X

Zugabe-Preis: Preisträger/innen 2019

Filmporträt: Ute Büchmann

Filmporträt: Michael Hoppe

Filmporträt: Bernward Jopen

Filmporträt: Anna Vonnemann

Zugabe-Preisverleihung: Neue Vorbilder

Es ist 11 Uhr vormittags und 180 geladene Gäste wippen schon im Takt: Mit dem schwungvollen Dusty-Springfield-Klassiker »I only want to be with you« begeistern Maren Kroymann & Band die Preisträger und Preisträgerinnen, die Jury und übrigen Gäste, die zur Verleihung des Zugabe-Preises in das KörberForum gekommen sind. 

«Die Zahl 60 schwebt unübersehbar im Raum«, stellt die Sängerin, Schauspielerin und zweifache Grimme-Preisträgerin fest. Doch das nicht allein wegen Kroymanns aktuellem Bühnenprogramm »In My Sixties«, sondern vor allem wegen der ausgezeichneten Gründer und Gründerinnen. Denn mit dem neuen Zugabe-Preis würdigt die Körber-Stiftung im 60. Jahr ihres Bestehens 2019 erstmals Gründer und Gründerinnen ab 60 Jahren, die Lösungen für die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit gefunden haben. Vier solcher Persönlichkeiten werden an diesem Tag ausgezeichnet.  Menschen, die nach ihrer Berufstätigkeit im höheren Alter noch einmal unternehmerische Strukturen geschaffen haben, die die Gesellschaft besser machen.

Das Beste kommt zum Schluss

Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, formuliert es in seinen einführenden Worten so: »Zugabe, das ist das Finale im Konzertbetrieb, das Musikstück, das nicht mehr im Programm steht, das Sahnestück, das die Stimmung zum Siedepunkt bringt. Wir finden deshalb, dass dieser Titel auch gut zu unserem neuen Projekt passt. Das Beste kommt zum Schluss.« 
 
Wer heute sechzig wird, wolle weder in den Ruhestand noch aufs Abstellgleis, sondern gestalten, die Voraussetzungen dafür seien besser denn je. »Sechzig steht heute für Erfahrung und für Innovation, für Bilanzieren und für die Chance für einen neuen Aufbruch.« Grundgedanken, die die Körber-Stiftung auch in der Stiftungs-DNA verankert habe. Denn Körbers eigene »Zugabe« war die Körber-Stiftung, die er 1959 an seinem 50. Geburtstag gegründet hat. »Körber selbst hat sich nie als Mäzen verstanden. Er wollte immer Anstifer sein. Er wollte unternehmerisch auf Fragen der Zeit reagieren«, beschreibt Dittmer die Motivation des Hamburger Stifters.

Wie groß ist denn heute die Bereitschaft, sich jenseits der Fünfzig noch einmal in die Pflicht nehmen zu lassen? Eine Umfrage der Körber-Stifung hat ergeben: 20 Prozent aller 50- bis 75-Jährigen können sich eine Unternehmensgründung vorstellen. Damit das gelingt, will die Körber-Stiftung nicht nur mit dem Zugabe-Preis diese Menschen motivieren und sichtbar machen, sondern sie auch praktisch unterstützen. »Start-up-Kurse, Barcamps und Vernetzungstreffen dürfen kein Privileg der Youtube-Generation sein. Fürs Gründen ist es nie zu spät«, befand Lothar Dittmer.

Gründen 60plus: mutig Neuland betreten

Die Preisträger und Preisträgerinnen der mit drei mal 60.000 Euro dotierten Auszeichnung stellt die Moderatorin Andrea Thilo vor. Bevor die vier Preisträgerinnen und Preisträger ihren Zugabe-Preis überreicht bekommen, erhält Otto Stender – Mitglied der Shortlist des Zugabe-Preises 2019 – von Lothar Dittmer eine Auszeichnung für sein Lebenswerk. Der Hannoveraner Buchhändler gründete 2003 mit 67 Jahren »MENTOR – die Leselernhelfer«, eine Leseinitiative mit heute deutschlandweit 80 Vereinen. Die Preisträger und Preisträgerinnen der mit drei mal 60.000 Euro dotierten Auszeichnung stellt danach die Moderatorin Andrea Thilo vor. Den ersten Preis teilen sich zwei Menschen, deren unternehmerische Idee nicht unterschiedlicher sein könnte, die aber vieles gemeinsam haben: große Energie, Menschenfreundlichkeit, Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, mutig Neuland zu betreten.

