Zugabe-Preis: Preisträger/innen 2021

Annette Habert

Flechtwerk 2+1 gGmbH
München

Annette Habert (60) stabilisiert Scheidungsfamilien: Ihre gemeinnützige GmbH Flechtwerk 2+1 vermittelt weit entfernt lebenden Müttern und vor allem Vätern private Gastgeber für die Übernachtung beim Besuch ihres Kindes, Räume für das Zusammentreffen und ehrenamtliche Coaches. Rund 1800 Gastfamilien öffnen ihre Türen für ca. 1400 geschiedene Eltern. Ihr Sozialunternehmen hat die Religionspädagogin 2012 gegründet; bis heute wachsen die Mitgliederzahlen. Seit 2020 beteiligen sich ihr Wohnort München und das Bundesfamilienministerium an den Kosten. Zu Beginn aber hatte Annette Habert eine eigene Erbschaft in ihr Sozialunternehmen eingebracht – und ihre Lebenserfahrung: Sie war selbst alleinerziehend, hatte ein Pflegekind aufgenommen und auf Missstände immer wieder persönlich reagiert, zum Beispiel durch Hilfstransporte im Jugoslawienkrieg. Das Unternehmertum, sagt sie, war ihr nicht in die Wiege gelegt, aber Verantwortung zu übernehmen, schon – und erst recht bei ihrem Lebensthema »Bindungen«. Von der »Analphabetin in der Unternehmensführung« ist sie zur selbstbewussten Sozialunternehmerin gereift, die für die Bindungssicherheit von Kindern nicht nur erfolgreich kämpft, sondern ihre Stimme auch in der politischen Debatte erhebt.

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Fotonachweis: Körber-Stiftung/Flechtwerk2+1, Axel Öland

Dirk Müller-Remus

auticon GmbH und Diversicon GmbH
Berlin

Dirk Müller-Remus (63) ist ein gleich mehrfach erprobter »Senior Social Entrepreneur«. Mit der auticon GmbH und der Diversicon GmbH vermittelt der Berliner vorrangig Autisten in den Arbeitsmarkt. Der Wirtschaftsinformatiker hatte bei seinem eigenen Sohn ihre speziellen Stärken erkannt – wie Logik, Mustererkennung, Fehlersuche und Präzision. Aber er musste auch erfahren: 70% aller Autisten in Deutschland sind arbeitslos. Seit 2011 vermittelt deshalb die auticon GmbH Autisten als IT-Fachkräfte in den ersten Arbeitsmarkt. Mit großem Erfolg: Über 400 Arbeitsplätze wurden bereits geschaffen und auticon ist in der IT-Branche fest etabliert. Die IT-Unternehmen gewinnen gute Mitarbeiter, aber auch Erfahrung mit Inklusion. auticon trägt sich durch seinen Umsatz so gut selbst, dass Dirk Müller-Remus 2017 ein zweites Unternehmen gründen konnte: die Diversicon GmbH, ein Personaldienstleistungsunternehmen für Arbeitslose mit neurodiversen Hemmnissen, neben Autismus zählt dazu z.B. auch ADHS. Dirk Müller-Remus ist stolz auf seinen unternehmerischen Erfolg, hat aber auch noch viele neue Ideen für weitere visionäre Gründungen. Dirk Müller-Remus Gründergeist beweist, dass Start-ups zu Unrecht nur mit Jüngeren verbunden werden. Auch ältere Gründer »wollen noch etwas bewegen und die Gesellschaft verbessern«.

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Fotonachweis: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

Josef Martin

Seniorengenossenschaft Riedlingen

Der Agrar-Ingenieur Josef Martin (85) lebt seine Zugeber-Karriere bereits seit fast 30 Jahren. Schon 1991, damals 56 Jahre alt, hatte er die Folgen des demografischen Wandels erkannt: die Landflucht der Jungen sowie mögliche Armut und fehlende Versorgung der Alten. Um seine Heimatstadt Riedlingen am Rand der schwäbischen Alb demografiefest zu machen, gründete er die Seniorengenossenschaft Riedlingen, organisiert als Verein. Sie war nicht nur die erste ihrer Art in Deutschland, sondern als Beispiel bürgerschaftlicher Selbsthilfe das Modell für viele spätere Seniorengenossenschaften im ganzen deutschsprachigen Raum. In Riedlingen bietet Josef Martins Gründung den Älteren barrierefreie Wohnungen, eine Demenztagespflege, Hilfe im Haushalt, Essens- oder Fahrdienste zu bezahlbaren Preisen. Neben 22 Fachkräften erbringen auch über 100 ältere Bürger und Bürgerinnen diese Leistungen und erhalten für ihr Engagement eine Vergütung oder eine Gutschrift auf ein Zeitkonto. Von 10.000 Einwohnern sind heute 850 Mitglieder der Seniorengenossenschaft. Josef Martin ist noch immer ihr ehrenamtlicher Vorsitzender. Als Pionier ist er bis heute vom Nutzen und auch der Wirtschaftlichkeit des solidarischen Genossenschaftsgedankens überzeugt. Seinen unternehmerischen Einsatz trägt er auch in die Politik – ihr empfiehlt er, sorgende Gemeinschaften von Bürgern viel stärker zu fördern.

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Fotonachweis: Körber-Stiftung/Bianca Hohl