der Genossenschaft. Ich halte das für sehr sinnvoll, gerade auch für Sozialunternehmen: Denn in eine gemeinsame Genossenschaft kann dann jeder seine Stärken einbringen und die Talente Vieler kommen dem sozialen Kontext sehr zugute. Außerdem entdecken immer mehr Menschen, dass unternehmerisches Tun auch per se sinnstiftend für die späte Lebensphase ist: Wer ein Unternehmen gründet, weiß, dass er auch über sein Leben hinaus Spuren hinterlassen kann!  

Und welche Erwartungen verknüpfen Sie mit der Juryarbeit für den Zugabe-Preis, die bald beginnt?

Ich freue mich einfach auf die großartigen Menschen, die wir da hinter ihren Gründungen kennenlernen werden. Erst nur auf dem Papier und dann im Juryverfahren und der Preisverleihung am 10. Juni persönlich.

Kontakt

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Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

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Jana Lunz
Programm-Managerin
Zugabe-Preis

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Jury

Gründer, Sozialunternehmer, Themenexperten Wissenschaftler und Medienvertreter wählen aus einer von Ihnen ermittelten Shortlist die Preisträgerinnen und Preisträger aus.

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