Michael Hoppe, heute 70, verkaufte mit 53 Jahren sein Unternehmen, ein erfolgreiches Marktforschungsinstitut, und machte sich auf die Suche nach einer »Zugabe«. »Ich war zu jung für eine Kreuzfahrt und für Enkel, die es noch nicht gab. Ich war auf der Suche nach einer Vision, wie ich anderen Menschen helfen kann«, sagte der Hamburger auf der Bühne. Als er auf seiner ersten Reise auf den afrikanischen Kontinent in Namibia die dortigen Probleme erkannte, wusste er, dass er fündig geworden war. »Da klopfte mein Herz als Unternehmer: Da musst du was unternehmen«, beschrieb er den Moment, der zur Gründung von »Steps for children« führte, seiner Stiftung, die heute an sechs Standorten in dem afrikanischen Land Hilfe zur Selbsthilfe fördert und sich selbst tragende Strukturen aufbaut.

Für die zweite erste Preisträgerin, die Biologin und freischaffende Künstlerin Anna Vonnemann, 69, gab es einen ganz anderen Anstoß für die Gründung ihres Start-ups: Sie wollte ihre Tochter vor dem Rollstuhl bewahren. Aufgrund eines Schlaganfalls war das Mädchen seit ihrer Geburt halbseitig gelähmt, zunehmend litt sie unter Schmerzen und Ausgrenzung. »Was wollen Sie denn da tun? Ein Küsschen geben?«, so Vonnemann im Einspielfilm zu ihrem Projekt. Stattdessen befragte die Mutter den skeptischen Neurologen, beschaffte sich Bauteile im Elektronikmarkt und tüftelte am Küchentisch an einem Gerät zur Haltungs- und Bewegungskontrolle. 2005 war der erste Prototyp fertig – und die Erfinderin erhielt Unterstützung von Medizintechnikern und Ingenieuren der TU Berlin. 2015 gründete die Berlinerin die Firma ReModD (Remember Motion Device). Anna Vonnemanns Motto: »Man muss es machen.«

In den besten Jahren – und ihrer Zeit voraus

Ute Büchmann, die dritte Preisträgerin des ersten Zugabe-Jahrgangs, hatte jahrelang als Frauenbeauftragte im Kreis Plön/Schleswig-Holstein gearbeitet. Immer wieder waren ihr hier Frauen begegnet, die nach einer Familien- oder Pflegezeit den Anschluss ans Arbeitsleben nicht mehr gefunden hatten. Als es ihrem Vater nach dem Tod seiner Frau schlecht ging, suchte Büchmann einen Gesprächspartner für ihn, fand niemanden – und entdeckte auf diese Weise eine Marktlücke. »Man müsste die gut ausgebildeten Frauen mit den alten Menschen zusammenbringen. Beide würden davon profitieren«, fasst sie ihre Unternehmensidee im Gespräch mit Andrea Thilo zusammen. In den vergangenen 12 Jahren hat die heute 65-Jährige mit ihrer Büchmann Seminare KG rund 1400 Senioren-Assistenten und -Assistentinnen ausgebildet – und gleichzeitig ein neues Berufsbild geschaffen, Menschen, die als selbstständige Dienstleister arbeiten und individuell gucken: Was baucht dieser ältere Mensch? Wie kann man all die Potenziale, die er noch hat, wieder stärker hervorholen? Welche Unterstützung macht seinen Alltag besser? Als Laudatorin hob die Journalistin Margret Heckel hob hervor: »Als Ute Büchmann mit 53 Jahren ihr Unternehmen gründete, war sie nicht nur in ihren besten Jahren, sondern vor allem ihrer Zeit voraus. Denn sie hat Marktlücken in der alternden Gesellschaft entdeckt. Immer mehr Ältere brauchen nicht nur Pflege, sondern auch soziale Betreuung.«

Etwas Bedeutendes anzuzetteln, ist befriedigender als eine Kreuzfahrt 

Auch der vierte Preisträger hat etwas zusammengeführt, was es vorher so nicht gab: Gründergeist und Strafvollzug. Früher unterrichtete Bernward Jopen, heute 75 Jahre alt, als Mitgründer und Co-Geschäftsführer des Entrepreneurship-Center der TU München Studierende. Mit 67 Jahren, wenn andere in die Rente gehen, fand er eine neue Zielgruppe: »Knackies«, wie er salopp sagt. Inspiriert von einem Vorbild in den USA, bildet er mit seiner Leonhard gGmbH in München Strafgefangene, die sich dafür qualifiziert haben, in einem 20-wöchigen Kurs zu »tüchtigen Unternehmern« aus. Erfolgreich! Im Schnitt 27 Tage nach der Entlassung haben 60 Prozent seiner Absolventen eine Tätigkeit gefunden, nicht immer als Firmengründer, aber mit Perspektive. »Dafür hat sich der ganze Gefängnisaufenthalt gelohnt«, meldete einer von ihnen Jopen einmal zurück. Solches Feedback sei der größte Lohn für ihn, so der späte Gründer. Laudatorin für den vierten Zugabe-Preisträger war die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries, die den Preis mit besonderer Freude überreichte. »Kriminelle sind kreativ, risikobereit und durchsetzungsfähig. Das haben Sie erkannt! Sie kitzeln dieses Entrepreneurship aus den Strafgefangenen heraus. Dafür werden Sie heute augezeichnet.«

Zum Abschluss rockt Maren Kroymann noch einmal mit Klassikern aus den Sechzigern die Bühne – und wechselt dabei spielerisch zwischen Rock (»It’s all over now«), Chanson (»Toi jamais«) und Schmonzette (»Geh nicht vorbei«). »Wir wollen die Genre-Definitionen in die Luft sprengen, Schubladen zu Sägespänen zerfallen lassen – die übrigens aus demselben Material sind, wie das Brett vorm Kopf«, beschreibt die Kabarettistin charmant und mit feiner Spitze ihre Musik-Show und lobt die Vorzüge des Alterns: »Das Schöne ist, dass wir jetzt Zuschreibungen leichter entkommen. Es wird einem einfach wurschter.«

Beim anschließenden Empfang in der Halle des KörberForums ist Zeit für Austausch und abschließende Worte. Preisträger Bernward Jopen rät kommenden Gründern und Gründerinnen: »Über 60-Jährige können viel mehr als sie glauben. Und spät noch einmal etwas Bedeutendes anzuzetteln, ist viel befriedigender als Unkraut zu jäten, der Partnerin oder dem Partner auf die Nerven zu gehen oder eine Kreuzfahrt zu machen.« 

Die Filmemacherin und Politikerin Barbara Wackernagel-Jacobs, Jurymitglied und Laudatorin für Steps for children-Gründer Michael Hoppe, meint: »Wir brauchen in der Gesellschaft neue Altersbilder. Diese Preisträger sind die allerbesten Vorbilder.«

Fotogalerie

  • Die Moderatorin Andrea Thilo eröffnet die Zugabe-Preisverleihung    
  • Dr. Lothar Dittmer, Vorstandstandvorsitzender der Körber-Stiftung    
  • Dr. Lothar Dittmer ehrt Otto Stender, MENTOR die Leselernhelfer, für sein Lebenswerk    
  • Andrea Thilo, Otto Stender, Jurymitglied Barbara Wackernagel-Jacobs, Preisträger Dr. Michael Hoppe (v.l.n.r.)    
  • Dr. Lothar Dittmer beglückwünscht Otto Stender    
  • Andrea Thilo im Gespräch mit Preisträger Dr. Michael Hoppe    
  • Andrea Thilo im Gespräch mit Preisträgerin Anna Vonnemann    
  • Andrea Thilo im Gespräch mit Preisträgerin Ute Büchmann    
  • Laudatorin und Jurymitglied Margaret Heckel    
  • Laudatorin und Jurymitglied Brigitte Zypries    
  • Preisträger Dr. Bernward Jopen und Jurymitglied Brigitte Zypries    
  • Maren Kroymann & Band    
  • Maren Kroymann & Band    
  • Fotos

    Fotos von der Verleihung des Zugabe-Preises 2019 in der Körber-Stiftung am 4. Juni 2019.

    Die Fotos können im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über den Zugabe-Preis mit dem Fotocredit Körber-Stiftung/Claudia Höhne honorarfrei veröffentlicht werden.

    Preisträgerinnen und Preisträger mit dem Vorsitzenden des Vorstands der Körber-Stiftung (v.l.n.r. Lothar Dittmer, Michael Hoppe, Anne Vonnemann, Ute Büchmann, Bernward Jopen)

    Download (JPG)

    Lothar Dittmer, Vorsitzender des Vorstands der Körber-Stiftung, Preisträgerin Ute Büchmann und Laudatorin Margaret Heckel (v.l.)

    Download (JPG)

    Lothar Dittmer, Vorsitzender des Vorstands der Körber-Stiftung, Preisträger Michael Hoppe und Laudatorin Barbara Wackernagel-Jacobs (v.l.)

    Download (JPG)

    Lothar Dittmer, Vorsitzender des Vorstands der Körber-Stiftung, Preisträger Bernward Jopen und Laudatorin Brigitte Zypries (v.l.)

    Download (JPG)

    Lothar Dittmer, Vorsitzender des Vorstands der Körber-Stiftung, Preisträgerin Anna Vonnemann und Laudator Rudolf Kast (v.l.)

    Download (JPG)

    to top